One Place Next to Another

Du bist da und traust Dich nicht, aber langsam kommt es, ganz langsam.
 Es umschließt Dich, ein bisschen wie Watte, die Dich um bauscht.
 Die Eindrücke werden stärker und Du beginnst einzutauchen.
 Auf einmal wird es schneller, immer schneller und die Eindrücke wachsen bis es rasend schnell wird. Und Plötzlich dreht es sich und Du siehst alles, alles, von dicken knutschenden Frauen, rauchenden mit Nebel durchzogenen Räumen, Pferde, wo keine Pferde hin gehören, Männer, die riesige Hinkelsteine vergraben und dann eh Du Dich versiehst, stehst Du auf dem Hang. Du bist in angenehmer Gesellschaft und vor Dir erstreckt sich ein fantastisch, großes Feld. Es ist schön, sehr schön. Ein Feld, wie Du es noch nie gesehen hast, mit einem Himmel, der Dir gewaltiger erscheint als sonst und dann weißt Du, dass Du da bist.

RUSSLAND.

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© André Simonow

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© André Simonow

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© André Simonow

Part I Interview André Simonow (A) und (F) Felix Kiessling in Moskau.
„Hinterhof der Ausstellungsfläche von Winzervod“

A: So. (Lachen). Die Brille willst Du anhaben beim Interview?

F: Auf jeden Fall!

A: Bier willst Du natürlich auch.

F: Kleines Schlückchen.

A: Hallo Felix.

F: Hallo André.

A: Wir sind hier im wunderschönen Moskau. Es ist Mitte Juni (Zigarette geht an) und wir haben gerade die tolle Eröffnung von…Wie heißt die Ausstellung eigentlich?

F: „One Place next to the other“ (korrigiert) to another!

A: to another…

A: …hinter uns und ja, sitzen hier auf dem Innenhof und reden ein bisschen über Dich und Deine Person. Erzähl mal kurz. Wer bist Du? Wie heißt Du? Woher kommst Du und wie hast Du es geschafft, so zu werden, wie Du bist?

(Beide Lachen)

F: Es war ein schwieriger Weg. (Lachen). Ein steiniger Weg. Eh nee. Felix Kiessling heiße ich. Ich bin geboren in Hamburg. Ich arbeite als freischaffender Künstler. Was auch immer das bedeutet. 01.01.1980 bin ich geboren. Zwei Stunden nach Mitternacht.

A: Silvester?

F: Silvesterkind. Genau. Super beschissen eigentlich, aber man gewöhnt sich an alles. Ich hatte jetzt ja auch schon zarte 34 Jahre, um mich daran zu gewöhnen, dass Leute Silvester feiern und nicht meinen Geburtstag, an meinem Geburtstag. Ich freue mich Teil dieser Gruppenausstellung sein zu können und mache hier meine Sache. Obwohl ich das Wort Künstler jetzt gar nicht so hervorheben würde. Ich mache einfach, was ich mache. Wenn ich damit zu einer Show eingeladen werde, meine Sachen zeigen kann, dann finde ich das gut.

A: Der Begriff Künstler ist auch schwierig, oder?

F: Ja, man denkt da viel an Elfenbeintürmchen, Gras kaufen und Rotwein trinken, aber es ist letzten Endes ein Beruf, wie jeder andere, der auch einen Markt hat. Den man strategisch angehen kann, den man ganz naiv und kreativ angehen kann, in dem man seine Sachen verfolgt. Ich glaube, dass wir in unserem Kreis weit weg von dieser ganzen konventionellen Idee stehen, wie ein Künstler auszusehen oder wie er zu arbeiten hat. Wir haben einfach Ideen. Die könntest Du auch als Nichtkünstler haben. Der eine arbeitet wissenschaftlicher, der andere kommt aus der Richtung. Jeder hat seinen Weg und was es vereint, ist wahrscheinlich dieser Titel, dass wir so genannt werden von Außen.

A: Wir, damit meinst Du die KünstlerInnen?

