Flaka Haliti

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Flaka Haliti I See a Face. Do You See a Face., 2014 Serie von 10 Digitalfotografien, bearbeitet, montiert auf PVC-Hartschaumplatte, je 85 × 100 cm Series of 10 digital photographs, edited, mounted on PVC-Forex board, 85 × 100 cm each Photo: Flaka Haliti © Flaka Haliti

Vereinzelt schweben Wolken am strahlend blauen Himmel. Sie verändern sich und bilden ständig neue Formationen. Sie werden zu Gesichtern, die uns anschauen, erst grimmig, dann nachdenklich und weise, und kurz bevor sich die letzte Wolke auflöst, sieht sie aus als hätte sie ein Lächeln im Gesicht. Flaka Haliti hat dieses Motiv aus Kindertagen aufgegriffen und zehn Wolken in charakteristische Porträts verwandelt. I See a Face. Do You See a Face. (2014) heißt die Serie gleichformatiger Digitalfotografien, in denen sie mit einem schwarzen digitalen Stift Gesichter auf Wolkenformationen gezeichnet hat. Halitis schwebende Wolken werden zu Projektionsflächen für subjektive Illusionen und verkörpern die Hoffnung darauf, dass hinter dem Sichtbaren noch etwas Unbekanntes zu finden ist. Diese Fotoserie wirkt wie ein Einblick in eine emotional-subjektive Welt.

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Flaka Haliti I See a Face. Do You See a Face., 2014 Serie von 10 Digitalfotografien, bearbeitet, montiert auf PVC-Hartschaumplatte, je 85 × 100 cm Series of 10 digital photographs, edited, mounted on PVC-Forex board, 85 × 100 cm each Photo: Flaka Haliti © Flaka Haliti

Flaka Haliti wurde 1982 in Pristina geboren und lebt in München. 2013 erhielt sie den Henkel Art.Award und damit einen renommierten Förderpreis für Künstler/innen aus Mittel- und Osteuropa, der gleichzeitig mit einer Einzelausstellung im mumok (Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) verbunden ist.[1] I See a Face. Do You See a Face. ist der Titel dieser Ausstellung, in der sich Haliti mit den unsichtbaren und emotionalen Konflikten in unserer Welt beschäftigt. Auf sehr subtile Weise spricht sie die großen Themen Freiheit und Isolation, Liebe und Verlust, Nähe und Distanz an.

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Ausstellungsansicht / Exhibition view Flaka Haliti. I See a Face. Do You See a Face., 6.6. – 5.10.2014, mumok, Wien / Vienna Photo: mumok/Laurent Ziegler © mumok/Flaka Haliti

MUMOK

Ausstellungsansicht / Exhibition view Flaka Haliti. I See a Face. Do You See a Face., 6.6. – 5.10.2014, mumok, Wien / Vienna Photo: mumok/Hannes Böck © mumok/Flaka Haliti

Neben den Fotografien hat Haliti im mumok fünf raumgreifende Objekte installiert, die wie massive Betonpfeiler aussehen und doch nur aus grau verputztem MDF gebaut sind. Sie heißen Ohne Titel (2014) und referieren auf Barrikaden, die in den Nullerjahren als Sicherheitsmaßnahme rund um das UN-Gebäude in Pristina errichtet wurden. Meterhohe Betonmauern wie diese verfolgen das Ziel die Eskalation von Konflikten zu verhindern und hinterlassen dabei der Spuren der Gewalt. In ihrer Erscheinung erinnern sie an die Berliner Mauer, die Speeranlage um den Gazastreifen oder die Absicherung der Festung Europa durch die Agentur Frontex. Haliti hat diese typische Barrikadenform aufgegriffen, aber ihre Ästhetik demilitarisiert. Die Mauern wurden zerlegt und die Einzelteile so auf den Kopf gedreht, dass der Fuß nun die Decke des mumoks stützt. So gliedern sich die Objekte camouflageartig ein in die bereits vorhandene Architektur und es lässt sich nur schwer identifizieren, ob sie Teil der Museums- oder Ausstellungsarchitektur sind, oder ob es sich um Kunstwerke handelt. Aber welchen Eindruck hinlässt die Präsenz der UN im Kosovo? Was ist eigentlich Frieden? Und wirkt sich die Vergangenheit immer auf die Zukunft aus? Kosovo ist das jüngste Land der Welt. 2008 erkannten 107 von 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen seine Unabhängigkeit an – Serbien, China, Russland, Indien, Spanien und Rumänien gehören zu denjenigen Ländern, die sich gegen diese Erklärung aussprechen. Bereits seit 1999 durchläuft Kosovo einen anhaltenden Prozess des Nation-Buildings, in den bis heute auch die internationale Gemeinschaft durch den Einsatz der NATO, UNO, UNMIK und zuletzt der EULEX involviert ist. Halitis Arbeiten entstehen vor dem Hintergrund dieser komplexen transnationalen Geschichte, in der politische Konflikte multiperspektivische Formationen annehmen und persönliche Erinnerungen viele Facetten haben. Dass Politik und Kultur permanent spannungsgeladen sind, thematisieren ihre Arbeiten ebenso wie Problematik, dass sich die Dinge immer anders verhalten, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Halitis Arbeiten haben es darauf angelegt, das allgemein-gesellschaftliche – meist dualistische – Denken zu dekonstruieren. Man fühlt sich unsicher in dieser Welt, in der man nie weiß, ob es richtig/falsch oder echt/unecht überhaupt noch gibt.

