SAM KEOGH – EUROCOPTER EC135 @ Dortmunder Kunstverein

„Nachdem Versace von Andrew Cunanan am Morgen des 15. Juli 1997 auf der korallensteinernen Eingangstreppe seiner Villa erschossen wurde, eilte angeblich einer seiner Fans herbei, riss eine Werbeanzeige Versaces aus dem Vogue Magazin und wischte zum Andenken sein Blut auf. Der Entschluss, das frische Blut mit dem wasserabweisenden Hochglanzmagazin aufzuwischen, musste schnell fallen: nachdem der Körper weggebracht, aber noch bevor das Blut in der Sommersonne Floridas getrocknet und in die poröse Oberfläche der korallensteinernen Treppe eingedrungen war.“

Für seine immersiven, visuell vielfältigen Installationen nutzt Sam Keogh (*1985, in Irland) ein breites Spektrum an Materialien und Medien. In seinen neueren Arbeiten stehen die Installationen im Dienst von Performances, wodurch sich Skulpturen in Requisiten verwandeln, Collagen zu Erinnerungsstützen werden oder Oberflächen sich wie halb improvisierte Bilderschriften lesen lassen. Für Eurocopter EC135 hat Keogh eine Installation aus Zeichnungen, Skulpturen und dem Filmmitschnitt einer Performance am Eröffnungsabend entwickelt, die den Mord an Versace, Polizeihubschrauber und die mit rotem Marmor ausgestattete Hotellobby des „Hotel Unique“ in Dortmund miteinander verknüpft.

Elliptische Formen treiben unter einer den gesamten Boden der Ausstellung bedeckenden transparenten Plastikfolie und wiederholen variantenreich immer wieder dasselbe Motiv: ein nicht näher zu erkennendes Antlitz, das von schlangenartigen Locken und dem Motiv des „Greek key“, einem mäandernden geometrischen Ornament, umrahmt wird. Über die gesamte Ausstellungsfläche verstreut entdeckt man Skulpturen und Fundstücke; ein Paar Adiletten, Aquarien-Dekoration in Form eines abgestürzten Helikopters, eine aus einem Hochglanzmagazin ausgerissene Werbeanzeige Versaces, an versteinertes sowie verrottendes Fleisch erinnernde amorphe Klumpen oder Korallen. Zusammen evozieren diese Elemente die weite Fläche des Meeresbodens oder aber einen für ein schmuddeliges, möglicherweise gewalttätiges Treiben präparierten Raum.

Am Eröffnungsabend wurde dieses Setting durch eine Performance Sam Keoghs aktiviert, bei der die verstreuten Objekte neu arrangiert und Gruppen zugeordnet wurden. Einer losen Assoziationskette folgend, bahnte sich Keogh einen Weg durch die Installation, um Beziehungen zwischen drei sich daraufhin herauskristallisierender Sets herzustellen: dem Tatort des Versace-Mordes, einem Kriegsveteranen- Friedhof in New Jersey und der korallensteinernen Hotellobby des Unique. Jedes Set kontaminiert die beiden anderen, indem sich Verknüpfungen und Verflechtungen bilden und ein verwirrendes Durcheinander disparater (Bedeutungs-)Stränge erzeugt wird. An den Schnittstellen des Sets verwandelt sich Fleisch in Stein, Bilder beginnen zu bluten und Glamour de-sublimiert in Gewalt. Die mittels einer GoPro-Kamera aufgenommene Performance ist als Videomitschnitt in der Installation zu sehen.

Die Ausstellung Eurocopter EC135 wirft Fragen auf, inwiefern Oberflächen und Texturen bereits Narratives in sich tragen, wie dieses Narrative Materialien in neue Formen bringen, verwandeln kann und wie Geschichte dadurch haptisch, greifbar und formbar bzw. manipulierbar wird. Die Grenzen der dem Werk eingeschriebenen Kategorien werden verschoben, durchlässig, zu atmungsaktiven Membranen. Malerei wird zur Fotografie, Fotografien werden zu Skulpturen, Skulpturen werden zu Kulissen einer Performance, welche die Kategorien ver- und entschlüsselt, durcheinanderwirbelt.

Keogh lebt und arbeitet in Amsterdam, wo er seit diesem Jahr Resident der „Rijksakademie van beeldende kunsten“ ist. Eurocopter EC135 ist seine erste institutionelle Ausstellung in Deutschland.

 

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Captions/Photocredit:
Sam Keogh, EUROCOPTER EC 135, Installationsansicht, Dortmunder Kunstverein, 2016. Foto: Simon Vogel

DORTMUNDER KUNSTVEREIN
SAM KEOGH
EUROCOPTER EC135
4. JUNI BIS 14. AUGUST 2016
PARK DER PARTNERSTÄDTE 2
44137 DORTMUND