COURTROOM by Maximiliane Baumgartner & Alex Wissel 

Courtroom

Lobeda, Jena

Es gibt Räume, deren Last wiegt schwer auf den Schultern ihrer Besucher gleich der Tiefe eines Waldes. Dunkel und dicht lagern sich die Ereignisse der Geschichte auf ihr strukturelles Gefüge, wie die schweigenden Äste einer Mauer aus hohen Tannen. Unhörbar und ohne den Hauch einer Regung stehen sie als stumme Zeugen dicht im Sichtfeld unserer Wahrnehmung und konzentrieren den Blick auf ein Geschehen, dessen Gewichtigkeit in unserer Erinnerung nur wenige Vorläufer findet. Wie ihnen begegnen? Wie sie sehen? Wie sie betreten, wenn sie sich nur noch als referentielle Hülle, ja als physisches Gehäuse präsentieren, deren ideologisches Inneres gleich mit seinen Protagonisten verschwunden scheint?

Das, was diese Räume beherbergten, ist kalt. So kalt, dass wir es in der Erinnerung noch nachspüren können und es sich auf die Straßen, Stadtteile und – in seiner Gänze – auf eine Region überträgt, aus deren Charakterisierung der Rechtsruck einer Generation von jungen Deutschen in den 1990er Jahren nicht mehr weg zu denken ist. Den Raum – imaginiert wie real – den sie durch ihre systematisierte Form von Hass schufen, hatte langsam begonnen Kontur anzunehmen. Abgeschirmt hinter den hohen Aufrissen einer Wand aus Plattenbauten des thüringischen Jena-Lobeda, das sie mit ihren skelettartigen Zügen in Schluchten durchzogen. Zwischen ihnen bewegten sie sich zu einem Rhythmus von Anarchie, dessen Form sich nicht aus Freiheit, sondern dem Drang nach Überlegenheit und Macht speiste. Eine erneute Struktur, die ihren Nährboden in der stetigen Präsenz von Kontrolle in einem Staat fand, dessen räumliche Umrisse nicht mehr existierten. Mit dem Zusammenbruch der alten Autorität waren sie verschwunden. Er – der Drang nach Anarchie – war geblieben. Hatte sich manifestiert, zu Tag wie in der Nacht, und gleichsam wöchentlich Opfer gefordert. Auch von ihnen zeugt nichts mehr in den Schluchten der bewohnbaren Bauutopien. Gleich dem Glauben an eine Idee kollektiven Lebens waren sie verstummt und mit den Resten eines sozialen Verständnisses von Asyl und Gemeinschaft verloschen. Ihr Raum hatte aufgehört zu existieren. Ebenso ist die Stimme verstummt, die über sie und die dort stattgefundenen Ereignisse sprechen könnte. Eine ungehörte Stimme und dabei doch eine, die den Schlüssel zur Verschränkung der Räume und Taten darstellt.

Maxvorstadt, München

Mit ihrem Schweigen eröffnete sich ein neuer Raum. Skizzenhaft umreißt ihn eine Zeichnung in der Publikationsreihe courtroom, deren Aufbau die Sicht frei gibt auf einen leeren Saal. In ihm findet sich nichts, dass uns an die Vergangenheit erinnert. Nichts, dass uns mitnehmen würde in das, was es in ihnen zu verhandeln gilt. Als Raum ist er leer, einzig bestechend durch die dunklen Oberflächen seiner Tische und die futuristischen Formen seiner rautenförmigen Deckenblöcke. Sie unterteilen die Zeichnung und geben das Sichtfeld frei auf die Besuchertribüne, deren markante orange-rote Sitze ebenfalls wie ausgelöscht scheinen.

Wie die Sprachlosigkeit einer einzigen Stimme liegt er in seiner abstrakten Baustruktur karg vor uns. Schweigend und doch wie die Mitte eines Zentrums, dessen Zugang sich durch eine Vielzahl multipler Wege und Korridore reglementiert. Gelegen im Annex des Strafjustizzentrums des Münchner Oberlandesgerichtes – einem nüchtern emporragenden Betonbau der 1970er Jahre. Hinein kommt nur, wer den Einlass durch Sicherheitsbarrieren und Kontrollen hinter sich bringt. Eintritt durch ein Zelt. Sich seiner Belange entleert, die Mitbringsel des Lebens ablegt und die Möglichkeiten sich ein selbstreflexives Bild zu machen versperrt. Trotz seiner Fülle während des nun mehrere hundert Tage umfassenden Prozesses bildet sich seit seinem Beginn 2013 eine Leere aus. Eine Leere konstruiert durch das Schweigen. Nicht nur das Schweigen des einzigen öffentlich bekannten und überlebenden Mitgliedes des Nationalsozialistischen Untergrundes, kurz NSU, sondern auch durch das des Staates und seiner Quellen. Der Prozess, in dessen Mittelpunkt zentrale Fragen offen stehen, weist sich in seiner Betrachtung – gleich der Decke des Saales – als fragmentierter Körper aus, dessen Realität sich mit seiner medialen Darstellung verschachtelt.