F: Zum Beispiel die Truppe, aber auch unseren Freundeskreis. Dazu zählst Du auch. Du bist ja nun auch kein klassischer Fotograf, der hier landet und seine Fotos macht, sondern das ist eine ganz organische Praxis. Genauso Lukas. Er ist auch nicht den typischen Weg eines Kurators gegangen, sondern begeistert sich für bestimmte Dinge und ist dann mit seinen Ideen hier gelandet. Im Taumel dieser ganzen Energie, die wir alle zusammen reinbuttern. Dazu zählen unsere Galeristen in Berlin, die Leute, die an jeglicher Stelle in diesem Beruf beteiligt sind. Wir sind, wie eine Art großer, organischer Freundeskreis, in den Leute ihr Business mit einbringen und daraus wächst dann so Etwas. Das nenne ich WIR. Klar, jetzt im Einzelfall habe ich eine kollektive Arbeit mit dem Das Numen Kollektiv. Das ist nicht ganz so organisch. Das läuft nach festen Regeln und da haben wir unsere Treffen, wo wir alles besprechen. Aber der Rest ist eigentlich schon ziemlich organisch. Es fällt auf, dass ähnliche Leute miteinander ausstellen, ähnliche Leute kuratieren, ähnliche Leute verkaufen und ähnliche Leute dokumentieren. Das wird zu einem richtigen Tumor (lacht). Der wächst und wächst.

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© André Simonow

A: Wie kam das hier mit Moskau? Erzähl mal!

F: Anastasia Shavlokhova habe ich in Berlin kennengelernt. An dieser Stelle möchte ich mich auch noch einmal bei ihr für die Möglichkeit hier auszustellen und für die Art und Weise, wie wir hier verpflegt und ausgerüstet wurden, ganz herzlich bedanken.

Shavlokhova. Ich Glaube Sie heißt so mit Nachnamen (lacht). Können wir ja noch editieren.

A: Können wir später nachschauen.

F: Sie hat Jahre in Berlin gelebt. Ich habe sie im Rahmen des Instituts für Raumexperimente kennen gelernt. Der Co-Kurator ist Lukas Töpfer, mit dem ich schon öfters gearbeitet habe, weil er u.a. in der Kunstszene in Berlin und auch freiere Sachen und Ausstellungen veranstaltet. Ja, so bin ich hier gelandet. Im Februar waren wir hier, um die Räume anzugucken. Jetzt haben wir gerade eine Woche Aufbau, einen Abend Eröffnung und zwei Tage Datscha bei der Kuratorin auf dem Lande hinter uns.

A: Was ziemlich gut war.

F: Was ne eins war! Und so fühlen wir uns jetzt.

A: Ja.

F: So fühle ich mich jetzt.

A: Wie war es? Sehr klassisch? Viel Natur? Die viel besungene russische Gastfreundschaft?

F: Auf der Datscha? Ja, natürlich. Es gab sehr viel zu Essen und zu Trinken!

A: Ach ja. Schön, wenn sich Klischees ein wenig bestätigen.

F: Lange, landschaftliche Spaziergänge, Ruhe, Schwimmen im Fluss. Genau, Bücher auf der Hollywoodschaukel. Das ist schon 1A. Ich habe so eine Datscha bisher nicht kennen gelernt. Das war für mich neu. Das erinnert mich an meine Kindheit, dass Eltern meiner Freunde Landhäuser hatten. Was echt eine schöne Sachen ist – einen Ferienort zu haben, der mit dem Auto schnell erreichbar ist. Es ist noch etwas anderes als in den Urlaub zu fahren. Das wäre schon erstrebenswert sich das auch irgendwann einmal leisten zu können. Es muss gar nicht luxuriös sein. Ein kleiner Rückzugsort in der Nähe als Ausgleich zu dem ganzen Stress, den man sonst hat. Ist ne ziemlich coole Sache.

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© André Simonow

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© André Simonow

A: Ich hab uns russische Zigaretten mitgebracht. Falls du Rauchen möchtest?

F: Ja, die Knickfilterzigaretten?

A: Ja, genau die Knickfilterzigaretten.

F: Wenn ich gleich huste.

A: Belomorkanal (Беломорканал). Ich glaub das ist so die Urzigarette. (Pause) Schießmichtot! Schon zur Revolution geraucht. Ist es eigentlich Dein erstes Mal in Russland?

F: Das zweite Mal. Das erste Mal war ich zur Besichtigung hier.

A: Wie findest Du Russland?

