Catherine Biocca THE FEAR OF KILLING / THE FEAR OF BEING KILLED

Rückblick
Catherine Biocca

THE FEAR OF KILLING / THE FEAR OF BEING KILLED

Einwegspritzen aus Plastik stecken in dem weichen, rosafarbenen Bodenbelag. Die Szenerie mutet klinisch an und lässt uns an die sterile Atmosphäre in einem Krankenhaus denken. Zugleich evoziert sie Bilder von Schmerz, ja von Gewalt. Auch haftet den steil in den Styrodurplatten steckenden, spitzen Spritzennadeln eine unterschwellige Aggression an. Eingeschränkt in unseren Bewegungen gehen wir sorgfältig zwischen den Spritzen hindurch. Sobald wir den Raum betreten sind wir unweigerlich Teil der Installation. NOMADIC AVENUE nennt Catherine Biocca die ortsspezifische Arbeit. Die Künstlerin ist seit jeher fasziniert vom Umgang mit Gewalt in der Geschichte der Menschheit, in den Gesellschaften und insbesondere in der Pop- und in der Unterhaltungskultur. So hat sie sich in künstlerischen Arbeiten beispielsweise mit realen Gewalterfahrungen von Schauspielerinnen und Schauspielern während den Dreharbeiten auseinandergesetzt oder recherchiert gegenwärtig über die Darstellung von Gewalt in Comics und Zeichentrickfilmen. THE FEAR OF KILLING/THE FEAR OF BEING KILLED greift ein Moment der subjektiven Gewaltempfindung oder der Gewaltanwendung auf, wie sie beispielsweise eine Chirurgin und deren Patienten mitunter erfahren. Oder wie wir sie vielleicht alle kennen, wenn wir uns mit dem Fahrrad zwischen Lastauto und Gehsteig hindurchzwängen. Derartige Angstgefühle bringt Catherine Biocca auch im Talk mit dem Kinderarzt Lucio Biocca und dem Schauspieler Johan Lind zur Sprache, der am Samstag, 18. Juni um 18h in der Ausstellung stattfindet.
Für Catherine Biocca sind die Aspekte einer passiven oder aktiven Gewalterfahrung mit dem psychologischen Phänomen der Schadenfreude verknüpft. Ein Thema, das sie in ihrer künstlerischen Praxis ebenfalls seit längerer Zeit umtreibt. Der Begriff der Schadenfreude, der unter anderem im Englischen oder im Italienischen als deutsches Lehnwort existiert, bezeichnet ganz grundsätzlich die Freude, die wir über das Missgeschick oder das Unglück anderer verspüren. Sie kann heimlich empfunden oder aber als lauter Hohn oder Spott geäussert werden. Dementsprechend beschreibt Schadenfreude immer das Verhältnis zwischen einer Zuschauerin oder einem Zuschauer und jenem Menschen, dem Pein, vielleicht auch Schmerz oder Gewalt wiederfährt. Vielleicht empfinden wir sie in jenem Moment, in dem vor unseren Augen jemand auf eine spitze Spritzennadel tritt. Die Videoarbeit GERTIE RELOADED greift diese Empfindungen auf. Präsentiert auf einem Bildschirmhalter erscheint sie als Skulptur, die menschliche Züge annimmt. Ein animierter und von Catherine Biocca eigens kreierter Avatar trägt vor einer vulkanartigen Landschaft verschiedene Definitionen von Schadenfreude vor. Diese Zitate hat die Künstlerin in intensiven Recherchen zusammengetragen. Sie stammen ebenso aus Episoden von Zeichentrickfilmen wie The Simpsons wie aus Büchern, die das Thema aus der wissenschaftlichen Perspektive der Psychologie oder der Soziologie ergründen. Die vorgetragenen Begriffsauslegungen führen uns die Dichotomie zwischen der korrekten Empathie und der eigentlich 
unkorrekten Schadenfreude vor Augen. Sie regen uns an nachzudenken, warum wir beispielsweise beim Betrachten von Gewalt schadenfreudig sind, ja, warum wir uns derart leichtsinnig und unbedacht auf diese Art von Amusement einlassen.
Im Kontext des gut einsehbaren Ausstellungsraumes, der gleichsam als Sinnbild für die Kunstwelt an sich stehen kann, erlangt die Schadenfreude nochmals eine spezifischere Bedeutung. Als Ort der gesteigerten Aufmerksamkeit und Schaulustigkeit, als kompetitives Feld ist die Welt der Kunst auch geprägt vom Beobachten des Erfolges und des Misserfolges von Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Dabei ist die Frage nach dem eigenen Überleben oder aber die Angst, in diesen neoliberalen Konkurrenzverhältnissen ‚getötet‘ zu werden, durchaus real. Überlebensstrategien offenbaren sich in der Akzeptanz von prekären Arbeitsbedingungen, die mit finanziellen Unsicherheiten einhergehen und gerne mit dem Erhalt von Ruhm und Ehre als zumindest symbolisches Kapital legitimiert werden. Catherine Bioccas Arbeiten regen auch solche Gedanken an. Als Künstlerin will sie dabei mit ihren Arbeitsstrategien auch einen alternativen Handlungsspielraum schaffen. Sie nutzt das Wissen anderer und teilt eigenes Knowhow in virtuellen und in realen Netzwerken. Sie arbeitet mit frei zugänglichen open-source Programmen, organisiert sich in Kollaborationen und sucht die Zusammenarbeit mit Personen innerhalb und ausserhalb der Kunstwelt. So schafft Catherine Biocca Räume, in denen die kompetitiven Dynamiken des Kunstfeldes umgeleitet und die damit einhergehende Schadenfreude ausgehebelt werden. In solchen Räumen wird ‚the fear of killing‘ und ‚the fear of being killed‘ wieder zum Gedankenexperiment und der Gang über eine rosafarbene Spritzenwiese kann leichtfüssig angetreten werden.

