Bora Akinciturk – Zusxfycate Maksimum

Gentlemen, welcome to the world of reality – there is no audience. No one to applaud, to admire. No one to see you. Do you understand? [DFW, The Pale King; p. 231/Chpt. 22]

Die Geschichte webt sich aus verschiedenen Fäden: eine Textur, ein Gewebe, aus den flackernden Lichtfarben und Schemen, die sich an Wänden zeichnen. Der Raum hat keine Fenster, mein Blick geht über zwergenhohe Öffnungen, verzeichnet Schläuche, eine Zeichnung, zwei Displays, eine große, weiße Plane, die mich abschottet von dem, was ist, und schützt vor dem, was sein könnte.

Ich schaue nach links: Hände berühren Blumen, streicheln sie, liebkosen sie; die Blumen wehren sich nicht – wie auch. Ich fühle mich unwohl: die Hände zeigen mir die Blüten, die Hände zeigen sich selber, ich sehe feingliedrige, fleischige Fasern voller schwarzblau verlaufener Zeichnungen. Die Hände und Blumen verschwinden vor meinen Augen, ich sehe Rorschachbilder auf ihnen, was sehe ich? Ein fetischartiges Ritual, eine Beschwörung von Geschichten, aufgelöste Entitäten, die ich nicht kenne. Wer schreibt diese Geschichte? Ein weiterer Blick, die Hände und Blumen wechseln arrhythmisch, sie hören nicht auf, zu berühren und mich aus ihrer Welt auszuschließen. Ich gehe weiter, zu den Öffnungen.

An der wandgroßen Plane sind drei zwergenhohe Öffnungen. Alles scheint irgendwie provisorisch zu sein, es ist verklebt mit schwarzem Tape. Ich bücke mich, drehe mich, verrenke meinen Hals, strecke meinen Rumpf, um Ausschnitte zu erhaschen. Ein Kopf, der von Nägeln durchbohrt ist und eine Maske trägt, stiert mich mit seiner bluescreen-blau-reflektierenden Brille an. Vor einem metallenen Schild platziert legt sich ein leichter Dunst auf den schimmernden Stoff der Maske, von einem Nagel fällt ein Tropfen herab. Mein Blickt senkt sich zu der sich bildenden Pfütze. Ich sehe ein Becken, gefüllt mit einer dunklen, zähen Flüssigkeit, besetzt von schwarzen Kernen, die von einer transluzenten, weißlichen Schicht ummantelt sind. Schläuche verlassen und führen zurück zu den Becken, ich höre ein leichtes Rauschen und Rattern. Neben dem Becken befindet sich ein digitales Bild. Ich sehe verschiedene Zeichen und denke an Quantenphysik; Systeme und Metaphern einer Welt, die nicht meiner entsprechen. Vielleicht bricht in den nächsten Sekunden alles zusammen und vielleicht baut es sich sofort wieder auf, oder verschwindet durch eine unsichtbare Implosion. Kabel winden sich wie Hirnfasern über die Oberflächen, ich sehe weitere verschieden geformte Becken, in denen Flüssigkeiten schwimmen, wie in aufgebrochenen Schädeldecken. Eine blaue Lampe versucht einen Behälter zu beleuchten, er trägt einen Brocken in sich. Der Brocken versteht das blaue Licht nicht und ist weiterhin unbeeindruckt kristallin.

Ich gehe weiter. Ein greller Lichtkreis erhebt sich wie eine Ikone über Tatsachen: Blumentöpfe mit verschrobenem grünen Gewebe, erneut verschiedene Schläuche, die das Grün mit einer anderen Masse symbiotisch zusammenbringen; eine braune Tüte mit dem Logo einer Fast-Food-Kette, Überreste eines modernen Nomaden; ein durchsichtig blauer Rahmen mit einem kleinen Passfoto, das sich wie ein Perpetuum mobile drehen würde, wenn ich es berühren könnte.