F: Also, ich habe bis jetzt wirklich nur gute Erfahrungen gemacht. Das klingt jetzt kitschig, aber eigentlich habe ich keine negative Erfahrung gesammelt. Auch auf persönlicher Ebene nicht. Ich bin nur freundlich begrüßt worden. Und wurde behandelt, wie jeder andere. Wenn ich die Möglichkeit hätte hier als Künstler eine Weile zu leben, hätte ich Lust für ein Jahr zu bleiben, wenn man sich das erlauben könnte. Ich glaube, dass es eine ziemlich harte Stadt ist, was die Miete angeht.

A: Ja, es ist wahnsinnig teuer!

F: Ich glaube hier gibt es auch keine Stipendien. Das ist in die Richtung noch nicht so ausgeprägt. Wenn es irgendeine Möglichkeit gebe ein Projekt zu verwirklichen, ein langzeitiges Projekt, fände ich das schon ganz geil.

A: Stiftung? So alias Goethe-Institut.

F: Das muss ich erst einmal ergründen. Unsere Ausstellung war der Initiator.

A. Es gibt ja ausländische Stiftungen, die so Etwas bezahlen.

F: Die Dich hier hinschicken?

A: Ja, das Goethe-Institut zum Beispiel als der Klassiker, den jeder kennt. Bestimmt auch noch ein Paar andere. Nee komm, lass uns hier so eine qualmen.

F: Ja, können wir machen.

A: Ja. Wie war das mit dem Aufbau?

F: Das war der Hammer. Da gab es Edward. Er war hier unser Baustellenboss, wenn man so will. Vielleicht würde man ihn in Deutschland einen technischen Leiter nennen. Dann fand ich relativ…

Stimme aus dem Off: FELIX wird gerufen (Kurze Unterbrechung)

A: Wo waren wir stehen geblieben?

F: Genau, da war Edward. Und Edward war Goldwert. Ich hatte das Gefühl, dass er immer den Überblick hatte. Er war keiner, der nur mit dem Bestreichen der Wand beschäftigt war, sondern der auch gleichzeitig gesehen hat, dass da hinten noch etwas passieren muss. Er war einer, der die Fäden in der Hand hatte und einfach mit angepackt hat. Ein sehr cooler Typ. Und die anderen. Das war ein gutes Team. Ich glaube, dass das für sie auch eine neue Situation war eine Ausstellung so aufzubauen. Lukas hat mir erzählt, dass sie einen gewissen Stolz hatten mal etwas anderes zu machen als sie es gewohnt waren. Ich glaube, dass geht hier sonst ein bisschen pike pike ab oder ein bisschen rougher. Da kommt es wohl dann nicht auf die ästhetische Perfektion der Wände und des Lichtes an, sondern da wurde ein bisschen geschrammelt. Wir haben immer rumgenervt und gesagt: „Kann das Kabel noch verschwinden. Hier brauchen wir noch etwas, damit wir das so und so machen können.“ Und das war für die glaube ich neu, aber auch eine interessante Erfahrung.

A: Russisches Art Handling hat keinen besonders guten Ruf bisher.

F: Ja, das muss sich auch entwickeln. Das ist klar. Die finden gerade durch solche Shows, die hier hoffentlich mehr und mehr stattfinden werden, einen Anschluss. Da entsteht dann eine Verbindung, die wächst, damit müssen sich dann auch solche Sachen mitentwickeln. Damit es besser funktioniert.

A: Das hat Anastasia auch gesagt in dem Gespräch, dass die russische Kunstwelt sehr für sich ist und dass die Vermischung untereinander noch nicht richtig fortgeschritten ist. Dass, das auch eine große Ambition von ihrer Seite an dem Space hier ist.

F: Ich glaube, dass war ein Riesenschritt dieses Teil hier.

A: Was ist das eigentlich genau dieses Winzavod?

F: Winzavod ist eine Art Kunstverein/Kulturverein.

A: Ein bisschen wie die Spinnerei in Leipzig, oder?

F: Ein bisschen so. Es gibt ein paar Galerien auf dem Gelände und ein paar Cafés. Designfirmen sitzen hier, aber an sich ist das alles so eine Art Kulturhaus. Und die Ausstellung, an der wir jetzt gearbeitet haben, findet in einem ehemaligen Weinkeller oder Lager unter Tage statt. Etwa 11 Meter unter Tage. In einem gewölbeartigen Keller.

A: Wo früher Wein gelagert wurde.