Catherine Biocca (*1984, DE/IT) hat Politikwissenschaften an der Universität Luiss in Rom und Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Von 2014 bis 2015 war sie ‚Artist in Residency‘ an der Rijksakademie in Amsterdam. Mit ihren Arbeiten ist sie in verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen präsent. So jüngst beispielsweise in der Ausstellung DISCREET JUSTICE (mit Charlotte Herzig) bei PSM Berlin, in Multiple choice double happiness im I:project space in Beijing, in UNFASTEN SEAT BELT bei Jeanine Hofland in Amsterdam oder in Asphalt Paintings im STRABAG Kunstforum in Wien. Seit März 2016 betreibt sie mit Benedikt Hipp und Elisabeth Reitmeier den Projektraum JOLLYJOKER in Amsterdam. Sie lebt und arbeitet in Berlin und in Amsterdam.

Le Foyer ist eine 2011 gegründete Gesprächs- und Ausstellungsplattform. Le Foyer verfolgt ganz im Sinne des Begriffs «foyer» – er bezeichnet einen Vorraum oder eine Wandelhalle sowie einen Brennpunkt oder Fokus – eine dialogische Kunstvermittlung, die einen informellen, auf Gesprächen und Austausch basierenden Diskurs ermöglicht. Indem KünstlerInnen als Gesprächsthema ein Interesse oder eine Leidenschaft oder mit einem Gast ihrer Wahl vor Publikum diskutieren rücken die Nebenschauplätze künstlerischer Praxis in den Brennpunkt. Diese sind Grundlage der Gespräche, und auch Ausgangspunkt von Ausstellungsprojekten. Gioia Dal Molin und Anna Francke betreiben Le Foyer.

LeFoyer0006

LeFoyer0009

LeFoyer0011

LeFoyer0013

LeFoyer0016

LeFoyer0018

LeFoyer0020

LeFoyer0022

LeFoyer0023

LeFoyer0026

Fotos: Claude Gasser

lefoyer-lefoyer.blogspot.ch

Fondation Nestlé pour l’Art, Stadt Zürich Kultur, Kanton Zürich Fachstelle Kultur und Pro Helvetia unterstützen Le Foyer.