Carolin Eidner – Vanishing Blue in Pursue of Red in Black 

Unsere Zeit ist geprägt durch eine zunehmende Synchronizität von Wahrheiten, welche im Zuge des Informationszeitalters und der Erfindung bzw. Verbreitung des Internets eine schier unüberwindliche Leere, aber auch ein immenses Potenzial im Individuum kreieren kann. Wo sich in der Vergangenheit noch Freiheit in der Weite des blauen Himmels als eine überschaubare Größe ausdrücken ließ, offenbart sich heute Freiheit in dem weißen Licht der Computerbildschirme im gleichen Maße, wie in der grenzenlosen Dunkelheit des Kosmos in einer schier unüberschaubaren Fülle von Interpretationsmöglichkeiten der Realität.

Die Zerrissenheit der menschlichen Existenz entfaltet sich endgültig in unserer Alltäglichkeit und legt sich unumwindbar über unser Zusammenleben. Unsicherheit über Glaube im Wissen begleitet uns und beginnt in unseren Herzen zu lodern. Erscheinen die neuesten Erkenntnisse aus der Quantenphysik nicht wie der Glaube an Götter fremder Kulturen? Oder stehen wir gar auf der Schwelle eines neuen Zeitalters, in dem die Menschheit das Göttliche neu definieren wird?

In der hinduistischen Kultur trägt Ganesha – der elefantenköpfige Gott – seinen linken abgebrochenen Stoßzahn in der Hand, als Zeichen der Überwindung von Dualität. Der von der Künstlerin gewählte Ausstellungstitel scheint auf die Gelassenheit hinzuweisen, die dieser auf einer Lotusblüte thronenden Figur inne wohnt.

Denn die Konfrontation mit dem Nichts muss einen nicht zwangsläufig frustrieren. Sie kann einen auch auffordern, sie zu durchdringen, zu akzeptieren und ihr selbst Bedeutung zu verleihen. Ist es nicht ohnehin unser Wille, der wie schwarze Lettern unserer Realität Form verleiht und sie definiert?

Und ist es nicht unsere Leidenschaft, die wie ein rotes Band die Realität und damit „Wahrheit“ zusammen hält und lebendig werden lässt? Wird eine Entscheidung nicht gleich Wahrheit und die Wahrheit zur Struktur?

Fest steht, dass dieses Phänomen der jüngsten Zeit mit einer Problematik korreliert, der sich gerade Künstler der Generation Carolin Eidners zu stellen haben. Sind sie doch Brückenfiguren zwischen der Begrenztheit des Himmels und der Unendlichkeit des Kosmos. Piloten in einem Raumschiff auf der Suche nach Bedeutung in einer durch das Nichts aufgerüttelten Welt.

Text: Jérôme Bucquet

Carolin Eidner (geb. 1984 in Berlin) studierte von 2009 bis 2010 an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei Erwin Wurm, im Anschluss daran bis zu ihrem Abschluss 2014 an der Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschülerin bei Rosemarie Trockel.

Zuletzt war ihr Werk in einer Einzelausstellung in der Langen Foundation, Neuss zu sehen. Ihre Arbeit war unter anderem in der Pinakothek der Moderne, München, Bundeskunsthalle, Bonn und der Kunsthalle Baselland zu sehen. Eidners Werk gehört auch zur Bayrischen Staatsgemäldesammlung.

2014 erhielt sie den Audi Art Award. Als erste Europäerin gewann sie 2017 den NADA Artadia Award. Seit 2014 hatte Carolin Eidner zwei Einzelausstellungen in der Galerie Natalia Hug in Köln 


Fotografie Roman März

AUREL SCHEIBLER
SCHÖNEBERGER UFER 71
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