COSMIC DISTURBANCE @ SCHMIDT & HANDRUP, Köln

Es liegt etwas in der Luft, ein Gefühl der latenten Unruhe, ein unbehagliches, das sich nicht richtig in Worte fassen lässt, ein Rauschen. Begriffe wie digitaler Kontrollverlust, künstliche Intelligenz, Big Data, Überwachung, aber auch Selbstoptimierungswahn, Effizienzsteigerung und konstante Beschleunigung schwirren irgendwo im Kopf herum und bilden ein Grundgeräusch, das sich nicht mehr ignorieren, aber auch nicht fassen lässt. Als gefühlt kleinstes Rädchen im System schwebt man irgendwo dazwischen, in dieser Wolke, in der man sich nicht wirklich wohl fühlt, je mehr man sich mit ihren Bestandteilen auseinandersetzt, aus der es aber auch keinen wirklichen Ausweg gibt, weil man sie selbst mit erschaffen hat.

Cosmic Disturbance, der Titel der Ausstellung bei Schmidt+Handrup in Köln, ist ein Zitat aus der Serie Mad Men, ins Gespräch geworfen vom Computerspezialisten Lloyd, als dieser den ersten PC in der Werbeagentur von Don Draper einrichtet. „The machine is frightening people, but it’s made by people“. Um dieses Dilemma kreisen die Arbeiten der fünf Künstler, die Nelly Gawellek für die Schau ausgesucht hat, und die sich wunderbar einfügen in das Rauschen, es befragen und visualisieren, ohne jedoch mit erhobenem Zeigefinger ein vorherrschendes System kritisieren zu wollen.

Der Städelschüler Bertrand Flanet schafft mit seiner zweiteiligen Videoinstallation einen fast hypnotischen Raum, der sich an Phrasen, Farben und Typografien der Werbung bedient, um seine Zuschauer wie ein Bildschirmschoner einlullend an sich zu bannen, links schweben seltsame Parolen aus dem Blue-Screen Hintergrund nach vorne, während rechts abwechselnd Regen, Wolken und Sonnenstrahlen vorbeiziehen. We will have names, pseudos, credit card numbers, passwords. … We will manage justice and law … We will have the monopoly of time and dark matters… Die Bedrohlichkeit, die aus diesen Sätzen spricht, wird durch ihre psychedelische Präsentationsform völlig banalisiert, geradezu schön. Wir werden bewusst verführt, von wem oder was bleibt unklar, wird aber auch nicht weiter hinterfragt.

Während bei Flanet eine höhere algorithmenbasierte Macht das Wort übernommen hat, ziehen in Marcus Kleinfelds Videoarbeit repetitive Sätze über den Bildschirm eines Fernsehers, die aus einem von der Church of Scientology praktizierten „Auditing“ entnommen wurden, einer Befragungs-Technik, die in vielen Sitzungen dazu führen soll, den für Scientologen ultimativen Status des „Clear“ zu erlangen, dem bestmöglichen Geisteszustand, in dem man alle Fehler und Makel hinter sich lässt und zu allem fähig ist. Marcus Kleinfelds Arbeit hinterfragt unseren Drang nach Selbstoptimierung, der längst nicht mehr nur eine körperliche sondern auch psychologische Dimensionen annimmt – die Verheißungen und Versprechen, die von Sekten wie Scientology propagiert werden, und die in Deutschland als verfassungsfeindlich eingestuft sind – könnten aus ihrem ursprünglichen Kontext extrahiert ebenso in Lifestyle- oder Selbsthilferatgebern auftauchen.

Mit den Optimierungsprozessen, die im urbanen Raum mittels der Architektur und Stadtplanung und im Produktdesign durch High-Tech-Entwicklungen von Materialien und Arbeitsschritten ablaufen, beschäftigt sich die norwegische Künstlerin Marte Eknaes. Alles kulminiert im Nackenkissen, diesem unscheinbaren höchst praktischen Allerweltsprodukt. Ergonomisch perfekt an die Bedürfnisse des menschlichen Körpers angepasst wird dieses simple Objekt ständig weiterentwickelt, optimiert und mittlerweile in zig verschiedenen Versionen und Preisklassen gehandelt. Marte Eknaes setzt es als reine Form ein, um in Verbindung mit einem silbernen Fahrradhelm, einem Gelkissen für müde Augen, einer verchromten Vase und einer Folie zur Verschönerung von Klodeckeln eine ironische Antwort auf architektonisches Meta-Design von à la Zaha Hadid zu liefern, in dem jeder von Menschen zurückzulegende Weg, die Umwelt, und das menschliche Grundbedürfnis nach einem zu Hause perfekt aufeinander abgestimmt sind.

