Einige Gedanken zu Glücksspiel, Kunst und dem Kampf um das Bewusstsein nach der Art Cologne 2018

Foto: Barbara Cöllen

Nelly Gawellek über Zuzanna Czebatuls Installation „Higher Than The Sun“

Der samtige, dunkelblaue Teppich, auf dem ich mich beim Schreiben gedanklich hin- und herbewege, ist von zuckenden weißen Linien durchzogen, die aussehen wie Nervenbahnen. Ich bin umgeben von merkwürdigen Charakteren, die um meine Aufmerksamkeit ringen: Schlangen winden sich zu psychedelischen Ornamenten, Pilze streiten sich, grinsende Acid-Smileys schmelzen auf rosa Zungen, allwissende Augen haben sich selbständig gemacht und folgen neugierig meinen Schritten, rauchende Synapsen vernebeln meine Sinne…

Unser Gehirn ist keine starre Struktur, sondern eine nachgiebige Masse mit flexiblen Verbindungen. Es passt die eigenen bio-chemischen Prozesse an die spezifischen Bedingungen an und speichert seine Umwelt auf diese Weise ins eigene System ein. Diese Lernfähigkeit ist biologisch sinnvoll, vielleicht sogar überlebenswichtig, aber sie macht uns auch manipulierbar und setzt unserer Entwicklung Grenzen. Die Theorie des kognitiven Kapitalismus geht zum Beispiel davon aus, dass unser Gehirn durch die Struktur und Funktionsweise des Kapitalismus geformt ist, dieser somit zu einer Art biologischen Konstitution wurde. Seine Glaubenssätze, die jedem von uns das individuelle Glück versprechen, haben wir längst verinnerlicht und wir scheinen außerstande zu sein, etwas anderes zu denken.

Die kapitalistische Konditionierung macht das Potential zum verheißungsvollen Antrieb und die Spekulation auf die Zukunft zum Mittel der Wahl. Der Kunstmarkt und das Glücksspiel werden vom gleichen Motor angetrieben: Hier und dort werden Wetten auf die Zukunft gemacht.

Im Casino steigern sich die Erzählungen einer kapitalistischen Zeit ins Rauschhafte: die verführerische Logik des Möglichen, die Lust an der Dekadenz, undurchsichtige Hierarchien und Abhängigkeiten zwischen Konsument und Produzent, der Thrill, der unsere Bereitschaft erzeugt, auf den Erfolg und gegen die Wahrscheinlichkeit zu wetten. Ihre Ausstattung und Einrichtung sind dafür gemacht, uns bei Laune zu halten, oder eher noch: die Kontrolle über unsere Launen zu gewinnen, um sie lenken zu können. Die Teppiche übernehmen in dem komplex organisierten Kosmos des Amüsierbetriebes eine transzendierende Aufgabe: Alle Geräusche werden gedämpft, unsere Schritte werden weich, die hypnotischen Muster stimulieren unsere Sinne, beim Übertritt in die andere Welt.

Mit ihrer installativen Boden-Arbeit „Higher Than The Sun“ hat Zuzanna Czebatul die Funktion und Ästhetik der Casino-Teppiche in die Lobby der Art Cologne überführt. Subtil und doch abrupt wird der Besucher von der Realität des Draußen in eine andere Welt hineingesogen. Signalwörter wie HYPE, CASH und SPEED machen klar, worum es ab hier wirklich geht.

Das Glücksspiel unterliegt dem Gesetz des Zufalls, sodass zunächst Chancengleichheit besteht. Der Kunstmarkt jedoch ist ein undurchsichtiges Gemenge von Spielern, die alle nach Kräften versuchen, das Ergebnis zu beeinflussen. Oft versprechen seine Agenten, die Institutionen und Marktplätze, das Erlebnis von der Entdeckung des Unbekannten, welches wiederum durch die eigene Autorität legitimiert wird, wie eine self fulfilling prophecy. Die Gewinne locken und das Spiel verspricht Amüsement, doch die Teilnahme ist exklusiv und der Einsatz für viele zu hoch. Auf die immer lauter werdende Kritik an der Allmacht der Kunstmessen, ihrer Alternativlosigkeit, antwortet diese mit diskursiven Formaten wie Talks, kuratierten Ausstellungen und Förderpreisen und verleibt sie sich damit gleichsam ein. Die Dynamiken, Hierarchien, Abhängigkeiten sind auch hier schwer zu erkennen und noch schwerer zu demontieren, denn wir sind alle – ob frustriert oder amüsiert – ein Teil der Show. Vom Hype mitgerissen, wetten und hoffen wir darauf, am Ende einen Gewinn mitzunehmen, das Spiel zu unseren Gunsten zu beeinflussen und sind uns doch bewusst, dass wir immer nach seinen Regeln spielen. Eine wirksame Kritik scheint in diesem Zustand unmöglich.

Es gibt eine ganze Menge Pillen, die uns helfen, im Spiel zu bleiben: einige halten uns wach, andere helfen uns, uns zu konzentrieren, manche beruhigen uns. Manchmal wünsche ich mir eine, die meine nervösen Synapsen so umprogrammiert, dass ich die Gewissheit über mein eigenes Denken wieder gewinne. Sollte es eine solche geben, bin ich sicher, dass Zuzanna Czebatuls Arbeit mir helfen kann, sie zu finden.

Sonderschau Zuzanna Czebatul Eingang Süd