Meine Augen suchen einen Ausweg, eine flackernde Oberfläche hält mich auf. Ein Aquarium, gefüllt mit der schwarzen, schweren Flüssigkeit und der immerwährenden schimmernden Masse, die aus den Ecken fließt; etwas Bekanntes ist zu erkennen – Moos – mehr nicht. An der Wand, hinter all dem, was ich nicht kenne oder doch, hat jemand weitere Spuren hinterlassen – graue Stäbe, ein Reagenzglas, eine topographische Karte. Ich verstehe nichts von alldem und gehe in die Knie. Ich kann nichts mehr sehen, die Ikonen umgarnen und nerven mich gleichzeitig – wer auch immer all das hinterlassen hat, er lässt mich nicht gehen, solange er noch nicht fertig ist mit mir. Ich weiß, dass er mich beobachtet; ein Kameraauge schielt aus der Ecke auf mein Hirn. Meine Knie berühren den kalten Boden; ich würde mich gerne anlehnen, die Plane wird mein Gewicht nicht halten können, ich balanciere von links nach rechts und versuche, etwas Weiteres zu finden, weitere Hinweise oder Hieroglyphen auf die Systeme dieser Welt.

Eine andere Öffnung zeigt mir vier ungleiche Behältnisse, eines ist durchsichtig. Ich frage mich, ob in einem der undurchsichtigen Behältnisse vielleicht ein Gehirn ist, das mit all den Schläuchen, die in den oben angeordneten Becken und Töpfen verwurzelt ist; vielleicht könnte dieses Gehirn feststellen, dass es sich in einem Tank befindet und all die wirren Versuchsanordnungen mit Informationen füllt; vielleicht simuliert eines dieser Gehirne ein eigenes Leben, ohne zu merken, dass es körperlose Masse ist, in einer nicht weiter zu definierenden Flüssigkeit.

Ich verliere das Gleichgewicht und blicke nach oben, vor die weiße Plane: ein gelber, massiver Schlauch ragt aus der Decke in die Plane hinein. Ich weiß nicht, wohin er führt, ob er ein reiner Bluff ist, oder das Leben hinter der Plane mit etwas füllt, vielleicht einem konservierenden Gas?

Einige Schritte zurück: hinter der großen, weißen Plane scheint eine Art Versuchsanordnung zu sein, eine andere Welt, die ich mir anschauen kann, die mich Welten spinnen lässt, die in einer anderen Dimension existieren, die ich nur beobachten kann; ein manisches Chaos, moderne Fossile, so wie sie dort hinterlassen sind. Konserviert, gesichert, hinterlassen für einen Betrachter, der nicht existiert – oder hat jemand auf mich gewartet? Eine Realität, die die Konstruktion ihrer selbst ist und keine Objektivität zulässt. Ich verstehe nichts. Wenn ich etwas von dem, was dort vorgeht, verstehen würde, müsste ich davon ausgehen, dass meine Realität der Realität desjenigen entspricht, der all das hier hinterlassen hat. Alles hinter dieser Plane ist in Bewegung und im Stillstand zugleich. Die verschiedenen hinterlassenen Zeichen, die zwischen Ikone und maximaler Absurdität pendeln, lassen meine Gedanken nicht in Ruhe. Woher soll ich denn wissen, was seine Realität ist oder war in dem Moment, in dem er alles angeordnet, sortiert hat und einen kleinen Kosmos geschaffen hat? Ich kann Verschwörungstheorien spinnen, Theorien einer alternativen Welt, Theorien der Welt des anderen, die in all ihren Schichten, Sedimenten und Erzen mich, den Menschen als Betrachter, als Agenten einer der existierenden vielen Welten, in die Position desjenigen schleudern, der über eine Realität – die des anderen – entscheiden muss. Hinter mir befindet sich an der Wand eine filigrane Zeichnung. Eine Blume. Ich erkenne sie – sie war immer da. Nun geht mir plötzlich auf, dass alles miteinander sprechen wird, sobald ich gehe. Der Ausgang ist verhangen mit einer schwarzen, undurchlässigen Plane. Ich gehe, das grelle Licht verschwindet.

Seda Pesen

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