Vom Nackenkissen schweift der Blick zur aufblasbaren Isomatte, noch so einem Gegenstand, dessen ergonomische Optimierung eine ganze Industrie beschäftigt, Survival-Training für den Ernstfall, die Apokalypse als Geschäftsmodell und Abenteuerurlaub, zurück zur Natur, aber nur mit mit GPS, Bergführer-App und vollautomatischem Campingkocher. Timo Seber klemmt die Matten zwischen Plexiglasscheiben, wo sie als dreidimensionale Struktur und Form den Hintergrund für Plots futuristischer Maschinen bilden, die sich als vergrößerte Computermäuse entpuppen. Mit Mäusen haben diese total perfektionierten von Profi-Gamern genutzten Varianten allerdings nicht mehr viel gemein, aber sie sind das entscheidende Stück, die materielle Verbindung zwischen dem Körper des Spielenden und den virtuellen Computerspielwelten.
Die Beobachtung des Spiel als utopischen Raum hat in den Geisteswissenschaften eine lange Tradition – in Zeiten der sich immer weiter entwickelnden Computerspiele bekommt dieser utopische Gedanke eine reale Komponente, die Timo Seber so interessiert: hinter dem Bildschirm, am anderen Ende der Maus sind alle gleich, es ist egal, wie alt, jung, dünn, reich, schön oder weiß ein Gamer ist, um erfolgreich zu sein. Eine geradezu perfekte Utopie, die hier längst existiert.

Die Demokratisierung durch das Internet, die Timo Seber in Computerspielen findet, liegt bei Benja Sachau in den schier unbegrenzten Möglichkeiten der Verbreitung von Verschwörungstheorien und utopischen Ideologien, die er aufspürt und visualisiert, angefangen mit Hale-Bopp, jenem Kometen, dessen Umkreisung der Erde im Jahr 1997 eine Gruppe von UFO-Gläubigen zum Anlass für einen Massensuizid nahm. Die Entschlüsselung dieses Falls und die Schuldfrage an der kollektiven Vergiftung, die der Rettung der Seelen der Betroffenen und ihr Entkommen vor der Apokalypse dienen sollte, untersucht Benja Sachau auf einer weißen Kachelfläche, auf die er Fragmente aus Briefen aus dem Gerichtsprozess wie unkenntliche Kritzeleien an die Wand bringt. Damals war nur eine kleine überschaubare Gruppe von asketisch lebenden Abergläubischen involviert – heute haben solche Theorien und Ideologien endlose Verbreitungswege, jeder kann seine eigene Theorie ins Netz stellen und in Foren nach Gleichgesinnten suchen. Die „Elite Theory“ bringt es bei Google auf über 73 Mio Hits. Sie besagt, dass die Welt eigentlich von Reptilien-ähnlichen Wesen aus einer 4. Dimension regiert wird, die als Merkel oder Obama getarnt schalten und walten. Benja Sachau zeigt dieses Konstrukt als kosmisch-leuchtendes Tableau aus violetten Flächen, in die er in akribischer Handarbeit Zahlencodes geritzt hat, die nach vorne strahlen, wie ein numerischer Sternenhimmel. Ist nicht dieser Sternenhimmel nach wie vor das größte Rätsel, unergründlich, seit Anbeginn der Menschheit erforscht, doch nie ergründet oder gänzlich erfasst, Ursprung von Religionen, Kulten, Kalendarien, … die Liste ist so unendlich wie unsere Suche nach der einen Wahrheit.

Text: Leonie Pfennig

 

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Cosmic Disturbance, 2015 Installationsansicht

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Cosmic Disturbance, 2015 Installationsansicht

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Cosmic Disturbance, 2015 Installationsansicht

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Cosmic Disturbance, 2015 Installationsansicht

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Cosmic Disturbance, 2015 Installationsansicht

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Cosmic Disturbance, 2015 Installationsansicht

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Marcus Kleinfeld, Audit, 2008 Video, Sound 4:3 (loop)

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Benja Sachau, The Elite Network, 2014, Zeichnung auf Matrize, LED, Künstlerrahmen / Drawing on die, LED, artist frames 332 x 226 cm

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Benja Sachau, Companion, 2013, Keramikkacheln, Edding, Holz / ceramic tiles, permanent marker, wood 122 x 152 cm

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Bertrand Flanet, Index Case Whatever, 2015 2-Kanal Video / 2 channel video 4:47 min (loop)

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Timo Seber, Static V / Insulated Static V, 2015, C-Print auf Plexiglas, Kunstfaser, Metall / C-print on plexiglass, synthetic fibre, metal, Je / each: 68 x 192 x 5 cm

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Timo Seber, Static V / Insulated Static V, 2015, C-Print auf Plexiglas, Kunstfaser, Metall / C-print on plexiglass, synthetic fibre, metal, Je / each: 68 x 192 x 5 cm

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Marte Eknæs, The Zaha Hadid Waterfront Waterpark, 2013, Nackenkissen, Fahrradhelm, Vase, Einlegesohlen, Aufkleber, Plexiglas, Galvalume / Neck pillow, bicycle helmet, vase, insoles, sticker, plexi glass, galvalume, 117 x 66 x 61 cm