F: Ziemlich hochdeckig und kühl, ein bisschen feucht und alles gekachelt. Der Raum hat viel Charme an sich. Wir haben als Künstler versucht den Raum zu respektieren. Wir haben mit Dunkelheit gespielt, wenn wir konzentrieren wollten. Die Akustik des Raumes ist immer da. Das Gefühl, während man durch so eine Halle läuft, auch im Dunkeln, ist ein anderes als wenn man im Dunkeln durch einen White Cube läuft. Wir haben versucht mit dem Raum fair und ehrlich umzugehen.

( Russische Stimme aus dem Off)

A: три минута

A: Die Ausstellung wird jetzt geschlossen. Vielleicht setzen wir uns vorne in das Café. Dann können wir uns noch einen Schnaps reindonnern.

F: Ja, dann machen wir Pause und machen das.

A: Den Finanzier machen wir noch kurz. Den haken wir noch ab.

F: Der russische Verkehrsminister?

10 min später …

A: Ja. Das bringen wir jetzt auf jeden Fall nicht so. Wir wollen ja beide weiterhin nach Russland einreisen.

A und F: (Lachen)

F: Und sowieso. Wie der Russe nach Außen dargestellt wird, darüber müssen wir jetzt überhaupt nicht reden. Weil uns allen klar ist, dass es viel zu einseitig ist. Es ist gut, dass wir hier sind und unsere Arbeit machen. Es hat sich auf allen Ebenen gelohnt. Gegen jegliche politische Eskalation ist es ein guter Move hier Kunst zu machen und ich hoffe, dass sich möglichst viele Russen unsere Arbeit angucken und dass sich das vermischt. Wir sind nur einmal hier. Warum sollen wir da irgendwelche Grenzen aufziehen.

A: Ja

F: Das ist Quatsch. Da kommen wir nicht weiter. Damit werden wir nicht glücklicher.

A: Weil die politische Meinung überhaupt nicht das wiederspiegelt, was man selber empfindet. Wie du ja schon sagst. Man ist hier. Fühlt sich total wohl. Die Menschen sind krass nett.

F: Total cool.

A: Und wenn sie bei uns sind, ist es genauso.

F: Ja, absolut.

A: Nur weil die sich da oben gegenseitig versteifen, heißt es nicht, dass man gemeinsam nicht auf einem Nenner ist. Ganz im Gegenteil sogar. Los komm jetzt gehen wir was trinken.

Part II Interview Felix Kiessling und André Simonow
„Café. Tricky People auf dem Hof von Winzavod“

A: Eigentlich wollte ich ja nicht so viel über das Business sprechen, aber zu den Hintergründen. Du wirst in Berlin von der Galerie Alexander Levy vertreten. Wie hast Du Alex kennengelernt? Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

F: Wir kommen beide aus Hamburg. Daher kommt die Verbindung. Ich habe ihn zu Gruppenausstellungen eingeladen, die wir selbst organisiert haben. Daraus ist der Kontakt entstanden.

A: Noch während des Kunststudiums?

F: Genau. Während des Studiums und irgendwann hatte er (Pause)
Ich kann mich jetzt gerade schwer konzertieren…

A und F: (Lachen)

F: Irgendwann hatte er die Möglichkeit in dem Sommerloch…In der Sommerperiode, haben alle Galerien eine Pause und da hat er mir angeboten es als Projektraum zu bespielen und gemeinsam mit ihm eine Ausstellung zu machen. Das hat auch sehr gut funktioniert und seit dem bin ich mit on Board.

A: Wohlfühlfaktor und Vertrauen ist schon wichtig bei der Arbeit?

F: Ja, auf jeden Fall. Ich bin auch oft nicht dabei, wenn er mit meinen Arbeiten sein Business macht. Deswegen ist Vertrauen schon sehr wichtig.

A: Ja. Wie ist das Zusammenspiel mit den anderen KünstlerInnen in der Galerie? Mit Julius hast Du ja sowohl freundschaftlich als auch bei der Arbeit mehr zu tun.

F: Julius war auch Schüler am Institut für Raumexperimente und da haben wir uns kennengelernt. Die Verbindung war vor der Galerieverbindung da. Daniel Mohr habe ich ziemlich gut kennengelernt, obwohl er ganz andere Kunst macht als ich. Obwohl wir oft nicht einer Meinung sind, schätze ich ihn sehr. Ein guter Mann und ich weiß warum er es macht und verstehe ihn. Ich habe Respekt, obwohl es nicht meine Kunst ist. Sinta Werner kenne ich gut und dann eher wieder Leute, die in Gruppenausstellungen mit dabei sind. Katja zum Beispiel ist eine gute Freundin. Leute, die peripher in dieser Galerie mitarbeiten. Und jetzt ist gerade unser wunderbarer Cheesecake gekommen. Und jetzt muss ich teilen.

