form ever follows function – Ein Rückblick von Carina Bukuts

Die gläserne Architektur, die das Stadtbild Frankfurts prägt lässt weitere Sehenswürdigkeiten verblassen. Vergessen scheint der gotische Dom, der Wiederaufbau des Römerbergs und die Ernst-May Siedlung. Frankfurt gilt den Wolkenkratzern, deren schimmernde Fassade alles andere verblendet. Der Ursprung dieser ornamentlosen Architektur, frei von Historie, findet sich im Chicago der 20er Jahre. Dort entwickelte Louis Sullivan nicht nur die ersten Hochhäuser, sondern auch einen der bedeutsamsten Leitgedanken für die Architektur- und Gestaltungstheorie: Die Form eines Gegenstandes leitet sich von seiner Funktion ab und umgekehrt.

Die Ausstellung form ever follows function bei TheTip in Frankfurt zitiert diesen Gedanken und zeigt mit Maurice Uhrhan und Ilka Schön zwei künstlerische Positionen, die ihn materialisieren. Die Ausstellungsfläche von TheTip ist begrenzt. Auf 2 x 3 Metern spannt ein silberner Rahmen eine Glasfläche ein. Fast wie ein Fenster, das der Architektur der Skyline entnommen ist, damit es sich kurz ausruht, sitzt es auf einem teppichartigen Podest. Passanten sehen ihn, erleben einen Irritationsmoment, laufen weiter oder kommen näher. Maurice Uhrhan und Ilka Schön reflektieren dieses Verhalten des Betrachters, indem ihre Arbeiten Formensprachen der Umgebung aufgreifen. Während Uhrhans Installation in dem Kunstfenster von TheTip zu sehen ist, greift Schön in die Strukturen der Oppenheimer Straße ein, indem ihre Arbeiten in den Werbekästen des benachbarten Friseursalons John’s Hair Salon präsentiert sind. Die von Muriel Meyer kuratierte Ausstellung form ever follows function spielt mit den Möglichkeiten von Kunst, wenn diese einer größeren Öffentlichkeit zugänglich ist. Aus der Architektur des öffentlichen Raums hat der Künstler Maurice Uhrhan auch seine Installation Rauschen entwickelt.

Passgenau ist ein Zaun in das Fenster platziert. Das Gitter weist nicht nur eine klar definierte Formensprache auf, sondern verweist auch auf das Wechselspiel innerhalb seiner Funktion. Eine Architektur, die beschützt und zugleich abgrenzt. Indem Uhrhan den Zaun aus seinem Kontext loslöst und in dem Kunstfenster installiert, macht er auf dieses ständige Changieren aufmerksam. Der Zaun per se scheint nicht für seine Doppeldeutigkeit verantwortlich zu sein, wird diese ihm doch durch die Gesellschaft zu teil. Die Form der Linien, die mal vertikal, horizontal oder diagonal zueinander verlaufen, sind frei von Bedeutung. Wir eigneten uns diese Linien an. Benutzen sie als Hürde, damit niemand in den Schrebergarten einbricht und unser territoriales Reich vor Angriffen geschützt ist. Der Zaun dient der Prävention. Er ist kalt, manchmal stachelig und teils mit Strom aufgeladen. Er verletzt und das ohne eine Erklärung hören zu wollen. Ein Junge auf der Suche nach seinem Ball, der weit weg geflogen ist, eine Familie auf der Suche nach einem Zuhause, das weit weg von ihrer Heimat liegt. Der Zaun fragt nicht danach und so auch nicht die, die ihn errichtet haben. Rauschen strahlt diese Anonymität jedoch nicht aus. Vielmehr erinnert die Installation Urhans an Zäune, die sich dagegen wehrten nur auf ihre Barrierefunktion reduziert zu werden. So reduziert Urhan den Zaun nicht nur auf eine Skulptur, sondern erweitert diese zum Trägermedium für ein Plakat. Dieses zeigt den Ausblick auf bizarre Dachkonstruktionen, die durch ihre diagonale Neigung für mehr Durchlüftung sorgen. Entnommen aus der MoMa-Ausstellung Architecture Without Architects (1964/65) repräsentieren diese Konstruktionen in West-Pakistan eine Form des Bauens, die lediglich der Funktion dient. Während die Architekten der Moderne an Theorien und Konzepten festhielten, um ihren Gebäuden Legitimation zu verleihen und das Vorherige zu übertrumpfen, zeigte die Ausstellung im MoMA Architekturen aus der ganzen Welt, die damit brachen. Nicht jedoch aus einer avantgardistischen Haltung heraus, sondern umstandsbedingt wurden aus Bedürfnissen Formen entwickelt. Gleichermaßen wie der Zaun aus dem Bedürfnis heraus entwickelt wurde, etwas das einem lieb und teuer ist zu schützen. Umso spannender scheint es daher, dass Rauschen ebenso von einem Architekturelement beschützt wird: die gläserne Fassade von TheTip.

