AKTIONSRAUM. Ein Raum, ein Labor, viele Aktionen – Württembergischer Kunstverein Stuttgart

Eine gute Performance habe ich immer mit dem Umstand verglichen, den Raum teilen zu müssen mit einer Person, deren Gegenwart ich nicht ertragen kann, weil ich mich ihr hoffnungslos unterlegen fühle.
Noch anschaulicher: In der Schule, eigentlich erst im Gymnasium, während der Gruppenarbeitsphase ein Zweierteam bilden zu müssen mit einem Mitschüler, dessen Präsenz ich nicht ertragen kann, weil ich mich ihm unterlegen fühle.
Der mit jedem Ausdruck im Gesicht ausstrahlt, dass alle meine guten Noten nichts bedeuten, weil ich zu Hause noch nie rebelliert habe, zu lange schon die Regeln befolge, die dort herrschen, der kalte Schweiß auf meiner Stirn und in meinen Handflächen sich zurückführen lässt, auf die Tatsache, dass ich noch nie das echte, harte Leben gespürt habe, das ich jetzt gerade in seiner Gestalt vor mir habe.
Viel schlimmer, als mit dem Mädchen zusammenzuarbeiten, in das man seit einer halben Ewigkeit heimlich verliebt ist, sich aber nicht traut, es ihr zu sagen, weil sie eine ist, die wahrscheinlich genau mit diesem Typen, meinem Gegenentwurf, zusammen wäre, hätte sie nicht schon einen viel Älteren und noch viel Cooleren aus der Oberstufe. „Bitte , Frau Lehrerin! Nein! Sehen Sie denn nicht, dass er mich mental zu brechen vermag!“, hätte ich am liebsten gerufen, aber ich hatte Angst, soziopathisch rüberzukommen und dann nicht mehr ihr Liebling zu sein. Angst, vor dem Rest der Klasse als Trottel dazustehen und durch meinen Einbruch zukünftig noch weniger die psychische und physische Präsenz meines Antagonisten aushalten zu können.
Eine gute Performance habe ich immer verglichen mit einem Wim Wenders-Roadmovie, wo man sich ständig fragt, wie können all diese Filmfiguren nur so intellektuell sein, und so gebildet, wo doch um sie herum keinerlei Kultur ist, nichts außer Wüste. Gute Performances habe ich immer mit Leuten verglichen, die ohne Unterwäsche in Slim-Fit Jeans schlüpfen und dabei das Kinks-Cover „Lola“ von Paloma Faith laufen lassen. Ich muss gestehen, dass all dies bereits formuliert war, bevor ich „Aktionsraum“ überhaupt besucht hatte. Aber ich hatte doch das Plakat gesehen, das die Ausstellung bewirbt und mich vorab mit dem Konzept vertraut gemacht: Schwarzer Grund – der Ausstellungsraum, in dem sich sonst Stellwände und die Kunst befinden, nun leergeräumt und abgedunkelt – darauf in weißen Lettern „AKTION“ – stattdessen bespielt von Mitglieder des Württembergischen Kunstvereins, die sich Performance zutrauen. Statt der sonst üblichen 250, dieses Mal nur knapp 60 eingereichte Bewerbungen. Bin ich also nicht allein mit meinen Empfindungen gegenüber der Performance-Kunst? Und im leeren Raum hätte auch all dies stattfinden können. Auch Direktor Hans D. Christ, weiß, als er ans Rednerpult tritt und eine erhöhte Position einnimmt, dass man sich hier im Laden etwas getraut hat: Eine gewöhnliche Mitgliederausstellung mit einem verträglicheren Anteil an Performances wird es nämlich dieses Jahr eben nicht geben. Basta!
Halt! An dieser Stelle muss aber noch kurz eingefügt werden, was es stattdessen geben sollte: Strenge Reglementierungen für Grafikdesign! Und zwar möglichst bald!
Regeln, die für Grafikdesign ebenso geltend zu machen sind, wie sie es bereits für korrektes Zitieren sind. Damit am Ende keine Falschaussagen im Text stehen, wie etwa „Adolf Hitler war ein […] großes Genie” statt „Adolf Hitler war ein größenwahnsinniger Massenmörder, gerierte sich aber als großes Genie”.
