DER MENSCH IN DER REVOLTE

Das Institut für moderne Kunst zu Gast im Neuen Museum

Auf Einladung des Instituts für moderne Kunst Nürnberg haben fünf junge Künstler ein Szenario entwickelt, in dem sich die politischen Effekte unserer Zeit verdichten. „Der Mensch in der Revolte“ heißt ihre Ausstellung. Wenige Tage nach den letzten Präsidentschaftswahlen der USA erleidet der Rapper Kanye West während eines Konzerts eine rebellische Epiphanie. Während das Publikum bereits entnervt die Show verlässt, verliert sich der Popstar in einer konfusen Brandrede: „Feelings matter! … It’s a new world, Hillary!“ Kurz darauf wird er in die Psychiatrie eingeliefert und zeigt sich erst wieder, als er sich einige Wochen später mit dem designierten Präsidenten im New Yorker Trump Tower trifft.

Die Rebellion „entreißt den Einzelnen seiner Einsamkeit“, schrieb Albert Camus 1951. Heute eskaliert jeder für sich. Es fehlen überzeugende Bilder, Projekte, Visionen eines Gemeinsamen. Das System scheint korrupt und die Alternativen kaputt. Der erschöpfte Mensch gilt als Sinnbild einer zunehmenden politischen Ohnmacht, der 24-Stunden-Dienst am eigenen Selbst als Krönung kapitalistischer Durchschlagskraft. Die Krankheit unserer Zeit ist die Depression, denn sie ist „diejenige Pathologie, welche die Kosten der Anrufung hervorkehrt, der Einzelne möge sich jenseits des sozial Vorgegebenen selbst entwerfen, und dies permanent neu. An die Stelle des mit dem väterlichen Gesetz in Konflikt geratenen Ödipus ist der an einem zu idealen Bild seiner selbst zugrunde gehende Narziss getreten.“ (Juliane Rebentisch)

Aber wo Narzissten aufbegehren, wird die Lage unübersichtlich. Auf Depression folgt Übermut, auf Alternativlosigkeit folgt Wahn. Die Zeichen mehren sich, Zeichen einer tieferliegenden Sehnsucht nach Enthemmung, Aufruhr und Eskalation. Was erwartet uns, wenn sich diese Sehnsucht der Einzelnen nach Ausdruck organisiert? Und wo stehst du, wenn der Unsinn revoltiert?

Steffen Zillig (*1981, lebt in Hamburg und Frankfurt am Main) hat die angesprochene Wutrede von Kanye West mit dessen Liebe zu slicken Apple-Produkten und „echten“, „unverfälschten“

Emotionen kompiliert – eine Video-Collage zu den unheimlichen Eruptionen einer Nation, die bis heute unsere Vorstellungen von Fortschritt taktet.

Aleen Solari (*1980, lebt in Hamburg) hat für die Ausstellung eine Installation entworfen, in der Zeichen ruinösen Verfalls auf Embleme sonniger Freizeitoasen und Entspannungstempel treffen.

In der Videoprojektion von Felix Thiele (*1981, lebt in Hamburg) teilen sich das Bedürfnis nach Sicherheit und das Bedürfnis nach Ekstase das gleiche Bild: dichten, raumflutenden Nebel. Abtauchen ins weiße Nichts mit dem Zweck der ultimativen Konfusion – hier wie dort.

Jonas Roßmeißl (*1995, lebt in Leipzig) zeichnet für eine beeindruckende Installation aus selbst entworfenen Maschinen und komplexen Apparaturen verantwortlich. In seinem Dienstleister-Denkmal, dessen Optik irgendwo zwischen Apple-Store und futuristischer Stadtlandschaft changiert, werden die oftmals redundanten und absurden Dynamiken kapitalistischer Sinnproduktion in die Sprache der Apparate übersetzt.

Der Beitrag von Andrzej Steinbach (*1983, lebt in Berlin) schwebt über dem Szenario und besteht aus einem zwanzig Meter langen Stoffbanner mit einem Motiv, das auf einen der Schwüre von Ferdinand Hodler zurückgeht: 30 aufbegehrende Figuren, die sich jeweils aus einem Hoodie (der langlebigen Streetwear-Ikone) und einem klassischen Jackett (der bürgerlichen Uniform) zusammensetzen. Die Arbeit imaginiert eine Art strategischen Universalismus, der die Abgrenzungsmechanik narzisstischer Identitätsproduktionen für einen Moment unterbricht. Damit nimmt sie auch Bezug auf einen Aufsatz von Steffen Zillig, der anlässlich der Ausstellung als eigener Band in der Reihe unendlich unwahrscheinlich erscheint. „Der graue Block“ ist für 3 Euro im Museumsshop erhältlich.

Ausstellungsansicht
»Ohne Titel (Schwur)«, 2018, Stoffbanner von Andrzej Steinbach
»Dienstleister-Denkmal«, 2017, Installation von Jonas Roßmeißl
»Smoke Screen«, 2018, Videoprojektion von Felix Thiele
»Oh, la la la la la la, la la la la la la«, 2018, Installation von Aleen Solari
»Only Originals«, 2018, 2-Kanal-Video-Collage, von Steffen Zillig
Foto: Olympia Contopidis / Institut für Moderne Kunst Nürnberg

Ausstellungsansicht
»Dienstleister-Denkmal«, 2017, Installation von Jonas Roßmeißl
Foto: Olympia Contopidis / Institut für Moderne Kunst Nürnberg

Detailansicht
»Dienstleister-Denkmal«, 2017, Installation von Jonas Roßmeißl
Foto: Olympia Contopidis / Institut für Moderne Kunst Nürnberg

Ausstellungsansicht
»Oh, la la la la la la, la la la la la la«, 2018, Installation von Aleen Solari
»Smoke Screen«, 2018, Videoprojektion von Felix Thiele
»Dienstleister-Denkmal«, 2017, Installation von Jonas Roßmeißl
»Ohne Titel (Schwur)«, 2018, Stoffbanner von Andrzej Steinbach

Detailansicht
»Oh, la la la la la la, la la la la la la«, 2018, Installation von Aleen Solari
Foto: Olympia Contopidis / Institut für Moderne Kunst Nürnberg

Ausstellungsansicht
»Oh, la la la la la la, la la la la la la«, 2018, Installation von Aleen Solari
Foto: Olympia Contopidis / Institut für Moderne Kunst Nürnberg

Detailansicht
»Oh, la la la la la la, la la la la la la«, 2018, Installation von Aleen Solari
Foto: Olympia Contopidis / Institut für Moderne Kunst Nürnberg

NEUES MUSEUM
Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg

 

 

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