Aliénor Dauchez

Im Ausstellungsraum tanzt ein fragiler Apfelbaum. Seine feingliedrigen Äste neigen sich tief nach rechts, die hellgrünen Blätter flattern nach links, Sekunden später schnellt der Baumstamm zurück nur um sich in die entgegengesetzte Richtung fallen zu lassen. Es ist ebenso ein brutaler Vorgang dessen Zeuge man hier wird, von etwas, was bedingungslos an eine scheinbar höhere Kraft gebunden ist. Die Maschine unter ihr arbeitet, sie pumpt, presst lärmend Luft zusammen.

Die aufgestaute Energie entlädt sich über Luftdruckzylinder, welche wie laut aufatmend die Plattform in die Höhe stößt, um sie anschließend zurückfallen zu lassen. Der sich darauf befindende Baum überträgt jede ihrer regelfreien Zuckungen in einen gewaltigen, lärmenden Tanz der an bedrohliche Simulationen von Naturkatastrophen erinnert.

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Aliénor Dauchez

„Das Rauschen der Blätter“, 2013, Luftdruckzylinder, Holz, Metal

Die Arbeiten Aliénor Dauchezs sind geprägt von jahrelanger und intensiver Auseinandersetzung mit dem Theater, dem Bühnenbild sowie dem Versuch eine Präsenz zu produzieren, anstatt sie zu imaginieren. Als Regisseurin brachte sie „Votre Faust“ von Henri Pousser im Radialsystem zur Aufführung, realisierte zusammen mit dem Solistenensemble Kaleidoskop die Guerilla-Aktionen

„XI- ein Polytop für Iannis Xenakis“ oder arbeitet an Klangperformances wie „L`errance“- in welcher sich ein kreuzförmiges Objekt in einen schalltoten Ort verwandelt bis hin zum absoluten Verlust jeglicher visuellen und klanglichen Reflexionen. Dauchezs künstlerische Produktion ist somit eng an eine spezifische Idee von Raum gebunden, welcher in der ästhetischen Erfahrung ein transformatives Potential entwickeln kann. Somit ist auch den objektzentrierten Arbeiten ein singulärer und grundlegend ephemerer Moment inhärent, welcher sich in der performativen Situation sowie der Konstellation im Ausstellungsraum für den Besucher herstellt.

Die Arbeit mit dem Titel „72 x 35 x 41 cm“, welche im Rahmen der Absolventenausstellung des diesjährigen Rundganges an der Universität der Künste Berlin zu sehen war, stellt mit den Daten der kleinsten Maße, die der gedrückte Körper der Künstlerin annehmen kann, die Frage nach der Einheit des Körpers und dem Raum den dieser in einem isolierten System braucht.

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Aliénor Dauchez

„72&35&41 cm“, 2014, Holz, Metal

In Kontext setzt Dauchez die Arbeit „die Ränder des Prägedrucks“- ein strukturiertes Papier dessen Zentrum durch den starken Druck eines Gegenstandes scharfe, farblose Spuren von Abdrücken aufweist. Beiden Arbeiten materialisieren auf komplexe Weise eine Kraft, die nicht auf einen Punkt gerichtet ist, die weder Zentrum noch Ziel hat sondern sich homogen verteilt. Dem physikalischen Zustand einer Isotropie gleich, welcher die Unabhängigkeit einer Eigenschaft von einer bestimmten Richtung beschreibt, thematisieren die zwei in Verbindung gesetzten Arbeiten über das konkrete Volumen des eigenen Körpers Fragen nach Einheit und Abgrenzung.

Dabei wird im Moment der fast gewaltsamen Interaktion – dem fest- und zudrücken des Körpers, ein beruhigender Zustand von befreiter Stilllegung erreicht.
In diesen Sekunden des Eingeschlossenseins, der radikalen Auslieferung an die eigens gesetzten

Maße der hölzernen Planken findet eine identitätsstiftende Verortung statt- der heterotopische Nullpunkt, das nie zu erreichende Zentrum in Abgrenzung zu den äußeren Grenzen der Haut vollzieht sich hier performativ. So entsteht die Utopie eines feststehenden Ortes, welcher für Sekunden der eigene ist.

Text: Maurin Dietrich

Ausstellungsansichten, UDK, Berlin 2014, Absolventenausstellung

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