Viel zu professionell war das erwähnte Plakat dieser Ausstellung gestaltet, viel zu stimmig, viel zu wirkungsvoll und viel zu vortrefflich das ursprüngliche vorgehabte Konzept visuell umgesetzt. Im Endprodukt somit nur noch täuschend und in die Irre führend. Auf diese Weise hat es mich hergelockt nach Stuttgart!
Dort habe ich festgestellt, es reicht nicht, die Performance nur vorm Spiegel einzuüben und nun überhaupt das Gefühl, noch einmal einiges grundsätzlich definieren zu müssen, nicht nur was Grafikdesign und was es sich erlauben darf angeht, sondern auch im Bezug auf Performancekunst.
Irgendwie und auf irgendeiner Wiese sollte mit einer Performance doch Spannung erzeugt werden, vom Performer ausströmen, anstatt dass ebenjener die Spannung, die vom Publikum ausgeht nicht aushalten kann. Während seiner Performance zur Auflockerung zu erzählen beginnt, was er sich, bei dem, was er gerade darbietet, gedacht hat.
Irgendwie sollte er doch in der Lage sein, Atmosphäre zu erzeugen und den Raum, wenn man ihn schon extra für ihn leerräumt, zu füllen, ansonsten hätte man die Performance auch im Rahmenprogramm lassen können.
Unweigerlich tritt mir Thomas Gottschalk vors innere Auge, wie er zu sagen pflegte „Schade! Während der Generalprobe hat es doch so gut geklappt“ oder in einigen anderen Fällen: „In der Generalprobe hattest du ja so deine Probleme. Mal sehen, ob es jetzt klappt.“ Und weil wir uns in Württemberg befinden, auch noch Harald Schmidt, wie er das ganze parodiert.
Ich weiß auch nicht, weshalb mir beim Zuschauen all diese ausgedienten Showtitanen kamen –nur, dass sie alle nicht mehr da sind. Als nächstes noch Andy Borg vom Musikantenstadl. Vielleicht weil alle Performances von einem Kaliber waren, dass sie selbst das sensible Stadel-Publikum nicht wachzurütteln vermocht hätte und die Performer sich nach ihren Kurzeinsätzen problemlos wieder auf die Bierbank, in den Zuschauerrängen hätte reihen können, zurück zu Wurst und Weizenbier, nach dem Motto: „Des san die Zillertaler Blutsbrüder, die ham als klane Buben schon z’am Performenzes gmacht. Zeigts uns doch mal, was des is, a Performenz!“
Ich habe bereits Performances gesehen, während denen ich am liebsten geschrien hätte: „Das reicht!“ Dieses mal war der Tenor eher: „Das reicht nicht.“ bis hin zu „Könnt ihr euch nicht mehr anstrengen?“ Merkwürdigerweise werde ich hier zum Prinzipienreiter – normalerweise bedeutet für mich über Performances schreiben immer über mich selbst schreiben und ich konnte nachträglich anhand der verfassten Texte, je nachdem wie sehr ich mich von der Performance, berührt, enttarnt und vorgeführt gefühlt habe, ablesen, in welchem Stadium der Selbstreflexion ich mich gerade befinde.
Niemals hätte ich aber von mir selbst gedacht, dass ich auch noch die Dauer einer Performance zur Beurteilung deren Qualität heranziehen würde, empörte mich aber darüber, dass so gar nicht die Zeitangaben erfüllt wurden, die im Programm verzeichnet waren, sodass auf diese Weise, gar nichts gleichzeitig von statten gehen konnten, wie es eigentlich konzipiert war.
Irgendwie sollte durch die Performance in den Anwesenden, als auch im Performer doch etwas ausgelöst werden, ich will schließlich nicht während der Performance darüber nachdenken müssen, ob ich es schaffe innerhalb der nächsten drei Wochen noch meine zwei Hausarbeiten fertigzubekommen, die ich mir, bevor ich nach Italien reise, vorgenommen habe
Aber einer der Performer beginnt seinen Beitrag doch tatsächlich mit „Eigentlich hätte ich gerne, aber…“ Also bitte, das ist doch kein Einstieg! Wie soll man sich da denn als Zuschauer einlassen können?