Flingern, Düsseldorf

Abermals verschränken sich 2017 die Räume, gefüllt von Leere und dem Entsetzen ihrer vergangenen Wirklichkeit. Diesmal im Rahmen einer Ausstellung, deren Titel courtroom – gleich der Zeichnung seiner physischen Entsprechung – eben jenen Raum benennt, der sich seiner Greifbarkeit medial entzieht. Die Ausstellung wird zur Metapher, zum Platzhalter einer parallelen Spiegelung, deren Seiten sich innerhalb des laufenden Geschehens als Reflexion einschreiben. Ihr Fokus ist dabei eine künstlerische Betrachtung, deren Brennweite Maximiliane Baumgartner und Alex Wissel durch die Zitate einzelner Versatzstücke des Prozesses schärfen. Wie einsame Protagonisten schweben diese über dem Boden des Düsseldorfer Studios for Artistic Research, lehnen an den Wänden – stumm und doch aussagekräftiger als die mediale Berichterstattung des Prozesses. Bestechend zeichnen sie sich ab in der Klarheit des Ausstellungsraumes durch die warme orangerote Farbe ihres Trägermaterials Plexiglas, dessen transparente Oberfläche sich vor den matten Tafeln aus Alu-Dibond beschwörend hervorhebt.

Hier wird metaphorisch gezeigt, was sich in der Zeichnung des Raumes verwehrt, die sich in der gleichnamigen Publikation als erneute Reflexionsebene in die referentiellen Lagerungsschichten der Raumverschränkungen positioniert. Beobachtungen und Bildfragmente, die Baumgartner und Wissel während mehreren Besuchen des noch laufenden NSU-Prozesses durch Zeichnungen und Textbeiträge gesammelt haben. Es sind Fragmente aus einer stetig wachsenden Anzahl von Bildträgern, deren mit Acryllack und Edding gemalte Sujets sich im Ausstellungsraum still in einen Dialog setzen und aussagekräftiger als das Schweigen der Angeklagten dem NSU-Komplex und seiner gerichtlichen Inszenierung durch ihre Bilder eine Wortlosigkeit entgegenstellen, die realer ist als das, was wir wirklich von der Aufarbeitung der vergangenen Ereignisse sehen. Der orangeroten Farbigkeit scheint dabei eine Schlüsselfunktion zuzukommen, die sich im Verweis auf die Sitzreihen das Gerichtssaales ergründet und gleichermaßen die Reihen der Teilnehmer widerspiegelt, deren Konstellationen sich nicht nur sinnbildlich überlagern. Vielmehr ist es ein subtiler Verweis auf einen Raum, dessen architektonisches Reglement Aufschluss über die Sichtbarkeiten der Beteiligten gibt – medial wie physisch. Diametral stehen sich in ihm Richter und Zuschauer gegenüber, seitlich flankiert von der Zeugenbank und der Bundesanwaltschaft und letztendlich den Verteidigern und der Angeklagten. Alles im Sichtfeld der Zuschauer und Reporter, deren Position auf der erhöhten Empore wie ausgelagert wirkt. Sie überragen die Sitzreihen der Nebenankläger und der Hinterbliebenen – beide einzig sichtbar durch eine Videoprojektion innerhalb des Prozessverlaufs im Blickfeld der Tribüne.

Aktionsraum, situativ

Auf ihr scheint sich jedoch der eigentliche Raum zu eröffnen. Ein Raum der Wahrnehmung, in dem es verboten ist etwas so motivisch festzuhalten, wie es die Werke der Ausstellung skizzieren. Die Malereien und Zeichnungen – letztere Teil der sich fortsetzenden Publikationsreihe – zeugen dabei von einer Reglementierung unserer Bilder. Von dem was wir sehen. Einem Gegenüber der Figuren, innen wie außen, und zugleich von den Mechanismen unserer Wahrnehmung des Prozesses, indem manche der Protagonisten skizzenhaft Bild werden, wie in den gezeigten Arbeiten und manche, einer medialen, sowie bildlichen Repräsentation entzogen sind. Die Zugänglichkeiten in und durch die Bilder sind sanktioniert, gleich dem äußerlichen Eintritt durch Absperrbande, Ketten und Barrieren. Auch sie stehen sich gegenüber und werden in courtroom bildlich, wo sie ein Feld der Auseinandersetzung erzeugen. In ihm verlängert sich der von Baumgartner und Wissel genutzte Raum der Besuchertribüne zu einem Raum der Handlung, einem Raum der Aktion. Einer sprichwörtlichen Erweiterung des Raumes, die sich durch das Erstellen von Zeichnungen und Eindrücken auf der Tribüne durch die Künstler eröffnet. Als formales Mittel sich ein Bild zu machen, steht sie dem Zeugenschutzprogramm gegenüber, das Abbildungen nicht erwünscht. Die Malerei wie die Zeichnung mit ihren Mitteln der Perspektive, der Kontur und des Umrisses ist dabei Medium den Chiffren der uns präsentierten Öffentlichkeit des Prozesses ein Gegenbild vorzusetzen. Eine Gegenöffentlichkeit dessen, was nicht gehört, nicht gesehen und damit nicht medial repräsentiert wird. Die Bilder und Eindrücke, die fehlen und sich erst generieren lassen, wenn man sich den Regeln eines strikten Bebilderungsverbots widersetzt. Eindrücke, die in einem Spannungsgefüge entstehen, das sich aus der direkten visuellen Konfrontation mit der physischen Anwesenheit der Protagonistin im Gerichtsraum speist. Sie zeigen die Prozessanordnung als das was sie ist: Eine synonyme Figur für das Fehlen von Bildern und die Frage nach der Selbstinszenierung durch das Schweigen. Sowohl das Schweigen der Angeklagten als auch das Schweigen der staatlichen Organe. Es offenbart die Handlungs- wie Prozessfähigkeit der Protagonisten dieses Verfahrens – ihr Verhalten, das in der Öffentlichkeit des Strafjustizzentrums zur Überzeichnung seiner eigenen Karikatur verkommen ist. Indem die Hauptangeklagte Zschäpe öffentlich sichtbar und somit Mittelpunkt der medialen Berichterstattung wird, bildet sie im Umkehrschluss sogleich die Tarnkappe für die im Innen- wie Außenraum des Saales ausgeklammerte Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, die sich der der Bilder im Studio for Artistic Research gegenüberstellt.