Auch Ilka Schöns Arbeiten für form ever follows function liegen hinter Glas. Behutsam wacht es über Haarpinsel, Löffel, Schalen und Flaschen, die aneinander gereiht in Vitrinen liegen. Schöns Objekte scheinen das Werkzeug des Friseursalons abzulösen, zugleich wirken sie in ihrer Präsentation wie Artefakte, die in einem Museum ausgestellt werden. Es ist gerade die Anordnung der Objekte, die an letzteres denken lässt. In kleinen Gruppierungen sammeln sich verschiedene Sets und es kann sich bereits das passende Label mit Inventarnummer vorgestellt werden. Indem Schön jedoch nicht versucht Historisches nachzubilden, sondern sich ausgewählte Formen aus dem Salonbetrieb aneignet, arbeitet sie nicht nur mit der Funktionalität ihrer Kunstwerke, sondern führt dem Betrachter seinen eigenen Erwartungshorizont vor. Dieser kennt entweder die Codes des „kollektiven Kulturgedächtnisses“ und sieht die Bezüge zu einer musealen Präsentation oder er findet die Objekte schlichtweg hübsch und meint der Besitzer führe sie in seinem Sortiment. Doch es gibt Hinweise, die den Blick des Betrachters lenken. Neben der Nummer des Friseursalons ist in gleicher Typografie auch die Handynummer von Schön auf dem Schaufenster angebracht mit dem Schriftzug contemporary fine arts. Eine Parodie auf den Kunstmarkt, denkt man an die gleichnamige Galerie mit Sitz in Berlin-Charlottenburg und zugleich ein direkter Verweis an all die Betrachter, die nicht Teil des benannten Kollektivs sind. Schweift der Blick hinter das Schaufenster, so findet er ein Symbol, das jedem vertraut ist. In der Optik der Rewe-Billigmarke JA! erscheint das äthiopische Silbenzeichen JA auf einer transparenten Folie. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Passanten auf den Salon und erschwer zugleich den Blick in ihn. Ähnlich verhält es sich mit dem Silbenzeichen; glaubt der Betrachter zunächst er hätte das Rewe-Logo wiedererkannt, merkt er gleich darauf, dass etwas anders ist. Von Supermärkten umgeben, knüpft Schön an die urbane Struktur des Ausstellungsortes an und lässt ihre grünen, blauen und pinken Utensilien in den Schaukästen ruhen und verführt die Passanten dazu sich irritieren zu lassen bis der Alltagsbetrieb sich wiedereinstellt. Inzwischen scheint es daher sehr passend, dass Ilka Schöns Arbeiten zugunsten von der Produktplatzierung des Besitzers ausgetauscht worden sind und Maurice Uhrhans wieder mit der nächsten Ausstellung, die das Kunstfenster beherbergt.

Text: Carina Bukuts

 

Maurice Uhrhan, Rauschen, form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

Maurice Uhrhan, Rauschen, form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

Maurice Uhrhan, Rauschen Detail, form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

Maurice Uhrhan, Edition form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

Ilka Schön, form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

Ilka Schön, form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

Ilka Schön, form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

Ilka Schön, form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

Ilka Schön, form ever follows function (12.04 -14.05.2017), TheTip Frankfurt am Main, Foto: TheTip

 

*TheTip
form ever follows function
curated by Muriel MEYER
12.04.2017-14.05.2017
Ilka SCHÖN
Maurice UHRHAN