Artists talking to Artists EINS – Samantha Bohatsch & Leda Bourgogne

We’re told it can be quite painful for artists to explain their work to someone else. Unless that someone else is another artist and a friend. Then, the discussion can be lush, relaxed and pleasant. That’s the kind of conversation KubaParis would like you to have access to. We’re therefore happy to introduce our new series, “Artists talking to Artists”. This time, Samantha Bohatsch chose to speak to Leda Bourgogne; for the next interview, Bourgogne will choose a conversation partner of her own, hence creating a chain of interlinked interviews.

Leda Bourgogne
„Stream of Eye, Stream of You“, 2018
Öl, Glitzer, Vaseline, Silikon, Samt, Wachstuch
60 x 48,5 x 2,5 cm
Courtesy BQ, Berlin
Fotos: Roman März, Berlin

Leda Bourgogne
„Eccomi“, 2018
Bleistift, Kohle, Acryl auf Leinwand
125 x 110 x 3 cm
Courtesy BQ, Berlin
Fotos: Roman März, Berlin

Samantha
Als ich bei deine Eröffnung von der Ausstellung “Skinless” bei BQ war, hast du ein Gedicht mit dem Namen „Harlequin Green“ vorgelesen. Kannst du mir etwas über dieses Gedicht erzählen?

Leda
Das Gedicht beginnt mit der Figur des Harlekins, und bewegt sich von da an fort zu einem anderen Du, welches das eines Liebhabers oder eines Freundes sein könnte. Insgesamt wechselt die Person, die angesprochen wird zwischen drei verschiedenen Figuren hin und her, einer ‘Guten’, einer ‘Bösen’ und einer Ambivalenten (die des Harlekins). Die Malerei des Harlekins in der Ausstellung ist dem eines Picassos’ entlehnt, einer Zeichnung aus dem Jahr 1905, mit dem Titel “Arlequín sentado en un sofá rojo”. Die Figur interessiert mich, da sie zwischen den Welten changierte, weder gut noch böse ist. Sie ist ein Trickster und ein Romantiker. Picassos’ Harlekin sah zudem noch weder weiblich noch männlich, und weder alt noch jung aus, sondern vollkommen einer anderen Dimension entsprungen, auch merkwürdigerweise starr, fast so als dieser Harlekin so für immer dasitzen und alles beobachten würde. Das Gedicht spricht also aus dem Harlekin heraus und entwickelt sich von da an weiter, spricht über ein Bild und eine Skulptur (“Stream of Eye, Stream of You”; die CD-Ständer) in der Ausstellung, über die “Aufhebung der Ordnung aller Sinne”, die Rimbaud als essentiell für die Findung seiner poetischen Sprache ansah – über eine verlorene und neu gefundene Liebe, und noch mehr, aber letztendlich ist es gar nicht so wichtig, woher die Wörter, die die Sätze bilden, kommen, ob sie dem Geflecht meines ‘Lebens’ entlehnt sind, oder meiner Imagination, oder der Sprache von jemand Anderem. ‘Autobiographie’ ist zudem immer eine Fiktion, man wählt ganz genau aus, welche Ereignisse man wie wiedergibt, und wie diese einen erscheinen lassen. Mir geht es eher darum, wie die Wörter, zu Sätzen geformt, Bilder zeichnen, wie sich diese Bilder in Zeilen auf dem Blatt untereinander schieben und eine bestimmte Stimmung heraufbeschwören. Die Zeilen könnten zum Teil ausgetauscht werden. Das Gedicht als ein weiteres Bild, das aus vielen Teilbildern besteht, in der Ausstellung, über die Ausstellung sprechend.

Samantha
Lässt du in deinen Gedichten häufiger andere Kunstwerke von dir auftauchen? 

Leda
Nein, das war das erste Mal.

Samantha
Warum hast du dich dieses Mal dafür entschieden? 

Leda
Es hing damit zusammen, dass ich zu der Zeit so viele Bilder produziert habe, dass es natürlich schien, diesen Prozess ins Schreibens mit einzubeziehen, mit dem Ziel, das Gedicht mit den Arbeiten am Ende in ein Ganzes überzuführen. Die vielen Bezüge im ‘Universum’ von “Skinless”, einem Universum, das man meistens nur selbst in seiner ganzen Komplexität kennt, und was – um des Produzierens Willens – eine von einem selbst geschaffene Fiktion ist, sollen dem Betrachter auf diese Weise näher gebracht werden. Warum man etwas macht, ist nicht so wichtig, es geht vielmehr darum, einen Ort zu schaffen, welcher das Begehren, zu Machen und Weiterzumachen, aufleben lässt.

Samantha
Ich dachte bei dem Gedicht auf jeden Fall an ein Gefühl von Begehren, sogar von Besessenheit. Deine surrealistische Sprache hat mich da richtig reingezogen.

Leda
Ja, das Ich-Subjekt in dem Gedicht ist auf jeden Fall getrieben, und vielleicht auch besessen. Aber es ist auch melancholisch. Es interessiert mich, Metaphern zu finden, die sich nicht erübrigen. Daher klingt es manchmal etwas überladen. Aber das Überladene interessiert mich gerade.