Im Aktionsraum, den Maximiliane Baumgartner und Alex Wissel als abstrakte Denkfigur in der Fusion von Ausstellung und Publikation eröffnen, ist der Raum durch seine Inszenierungsmethoden auf sich selbst zurück geworfen. Die räumlichen Vorzeichen wirken durch ihre malerische Verkürzung wie die Indikatoren eines Gegenentwurfes von Rezeption, die sich der Idee des NSU und der Tragweite seiner Anschläge zu nähern versucht. Einer Idee, die Handelnde suchte und sie in den Häuserschluchten Jenas fand und sich schnell als Phänomen entlarvte, dass in Deutschland bereits Virulenz erreicht hatte. Skizzenhaft klammert der sich erzeugende Aktionsraum – wie die Zeichnungen – die Spiegelungen ein und wird gleichzeitig erneut durch die beiden erschienenen gleichnamigen editierten Ausgaben gerahmt. Als Mittel bewegt sich der Aktionsraum weiter, findet neue Inszenierungsformen und verselbständigt sich in den Seiten der Publikationen, die, ähnlich den multiplen Versatzstücken der Ausstellung, sich durch unsere Wahrnehmung erneut kombinieren. Im erweiterten Handlungsfeld, wie es Maximiliane Baumgartner und Alex Wissel mit AutorInnen, BetrachternInnen sowie einem expandierten Begriff von Öffentlichkeit konzipieren, scheinen dabei zwei Pfeiler lokalisierbar: Die soziale Sphäre der Aktion – der Teilhabe – und die der imaginären Figur des Aktionsraumes als Konzept oder abstrakte Idee alternatives Handeln und Austausch zu ermöglichen, wenn die Stimmen der Öffentlichkeit versagen. Die generierten Bilder verstehen sich dabei zugleich als Bürde. Letzteres vor allem, um Raum zu eröffnen. Um Bilder zu zeigen, die nicht gesehen werden sollen. Um Problemfelder aufzudecken und um einzuladen, durch ihre Reflexion das Geschehene zu verstehen. Es räumlicher zu machen und die in den Bildern verborgenen Spiegelungen staatlicher Inszenierung und Zurückhaltung offen zu legen.

In der Herausgabe der Publikation lebt die Denkfigur des Aktionsraumes weiter – generiert Raum und wird öffentlich als soziales Handlungsfeld seiner Beteiligten.

Philipp Fernandes do Brito

COURTROOM
Maximiliane Baumgartner, Alex Wissel

18.11.2018 – 28.01.2018

Studio for Artistic Research 
Ackerstrasse 33
40233 Düsseldorf

Courtroom ist eine Publikationsreihe und Malereiserie von Maximiliane Baumgartner und Alex Wissel, deren inhaltlicher Ausgangspunkt der NSU-Prozess in München ist. Die erste Ausgabe der Publikationsreihe entstand mit Madeleine Bernstorff in Zeichnungen und Text. Für die zweite Ausgabe trug Timo Feldhaus einen Textbeitrag bei.

courtroom #1; Die Haut ist auf der Hut
Maximiliane Baumgartner, Madeleine Bernstorff, Alex Wissel
Leporello, Auflage 130, München 2017
Buchidee: Ibrahim Oeztas

courtroom #2; Das Ende eines Gerichtsreporters
Maximiliane Baumgartner, Timo Feldhaus, Alex Wissel
Leporello, Auflage 130, München 2017
Buchidee: Ibrahim Oeztas