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© André Simonow

A: Stimmt. Wir sitzen hier draußen im Hof

F: Mit Schokorosette und Blaubeeren. Nimm Dir eine Gabel!

A: Das hier ist bestimmt auch ganz gut, mit karamellisierten Mandeln. Hmmm.

F: Hmmmm.

A: Genau, wir sitzen auf dem Hof von Winzawod. Die Sonne scheint. Moskau.

F: Skoll!

A: Ist gut, ne?

F: Fantastischer Cheescake.

A: Können wir vielleicht noch als Geheimreisetipp mit in die Doku aufnehmen. Cheesecake Essen in Winzawod.

F: Ich kann nämlich den Namen nicht lesen. Irgendwas mit Ur…wuhuaucasdw (Lachen)

A: Das ist Schreibschrift, da bin ich ganz schlecht drin. Das ist ein U, F, xxx oder so. Ich kriege es auch nicht hin. Wenn man rein kommt rechts (Lachen). Na, noch einen Wodka?

F: Nee, mir geht es gut. Ich muss jetzt erst einmal schlafen gehen. Wie vorhin erwähnt. Die Datscha-Reise sitzt noch in den Knochen. Meine Kollegen warten auch darauf, dass wir nach Hause fahren. Wir fahren hier viel Taxi, weil es irgendwie schneller geht.

A: Ist das so?

F: Ja, wie ich es erlebt habe – die paar Baumarktwege oder die Wege, die ich durch die Stadt gemacht habe – ist es für Passanten eher ungünstig. Es gibt wenige Ampeln, dafür aber Über- und Unterführungen.

A: Ja, man fährt hauptsächlich U-Bahn.

F: Ja, Du fährst U-Bahn und kommst aus der Station. Alleine um auf die andere Straßenseite zu gelangen, musst Du weite Strecken laufen. Das dauert noch einmal 20 Minuten. Das ist eine andere Zeitrechnung oder Du hast ein Auto und bewegst Dich mit dem Auto. Damit geht es recht fix.

A: Du trägst eine ganz schicke Jacke.

F: Ja, das war ein ziemlich lustiger Tausch. Die Jacke ist von Robert Vogdt. Wie nennt der sich eigentlich? Maßschneider, Modedesigner, Herrenaustatter?

A: Herrenaustatter Robert Vogdt.

F: Herrenaustatter Robert Vogdt.

A: Das können wir jetzt einfach so stehen lassen. Spielt auch keine Rolle, die Klamotte sticht auf jeden Fall hervor.

F: (Lacht) Absolut. Er hat mir eine Art Laborkittel genäht oder nähen lassen. Mein Wunsch war damals eine Art Perestroika à la Tschernobyl Laborkittel gemischt mit einer militärischen Straffheit, in den Schultern, in den Armen, in den Taschen, aber gleichzeitig wie ein Wolfgang Amadeus Mozart Arsch mit einer großen Schärpe. So ist es jetzt nicht geworden, aber es ist ein fantastischer Hybrid zwischen Jacke, Mantel, Gehrock und Kittel. Da wären wir wieder bei den Definitionen.

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A: Die Rechnung kommt.

A: So wieder zu Robert, hat er eine Arbeit dafür bekommen?

F: Genau. Es gab ein Projekt, bei dem ich versucht habe eine schwere Betonkugel möglichst schnell zu beschleunigen. So zu beschleunigen, dass sie nicht mehr aussieht als würde sie sich bewegen. Als würde sie statisch im Raum Schweben. Die Aufhängungen haben nie mitgemacht. Die Stahlseile und Kunststoffaufhängungen haben sich aufgezwirbelt und sind letzendes explodiert. Jedes Mal ist mir die Kugel um die Ohren geflogen. Die ganzen Fehlversuche und Schnüre habe ich aufgehoben. Irgendwann hat Robert sie in meinem Atelier entdeckt und meinte, dass ist ja wunderbar und dann war der Deal perfekt. Die Arbeit hängt jetzt bei Robert im Studio.