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Ausstellungsansicht / Exhibition view Flaka Haliti. I See a Face. Do You See a Face., 6.6. – 5.10.2014, mumok, Wien / Vienna Photo: mumok/Hannes Böck © mumok/Flaka Haliti

In den Arbeiten Ohne Titel (2014) und I See a Face. Do You See a Face. (2014) verliert sich das Eindeutige in einem komplexen Netz aus Bedeutungen.Sie weisen eine ganze Reihe an Referenzen auf, die sowohl auf subjektiv-emotionaler Ebene als auch in der Gesellschaftspolitik ihre Ursprünge haben. Innerhalb dieses mehrschichtigen Referenzsystems nutzt Haliti die Ästhetik des Digitalen – verwendet auf formaler Ebene die Techniken Digitalfotografie, Video und Photoshop – um eine virtuelle Parallelwelt aufzubauen. Diese Welt verführt mit entzückender Schönheit und scheinbarer Einfachheit, doch hinter den angesprochenen Themen verstecken sich immer komplexe historische oder persönliche Zusammenhänge.

MUMOK

Ausstellungsansicht / Exhibition view Flaka Haliti. I See a Face. Do You See a Face., 6.6. – 5.10.2014, mumok, Wien / Vienna Photo: mumok/Laurent Ziegler © mumok/Flaka Haliti

In der 3-Kanal-Videoinstallation I Miss You, I Miss You, Till I Don’t Miss You Anymore (2014) skizziert Haliti, welche Konsequenzen Trennung und Distanz auf zwischenmenschlicher Ebene haben können. In einer dem White Cube angegliederten Black Box werden Liebesbriefe auf drei riesigen Flatscreens präsentiert. Jeder der Bildschirme weist eine andere Hintergrundfarbe auf, die jeweils ein bestimmtes Stadium im Verlauf der Beziehungen symbolisiert: gelb steht für ein anfängliches Kennenlernen, rot für erotisch aufgeladene Konversationen und blau für ein Verblassen der Liebe und sich anbahnende Trennungen. Vor dem starren Hintergrund sehen wir, wie langsam in Echtzeit Briefe – Buchstabe für Buchstabe – geschrieben werden. Eine scheinbar unsichtbare Hand leitet und bewegt das digitale Pipe-Symbol, löscht ab und zu einen Buchstaben und stoppt an anderer Stelle, ganz so als würde der Schreiber eine Denkpause einlegen. Sobald ein Absatz verfasst ist, bleibt das Bild stehen und eine weibliche Computerstimme liest Worte wie Liebe, Sehnsucht und „ich vermisse dich“ in einer gnadenlosen Monotonie vor. In dieser Sounddusche verlieren die Briefe ihre Subjektivität und zerfallen zu bedeutungsleeren Floskeln und Paraphrasen. Die Gefühle, die sich beim Lesen der Briefe eingestellt haben, werden von der Trockenheit der emotionslosen Computerstimme kontrastiert, wenn nicht sogar überdeckt. poster_i_miss_you.inddI See a Face. Do You See a Face zeigt keine realen Bilder des Leidens, keine Evidenzen eines realen politischen Kampfs und konstruiert keine heroischen Geschichten. Stattdessen gelingt es Halitis Ausstellung ganz subtil persönlich-emotionale Erlebnisse mit einer universellen Logik zu verknüpfen und die Brisanz politischer Entscheidungen im Ausstellungsraum physisch spürbar zu machen. Halitis Arbeiten setzen einen Mechanismus in Gang, der die Involviertheit jeden Subjekts in die bestehenden politischen Konflikte aufdeckt und die Welt als Ganzes vorführt. Ihre Arbeiten verweisen nicht nur auf die Isolation des Kosovo, sondern machen auch darauf aufmerksam, dass die individuelle Entfremdung die conditio humana der Gegenwart bildet. Die Schicksale der Einzelnen werden jedoch – trotz oder wegen des digitalen Zeitalters – von politischen oder wirtschaftlichen Interessen beeinflusst werden, auch vor dieser Aussage macht Haliti keinen Halt. Ästhetische Schönheit dient dieser Ausstellung jedenfalls nur als Mittel zum Zweck. Text: Vivien Trommer https://www.mumok.at/             [1] Der Henkel Art.Award, der 2002 ins Leben gerufen wurde, wurde 2013 zum letzten Mal vergeben.