Field of Codes – Review von Nelly Gawellek

Julian Irlinger, Max Schaffer

Julian Irlinger

Julian Irlinger, Max Schaffer

Julian Irlinger, Max Schaffe

Max Schaffer

Hiwa K

Sven Johne

Marcel Hiller

Marcel Hiller

Marcel Hiller

Katrin Mayer

Katrin Mayer

Katrin Mayer

Katrin Mayer

Katrin Mayer

Field of Codes Publication

 

Wie sieht Intervention heute aus und wie kann sie genutzt werden, um bestehende Formen des Wissens zu unterlaufen? Wenn eine Ausstellung diese Frage aufwirft, hat sie sich auch ihrem eigenen Kontext zu widmen und dieser Aufgabe stellt sich die von Markus Saile kuratierte Ausstellung „Field of Codes“ im PiK (Projektraum im Kunstwerk) konsequent. Die Gruppenausstellung zeigt zeitgenössische Positionen, die sich Formen des Protests widmet und die gleichzeitig auch deren Repräsentation in der Kunst – und ganz konkret im Ausstellungsraum – reflektiert.

Max Schaffer breitet hierfür eine Plane im Raum aus, die jeden Winter die Bronze Plastik „Hill Arches“ von Henry Moore auf dem Wiener Karlsplatz ummantelt und die Skulptur selbst abbildet. In Schaffers Installation wird die geklaute Plane zur Bodenarbeit, die das ursprüngliche Motiv erneut verhüllt, gleichzeitig aber auch eine neue Sichtbarkeit in einem anderen Kontext herstellt. Fiona McGovern schreibt in ihrem Essay in der begleitenden Publikation: „Ausstellungen sind von Sichtbarkeitspolitiken bestimmt und unterliegen diesbezüglich (kontext-)spezifischen Dynamiken“ und kommt später zum Schluss, dass ein interessanter Moment gerade dann entsteht, wenn eine Ausstellungssituation die Dialektik von Zeigen und Verbergen herausstellt. 

Der zur Ausstellung herausgegebene Reader mit Essays von AutorInnen aus Kunstwissenschaft, Philosophie und Kulturtheorie, der weniger Katalog ist, als eine Erweiterung der Ausstellung, spannt für die Rezeption der Arbeiten einen wunderbaren gedanklichen Horizont. 

Ilka Becker untersucht in ihrem Text Fragen der Repräsentation anhand der Figur des Vampirs, der als Wesen zwischen lebendig und tot eine dualistische Sicht in Frage stellt. Der Vampir hat kein Spiegelbild und so wird der Raum konstituierend für die Abwesenheit der Reflexion. Übertragen auf den Ausstellungsraum fragt sie sich, ob die dualistische Erzählung von neutralem White Cube versus dem mit einer eigenen Geschichte aufgeladenen Ausstellungsraum noch sinnvoll ist, oder ob ein Verständnis der Ausstellungsanordnung als „Zone der Unbestimmtheit“ hilfreicher sein kann. Als eine solche jedenfalls funktioniert „Field of Codes“, deren ProtagonistInnen das Beugen, Brechen, Verschieben und Hacken von Realität als Methode nutzen. 

Katrin Mayer befasst sich in ihrer Arbeit zwar mit der Geschichte des Ausstellungsraums, der ehemals die Kölnische Gummifäden-Fabrik beherbergte, doch dient ihr der Hintergrund als Auslöser, um anhand des Materials Kautschuk eine assoziativen Gedankenstrang in Bewegung zu setzen – vom haptischen Erlebnis, das bis in den Fetisch reicht, zu den umweltrechtlichen Fragen der Kautschuk-Gewinnung und dem Militär-Apparat, in dessen Dienst die Erforschung und Entwicklung des Materials stand. Transformation setzt Flexibilität voraus und so steht Gummi exemplarisch für das Potential zur Veränderung. 

Julian Irlinger übersetzt die Frage der Repräsentation in den digitalen Raum, in dem die Institution als physischer Ort in Frage gestellt wird. Online-Projekte wie Google Cultural Institute machen Sammlungen als virtuelle Spaziergänge erfahrbar. Obwohl oder gerade weil es sich hier um eine ganz andere Erfahrung handelt, als die einer körperlichen Wahrnehmung, steht sie in einem Zwiespalt, bieten sie doch einerseits einen demokratischen Zugang zur Kunst, der jedoch gleichzeitig die Institution selbst preisgibt. Die schroffen Metall-Strukturen von Marcel Hiller fragen vor diesem Hintergrund nicht mehr nach dem Wesen der Skulptur zwischen Form und Ready-Made, sondern stehen beispielhaft für die Zerbrechlichkeit von Strukturen und Prozessen. 

Codes sind nie absolut. „Wer denkt, hackt die bestehende Realität (…) Der Text der Realität franst aus. Für Momente ist er unlesbar. Dann ordnen sich die Zeichen neu. Bislang unbekannte Bedeutung entsteht“, schreibt Marcus Steinweg. Hiwa K erzeugt einen solchen Moment, wenn er sich auf einer Demo in Mainz eine Glatze rasiert und damit Neonazi-Codes beansprucht. Mit der schlichten und dennoch radikalen Geste schafft er es, die anderen Protestierenden massiv zu verunsichern. Die Sehnsucht nach einem unschuldigen Ort, weit weg von den moralischen Verstrickungen unserer Zeit, treibt die Protagonistin in Sven Johnes Video-Arbeit als Datensammlerin auf eine einsame Insel und in eine abgründige Dystopie über die Dynamik von kollektiver Schuld. Auch diese Arbeit entlarvt die naive Vorstellung von einem „Außen“. Wir können uns nicht entziehen. Da wo wir sind, ist auch unser Denken. 

„Field of Codes“ reflektiert den Ausstellungsraum als physisches und funktionales Gefüge, innerhalb dessen Realität umgedeutet werden kann. Die Ausstellung erzeugt einen neuen Denk-Raum, der sowohl als Ausstellungsraum funktioniert (und zwar so gut wie noch keine Ausstellung vorher im PiK) als auch über diesen hinausweist. Die gedankliche Verschränkung zwischen den Kunstwerken in der Ausstellung und den Essays ist gelungen, jedoch bleiben die beiden Rezeptionsräume voneinander getrennt und man hätte sich vielleicht eine deutlichere Integration der in den Texten gelieferten Gedanken in die Ausstellung gewünscht. So mag das unprätentiöse kleine Büchlein für viele Besucher womöglich untergehen, was schade wäre. Dies jedoch als einziger Kritikpunkt an einer Ausstellung, die institutionelles Niveau erreicht. 

Nelly Gawellek

19. April – 19. Mai 2018

PiK Projektraum im Kunstwerk
Deutz-Mülheimer Straße 127
51063 Köln

Donnerstag 16-18 Uhr und Samstag 15-19 Uhr

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