Art Cologne

Treffpunkt am Donnerstag: Der Kölnische Kunstverein, oder vielmehr die Wiese davor, denn viel zu viele Menschen warteten darauf, einer nach dem anderen die Rauminstallation von Petrit Halilaj betreten zu dürfen. Zur Freude aller Ungeduldigen bietet sich durch die lange Fensterfront des Kunstvereins ein ziemlich guter Blick auf die von der Decke schwebenden, den Raum füllenden Stahlskulpturen – vergrößerte Kritzeleien auf Tischen und Bänken aus der ehemaligen Schule des Künstlers, die auch Thema seines neuen Films ist: hier dokumentiert und verewigt er die Schule einen Tag vor ihrem Abriss anhand von Erzählungen der Schüler, die die Baustelle begehen und schließlich ohne die autoritäre Präsenz der Lehrer in ihr vandalieren und ihre Markierungen setzen.

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© Leonie Pfennig

Ein paar Straßen weiter hat sich in den letzten Jahren nicht nur die Temporary Gallery, der von der Stadt geförderte zeitgenössische Ausstellungsraum, sondern auch eine Reihe von jungen Galerien angesiedelt. Den kleinsten Raum, und wie vielseitig man diesen bespielen kann, zeigt Laura Henseler mit ihrer Galerie Ginerva Gambino. Für die Ausstellung FICTION JEST DEBACLE hat Julian Stalbohm den Raum durch ein eingebautes Podest noch weiter verkleinert und gleichzeitig zur Bühne gemacht. Hauptakteure: Celebrities, Aliens, James Bond, der Papst – auf die hat Stalbohm in verschiedenen Wettbüros in London gewettet, so wie optimistische Eltern dort darauf setzen können, dass ihr Kind irgendwann bei Arsenal spielen wird. Wenn Leonardo diCaprio also wirklich im Jahr 2025 ein Kunstmuseum eröffnet, David Beckham der nächste James Bond wird oder das zweite Baby von William und Kate Gwynplaine heißt, hat Stalbohm gewonnen – die Gewinnquoten variieren zwischen 1/250 und 1/500. Der originale Wettzettel und damit der tatsächlich Gewinn sind irrelevant, was zählt, ist die Idee, auf dem Scanner vergrößert und den Raum einehmend. Denn was passiert, wenn sich auf einmal wirklich viele Leute zusammenschließen würden und auf dieselbe absurden Fantasien setzten? Was, wenn einer der Protagonisten das Spiel mitspielen würde, den Lauf der Dinge beeinflussen, und ein flüchtiges Hirngespinst, 15 Pfund wert, tatsächlich Geschichte schreiben würde? Julian Stalbohm fordert den Zufall heraus, ohne dabei den Humor zu verlieren oder Verschwörungstheorien verbreiten zu wollen. Ein kurioser Gedanke, John Galliano der zukünftige Chefredakteur der US-Vogue … oder ist es am Ende gar nicht so absurd?

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© Ginerva Gambino

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© Ginerva Gambino

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© Ginerva Gambino

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© Ginerva Gambino

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© Ginerva Gambino

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© Ginerva Gambino

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© Ginerva Gambino

Am Freitag führte kein Weg am Ebertplatz vorbei – Performances, Eröffnungen, Diplomausstellung, Konzerte und Party standen auf dem unterirdischen Programm.

Bei Bruch&Dallas fand der 2. Teil der performativen Inszenierung „Autonom“, einem kollektiven Projekt mit Edith Bories, Ivan Geddert, Ramon Graefenstein, Elisabeth Heil, Wanda Koller, Alexander Novak, Ulrike Schulze statt, nicht zu überhören und zu riechen, denn mitten im Projektraum war eine Rauchbombe explodiert, und zwischen Nebel und Silvesterknallergeruch wand sich eine wimmernde und schreiende Person im Ganzkörper-fleischbedrucktem Anzug aus einem verunglückten Pappauto, Schriftzüge an den Wänden verorteten die Szene in einem Parkhaus, ein bißchen unheimlich, ein bißchen durchgeknallt, benebelnd und vor allem unerwartet. Erfrischend, bis auf die Luft.

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© Leonie Pfennig

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© Leonie Pfennig

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© Leonie Pfennig

Nebenan bei GOLD+BETON zeigt Vera Drebusch ihre Diplomausstellung. In einem dunklen Raum laufen Wörter über ein LED-Band, das einzig sichtbare in dem schwarzen Raum ist die weiße leuchtende schlichte Schrift. Nach längerem kombinieren, lesen, assoziieren und raten kommt man schließlich darauf, dass alle 220 Wörter Synonyme für Muster sind, Warenprobe, Schnörkel oder Form. Die Projektion im vorderen Raum dagegen, eine gewundene blaue Linie auf durchschimmerndem orange-pergamentigem Grund entpuppt sich tatsächlich als das Abbild eines Dekolletés, die blaue Linie markiert den Weg, den Vera Drebuschs Großmutter als Kriegsvertriebene auf der Flucht zurücklegte und deren Spur Drebusch Jahre später mit dem Fahrrad nachzufahren versuchte. Zurück bleibt ein Bild, die leuchtende Spur des Weges als Projektion auf der Haut der Künstlerin. Um das kollektive Erinnern von historischen Ereignissen, Kriegen, Krisen geht es auch in der Serie von schwarzen Plakaten, die Vera Drebusch zwei Wochen lang in Dortmund-Dorstfeld installierte, in unmittelbarer Nachbarschaft der Hochburg der deutschen Neonazi-Szene, und auf denen sie unübersehbar, aber ohne den Kontext preiszugeben, Zitate syrischer Flüchtlingskindern platzierte.

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© Vera Drebusch

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© Vera Drebusch

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© Vera Drebusch

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© Vera Drebusch