FORT

Jemand hat an der Uhr gedreht, in beide Richtungen. Betritt man an einem heißen Sommertag die artothek in Köln wird man zurückversetzt an einen mediterranen Ferienort, der den Sommer schon hinter sich hat. Vielleicht ist der letzte Sommer hier aber auch schon 20 Jahre her, es liegt ein Retro-Filter über den Sonnenschirmen, die hellgelb-verblichen und speckig in der Ecke zusammengeräumt wurden, zum überwintern vielleicht, oder weil schönere, neue Schirme im nächsten Jahr ihren Platz einnehmen sollen.
Zurück geblieben sind drei provisorische Schirmständer, ordentlich in Reih und Glied, aber gleichzeitig windschief und rostig, zusammengeschraubt aus alten Autoreifen, in die Zement um ein Stück Rohr gekippt wurde, die ihrer ursprünglichen Funktionalität beraubt in der Mitte des Raumes stehen.
An der Wand ein Gesims, das vielleicht einst als Sonnendach eine Strandbar schmückte, THE DAILY SUN, verheißt es in eleganter 50er Jahre Typografie. Die tägliche Portion Sonne, die uns so gut tun würde, die Laune hebt, und dabei den Vitamin-D-Spiegel, wenn man nicht den ganzen Tag in dunkeln Büros unter Neonlicht verbringen müsste, in Deutschland, wo bis auf wenige Ausnahmen im Jahr von täglicher Sonne leider nicht die Rede sein kann.

Erst von oben betrachtet sieht man die blaue Plastiktüte, die sich hinter den Metallbuchstaben auf dem schattenspendenden Vordach verfangen hat, zwischen Vogeldreck von Möwen oder Tauben, die wie die Touristen längst ihr sommerliches Domizil verlassen haben.
Das Reisebüro, dessen Fenster FORT in der Ausstellung montiert haben, hat die besten Tage ebenfalls hinter sich – vergilbte Jalousien, verstaubte Scheiben, die schon lange niemand mehr geputzt hat, Last Minute nach IBIZ, AC PULCO oder HA AI, Sehnsuchtsorte auf Plastik-Stecktafeln statt Leuchtreklamen. 2 Buchstaben genügen, um den Strand im Kopf herbei zudenken.
Ganz oben auf der Liste der Sehnsuchtsorte darf Capri natürlich nicht fehlen, wieder so ein Wort, das sofort Bilder auslöst, von italienischen Schauspielerdiven in gepunkteten Kleidern, mondänen Urlaubsorten, Cabriofahrten, oder dem Lieblings-Kindereis, das den täglichen Freibadbesuch in den zuhause gebliebenen Sommerferien versüßte. FORT streuen immer wieder diese von Wortspielereien gesäumten Versprechen oder Vorstellungen von Versprechen ein, die jedoch nie eingehalten werden. So wie das zweite Schaufenster, das REISEN verspricht, aber nur noch EIS sagt.
Das Capri-Eis, das dann auch tatsächlich als geschmolzene und mittlerweile eingetrocknete gelbe Pfütze auf dem Boden vor dem Schaufenster liegt, ist zu einem abstrakten klebrigen Fleck geworden, eine Erinnerung an Eis, von der nur noch der Holzstiel und die knitterige Verpackung, die in einem Haufen Staub frisch zusammengekehrt mit dem Besen in der Ecke steht, übrig ist.

FORT, das Künstlerduo bestehend aus Jenny Kropp und Alberta Niemann, setzt auf genau diese persönlichen Erinnerungen, die ihre nachgebauten Alltagsgegenstände beim Betrachter hervorrufen, wenn sie aus ihrem ursprünglichen Ort oder Kontext entfernt und neu arrangiert werden. Das Gefühl von Vertrautheit, das einen überkommt, gemischt mit einer Spur Nostalgie und aus der Zeit gefallen-sein löst sofort etwas aus. Erinnerungen an Sommerferien am Meer, geschmolzenes Eis, das die Hände verklebt, die kindliche Aufregung bei den ersten Flughafenausflügen und Fernreisen, Fernweh, Sommerweh. Und gleichzeitig weht in all der nostalgischen Post-Urlaubsstimmung eine latent bedrohliche Brise. Musste das alte Reisebüro schließen, weil es nicht mehr mit den Preisvergleichsportalen im Internet mithalten kann, weiter, billiger, individueller? Und ist die Sonne nicht eigentlich viel schädlicher, als dass sie uns gut tut? Und plötzlich sind die beiden alten Samsonite-Koffer, die oben auf der Brüstung stehen, als würden sie den Raum unter sich beobachten, nicht mehr nur zwei ausrangierte Gepäckstücke, die zwar unpraktisch und altmodisch geworden sind, aber irgendwie retro, sondern zwei herrenlose Koffer am Flughafen oder in einem Zugabteil.

Schnell wieder verdrängen und an was schönes denken, den Sommer zum Beispiel, wie schnell das Jahr schon wieder verflogen ist. Oder Urlaub auf Capri, irgendwann.

Text: Leonie Pfennig

FORT, The Daily Sun, bis 22. August 2015, artothek Köln
http://www.museenkoeln.de/artothek/seite.aspx?s=612

Nächste Ausstellung:
FORT
About Blank
4.9.— 16.10.2015
Sies + Höke, Düsseldorf
http://www.sieshoeke.com/exhibitions/fort-2015

 

Installationsansicht2Alistair_Overbruck

Installationsansicht

RestAlistair_Overbruck

Rest, 2015; Summercool, 2015

SunnyAlistair_Overbruck

Sunny, 2015

Installationsansicht1Alistair_Overbruck

Fellows, 2015

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The Daily Sun, 2015

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Last Minute, 2015;

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Observers, 2015