A: Willst Du noch kurz etwas zu Deiner Arbeit hier sagen.

F: Ich habe hier einen Stein installiert. Den habe ich aus der Elbe geholt. Bei Teufelsbrück war das, so heißt die Gegend. Der Stein wiegt etwa 60kg. Ich habe das Gesamtvolumen jetzt nicht im Kopf, aber ich habe auf die Literzahl und sein Volumen hin, die Absenkung des Weltwasserspiegels ausrechnen lassen, den die Stadt verliert, in dem Moment, wo ich den Stein dem Wasser entnehme. Ich finde es ganz interessant als Verbindung zu Moskau an sich. Es ist auch eine Stadt, die am Fluss liegt an der Moskwa. Es interessiert mich dabei eher die Auswirkung, die unsere kleinen unsinnigen Tätigkeiten global haben können und immer haben werden. Sie sind so klein, wir können sie nicht wahrnehmen, aber sie sind mathematisch nachvollziehbar.

A: Du hattest in der Ausstellung in Berlin einen schönen Satz benutzt. Kannst du den ungefähr wiedergeben?

F: Wenn Du hier einmal mit Deinen 50-60 Kilo hochspringst und wieder auf dem Parkplatz vom Winzavod landest, wird letzten Endes diese schwere Erdkugel einmal kurz beben. Das tut sie tatsächlich. So gering, dass nicht unbedingt die Seismografen ausschlagen oder es direkt mit den Sinnen nachvollziehbar ist, aber mathematisch kannst Du das nachweisen. Die ganze Kugel ist stabilisiert in ihrer Himmelsmechanik. Das kann man ganz einfach ausrechnen – was passiert, wie viel du wiegst, wenn so und so viel Kilo, mit der und der Größe und der Aufhängung auf den Boden trifft, wackelt der Körper. Die Tatsache, dass er wackelt finde ich sehr interessant. Genauso ist das mit dem Wasser. In dem Moment, in dem wir dem Wasser etwas entnehmen, verändert sich weltweit in allen Bifurkationen und kleinen Nebenärmchen der Wasserspiegel, wenn man den Faktor Zeit herausnimmt. Ist doch ne schöne Idee. Eine schöne Phantasie von Allmacht. Die Natürlich auch wieder tragisch ist, weil eigentlich gar nichts passiert. Die Zahl die dabei rausgekommt ist so klein. Da sind viele Nullen nach dem Komma. Es passiert gar nichts, aber auf einem gewissen Niveau passiert ganz viel. Diese Arbeit habe ich hier gezeigt und dann habe ich zusätzlich mit dem Das Numen Kollektiv ‚Das Numen Momentum‘ gezeigt. 5-Minuten Oszillationen der Sonne, werden regelmässig von verschiedenen Sternwarten gemessen. Diese Daten beziehen wir in real-time via Internet und sie triggern ein fünfarmiges, horizontales Pendulum an dessen Enden Lichter installiert sind. Es entsteht eine Lichtinstallation. Ein Pendel, das durch den Raum fliegt und Lichtkreise in der Dunkelheit und ein Nachbild auf der Retina erzeugt.

A: Ja, wirklich eine sehr schöne Arbeit.

F: (Lachen) Dankeschön Hr. Simonow

A: Ich muss auch noch einmal Danke sagen, mich anzuschauen und dabei 50-60 Kilo in den Mund zu nehmen. Das ist auch sehr schmeichelhaft.

A und F: (Lachen)

F: Die Zeit drückt ein bisschen, aber vielleicht haben wir die Möglichkeit das Gespräch ein anderes Mal weiter zu führen.

A: Wir beide tauschen uns auf jeden Fall aus. Danke, dass du Dir kurz Zeit genommen hast und noch viel Spaß in Moskau.

F: Ich bedanke mich auch. Es war cool. Danke für die Hilfe.

A: Die Fotos, die wir zum Interview zeigen werden, spiegeln hoffentlich den Spaß wieder, den wir in Moskau hatten.

F: Vor denen habe ich jetzt schon Angst. Ich hoffe, da darf ich genauso viel auswählen.

A: Ja klar! Du hast da volles „Mitspracherecht“.

A: und F: (Lachen)

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www.alexanderlevy.net/

Berlin Masters 2015
Felix Kiessling
5. – 13. September
ARNDT
Potsdamer Strasse 96,
10785 Berlin