Samantha
Dieser Ort des Begehrens bzw des Weitermachens, was genau meinst du damit?

Leda
Ich meine damit, dass man den Ort für sich schaffen soll, in dem Begehren stattfinden kann, ohne zensiert oder genormt zu werden. Das Begehren, ein Gedicht zu schreiben oder ein Bild zu malen, ist nicht selbstverständlich, und es kommt einem immer wieder abhanden! Die Bedingungen für diesen Ort der der Produktion des Begehrens müssen sozusagen ständig neu vermittelt und justiert werden. Ich besprach das vor Kurzem mit einem Freund, Marcus Steinweg, und er meinte zu mir: Wenn es Erfolg gibt in der Kunst und im Denken, dann nur im Machenkönnen und Weitermachen. Ich fand das sehr einleuchtend.

Leda
Dein Schreibstil ist sehr minimalistisch, und ich finde es gut, wie die einzelnen Wörter hierdurch ein Eigenleben entwickeln. Hast du schon immer so geschrieben? Wer sind deine literarischen Vorbilder? Du hast einmal von Marguerite Duras gesprochen.

Samantha
Ich liebe Marguerite Duras. Und auch Joan Didion. Ich mag ihre trockene Art, wie sie Personen und Orte beschreiben. Wie eine Szenenbeschreibung für ein Theaterstück. Früher habe ich ein bisschen romantischer geschrieben, aber das hat mich irgendwann nicht mehr so interessiert. 

Leda
Wie war deine Vorgehensweise zum Beispiel bei SHE SAID? Wie findest du in deine Sprache?

Samantha
Ich wollte eine Arbeit machen, die von Hildegard von Bingen inspiriert ist. Während der Recherche fand ich heraus, dass sie ihre Visionen erst zur Mitte ihres Lebens publik machte. Weil sie so große Angst hatte, deshalb aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. In ihren eigenen Schriften spricht sie auch über ihre Gefühle während der Zeit davor, die haben mich sehr berührt. SHE SAID selbst handelt von dem Moment, wo die namenlose Protagonistin erkennt, dass sie anders ist als das, was als Norm gesehen wird. Ich schrieb den Text in diesen kurzen Sätzen, um ihre Panik und gefühlte Ausweglosigkeit zu unterstreichen. Aber da ich wusste, dass ich den Text vor Publikum aufführen würde und die Stimmung nicht komplett runterziehen wollte, entschied mich für eine Art Transformation der Protagonistin zum Ende hin.

Leda
Was ist das für eine Transformation?

Samantha
Sie wächst über sich selbst hinaus, sie lässt ihre Angst hinter sich.

Leda
Ja, das Ende war sehr schön. Je mehr ich darüber nachdenke, desto besser finde ich es, wie wenig Wörter du benutzt hast. Dadurch bekommen sie ein ganz anderes Gewicht!

Samantha
Spielt das für dich eine Rolle beim Schreiben? Wie dein Publikum auf dein Gedicht reagieren könnte?

Leda
Nein, wenn ich schreibe oder im Studio arbeite, kann ich nicht ans Publikum denken, oder ich zwinge mich, das nicht zu tun, das würde mich sonst blockieren. Das heisst nicht, dass ich nicht kommunikativ sein möchte, im Gegenteil, mir ist ein Gegenüber sehr wichtig, bzw. gesehen und anerkannt zu werden, ich denke, das geht jedem Künstler so, und auch jedem Menschen. Aber im Moment des Machens muss ich mich so auf die Sache konzentrieren, es werden ja so viele formale und inhaltliche Entscheidungen auf dem Weg zu einer fertigen Arbeit getroffen, und jede Entscheidung wiegt so schwer in dem Moment ihrer Durchführung, dass es kaum Platz gibt für ein Nachdenken über das Ende, das Publikum, bzw. darüber, wie das jetzt ankommen wird, sonst würde man nie weiter kommen, man wäre in einem Loop gefangen. Ich glaube, man soll sich unbedingt danach überlegen, was es ist, ob es kommuniziert oder nicht, und dann vielleicht etwas ändern oder hinzufügen. Aber natürlich ist das viel leichter gesagt als getan, meistens durchlebe ich eine sehr grosse Anspannung, bzw. mache mir wahnsinnige Sorgen, bis zum Zeitpunkt des Zeigens. An der Städelschule konnte ich mich zum Beispiel kaum an den Gruppenbesprechungen beteiligen, der Druck war zu gross. Aber gottseidank hat sich das dort glaube ich mittlerweile auch etwas geändert.

Samantha Bohatsch SHE SAID, 2018, Aufführung mit Veronika Bachfischer, Bob’s Pogo Bar/ KW Institute for Contemporary Art, Berlin
Fotograf: Felix Oehmann

Leda Bourgogne ist eine Künstlerin, die in Berlin lebt und arbeitet.
Samantha Bohatsch ist eine in Berlin lebende Künstlerin. samanthabohatsch.com

MerkenMerken

MerkenMerken