Philipp Modersohn

Philipp Modersohn
Turbulenzen im Teich
7. März – 18. April 2015
Eröffnung: Freitag, 6. März 2015, 19.00 Uhr

Ein Akkordeon nimmt einen tiefen Atemzug und füllt das Ausmaß seines inneren Hohlraums. Es kann alle möglichen Gase absorbieren, giftige, verrauchte, staubige, saubere – ganz gleich was, es nimmt wahllos sämtliche Substanzen aus der Umgebung auf. Bei auseinandergezogenem Balg kann man einzelne Rippen erkennen, die sich aufbiegen und wieder ermatten. Hat es genug eingeatmet, fällt es sachte in sich zusammen und setzt einen Chor von Harmonien frei, in welchem die Tiefen seiner Brust nachklingen. Alles, was drinnen war, wird dabei herausgepresst, füllt die Hallen unserer Ohren und den umgebenden Raum mit neuen Mischungen und Temperaturen, um dann wieder zurück in den Bauch des Instruments gesaugt zu werden oder sich sorgsam geschichtet anderswo abzulagern.

Die Turbulenzen im Teich sind ein angehaltener Moment in diesem Sedimentations- und Dispersionszyklus. Eine partyähnliche Szene, die knapp unter die Teichoberfläche sinkt; der geschlossene Biosphärenkreislauf und kulturelle Bezüge sind unter die flachen, seerosenblattähnlichen Elemente abgetaucht. Sandige und körnige Partikel sprudeln an die Oberfläche empor, zerschmelzen aber auch zu festen Formen, die sich über den Wasserspiegel erheben.

Die Bullaugen, die den Umfang markieren, sind im Übergang aus ihrem körnigen Urzustand begriffen und implizieren einen Blick von oben auf die Szene, so als schaue man auf ein zusammengefaltetes Akkordeon. Der Blick aus der Vogelperspektive auf den Teich ruft – wie ein Blick auf eine Harmonika mit zwei runden Enden – den Eindruck hervor, eine einfache Anordnung von atemleeren zusammengefalteten Flachzylindern zu sehen. Die geometrischen Umrisse verdichten sich in perfekte, über eine Landschaft verstreute Ovale.

Auch wenn ein Akkordeon zusammengefaltet ist, kann man sich trotzdem das Volumen seines Atems ausmalen, wie er von einem Rippensegment zum nächsten strömt. Mit etwas gutem Willen könnte man sich sogar ein gigantisches Instrument vorstellen, dessen Kammern sich mit Ozeanströmungen füllen und wieder leeren und vulkanische Partikel ausstoßen, die schließlich wie Staub auf Autofenstern und saftigen grünen Weiden niedergehen. Mit der Zeit ziehen die Rippen sich zusammen und der gesammelte Staub wird zu Stein komprimiert. Ein Stein ist in vielerlei Hinsicht wie eine zusammengefaltete Harmonika, voller Potenzial in Erwartung des nächsten Atemzuges, der alles wieder in Partikel aufbricht und die Lungen der Welt so weit wie irgend möglich füllt, bevor er in einer anderen Konsistenz erneut ausgestoßen wird.

Dass dies ein Fest ist, wundert umso weniger als hier, ganz langsam und nicht wahrnehmbar für unser ungeduldiges Ohr, in leise summenden Turbulenzen das Zusammendrücken und Auseinanderziehen des geologischen Akkordeons harmonisch nachklingt. Wenn der Bauch voll ist, sammeln und schichten sich die Sandkörner wieder zu Bergen auf, zu Monumenten und Bauten, und gleiten ab in Teiche und Pfützen, sobald der Mensch oder andere natürliche Kräfte sie dazu drängen.

Anna Szaflarski

Philipp Modersohn, *1986 in Bremen, lebt und arbeitet in Berlin. Studium der Bildenden Kunst an der Universität der Künste, Berlin (2007- 2013), Columbia Universität, New York (2009-2010) und der Philosophie an der Universität Potsdam (2006-2007). Ausgewählte Ausstellung sind: Die Punktierung der Sphärenarena, Correction Lines, Tiergarten, Berlin; Spacerologia, Park Manitiusa & Ego Gallery, Posen; Object and Environment, Galerie Guido W. Baudach, Berlin (2014); Tschajka 2, Klasse Pernice, Haus am Lützowplatz, Berlin; Meisterschülerausstellung, Universität der Künste, Berlin (2013); Handlungsbereitschaft II, Kunstsaele, Berlin; Thesis Show, Columbia Universität, New York; 5 seasons, Kleines Modehaus, Berlin; prelude, Junto Gallery, New York (2010).

 

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Philipp Modersohn, Turbulenzen im Teich, 2015, Ausstellungsansicht Galerie Guido W. Baudach, Berlin Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Photo: Roman März

 

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Philipp Modersohn, Turbulenzen im Teich, 2015, Ausstellungsansicht Galerie Guido W. Baudach, Berlin Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Photo: Roman März

 

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Philipp Modersohn, Turbulenzen im Teich, 2015, Ausstellungsansicht Galerie Guido W. Baudach, Berlin Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Photo: Roman März

 

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Philipp Modersohn, Turbulenzen im Teich, 2015, Ausstellungsansicht Galerie Guido W. Baudach, Berlin Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Photo: Roman März

 

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Philipp Modersohn, Turbulenzen im Teich, 2015, Ausstellungsansicht Galerie Guido W. Baudach, Berlin Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Photo: Roman März

 

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Plankton III, 2015, concrete, wood, chalk, varnish, various plant seeds / Beton, Holz, Kalk, Lack, diverse Pflanzensamen, 150 x 195 Ø 160 cm, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Photo: Roman März

 

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Floating XIV, 2015, concrete, glass, aluminium, basalt flour, quartz sand / Beton, Glas, Aluminium, Basaltmehl, Quarzsand, 42,5 x 31,5 x 5 cm, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin Photo: Roman März

 

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Mudde III, 2015, concrete, thin-bed mortar, iron oxide, chalk, aluminium, glass, pebbles / Beton, Dünnbettmörtel, Eisenoxid, Kalk, Aluminium, Glas, Kieselsteine, Ø 30 cm, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Photo: Roman März

 

Galerie Guido W. Baudach Potsdamer Straße 85 10785 Berlin
www.guidowbaudach.com