Eigentlich hätte er gerne dem goldenen Hirsch auf dem Dach des Württembergischen Kunstvereins eine Beinschiene verpasst, das Statussymbol verunstaltet – aber warum hat er nicht? Hatte er Angst wegen Landesverrat oder Terrorismus wie in Russland lebenslang inhaftiert zu werden oder dass er runterfallen und sich das Bein brechen könnte. In beiden Fällen in absehbarer Zeit also keine Performances mehr machen und wahrscheinlich auch nicht seinem Hauptberuf nachgehen könnte, einen Krankenschein einreichen müsste oder im Anschluss eine Resozialisierung machen, um sich wieder in die Freiheit einzufinden?
Ist die ganze Russland-Berichterstattung schuld, oder dass sie in China Künstler wegsperren und in Kuba, dass sich auch in Stuttgart niemand mehr was traut? Der letzte, der sich was getraut hat, war Jonathan Meese in Bayreuth und auch der hat wie Gottschalk, Schmitt und Borg seinen Job verloren.
Überhaupt gab es keinerlei Wiederstand. Nicht mal von denen, deren Performance-Einreichung abgelehnt wurden. Zwei Jungs von der Stuttgarter Kunstakademie versprühten irgendein Aphrodisiakum, erschraken aber, als ich sie ansprach, wahrscheinlich, weil sie befürchteten, ich könnte sie fragen, ob sie die eindeutig gebrauchte Sprühflasche, die wahrscheinlich zur Bekämpfung von Insekten eingesetzt wurde, auch gründlich genug ausgespült hatten, sodass sich darin auch wirklich keine Giftstoffe mehr befinden konnten. Stattdessen wollte ich ihnen doch eine Chance geben, mich von ihrem einzigartigen Performance-Konzept zu überzeugen. Jedoch keinerlei Gabe zur Selbstvermarktung, obwohl es darauf meiner Meinung nach ankommt: „Hey! Ihr seid doch die, die ohne Unterwäsche rumlaufen, die Wim Wenders-Musen, ihr habt mir doch die Frauen weggeschnappt, vor euch hab ich mich doch so gefürchtet!“
Wo waren während der Ausstellung nur all die Wiedergänger der Antagonisten meiner, nach Freud, Genitalen Phase, stattdessen habe ich in jedem Performer einen meiner möglichen früheren Lieblingslehrer wiederentdeckt und mich gefragt, wieso ich als Schüler den Paukern immer einen gewissen Grundrespekt habe entgegenkommen lassen?
Einen Lichtblick gab es – jedoch erst am zweiten Abend: Simon Pfeffel. Sah eigentlich auch zu nett aus und saß wie ich auf einer Musikantenstadl-Bierbank, erzählt mir aber, wie oft er schon in Stuttgart bei der Durchführung seiner Performances mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei – Volltreffer! Das kann ich von mir nicht behaupten.
Seine Performance hat mich wirklich überzeugt, weil er als einziger die Gegebenheiten hat einfließen lassen und darauf regiert hat: Den leeren Raum füllte er mit 12 Akteuren, durchbrach die Dunkelheit mit Videoprojektionen, die von Beamern ausgingen, die die Performer als Rucksäcke trugen, verstand den Aktionsraum nicht beschränkt auf das Innere des Kunstvereins und zeigte Performer in den mannigfaltigsten Rollen, die sie einnehmen können.
Das beste war zum Schluss, dass all meine anderen Bewertungskriterien gar nicht auf ihn zutreffen können, dass er selbst gar nicht als Performer auftrat, sondern lediglich Regisseur seiner Performance , mir auf diese Weise vor Augen hält, dass ich die Performance vielleicht immer zu sehr von der Person des Performer abhängig gemacht habe und dabei immer zu sehr über mich selbst nachgedacht habe.

Das war der Auftakt. Session II folgt von 8.9.-12.9 Infos + Updates unter www.wkv-stuttgart.de

Text: Sebastian Späth

 

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Fotos: Sebastian Späth