Fragmente einer Woche. Szenen der Berliner Art Week

Fragmente einer Woche. Szenen der Berliner Art Week

von Agnieszka Roguski

Fotos von Stefanie Humbert

 

Nach den ersten Eröffnungen blicke ich meinem eigenen Entschluss, über die Berlin Art Week zu schreiben, etwas erschöpft entgegen. Ein mal blassgrauer, mal sonniger Herbst zeigt sich, niemand kann sich zwischen Sonnenbrille und Regenschirm entscheiden, macht nichts, man sieht gut aus. Sentimentale Gefühle, die dem gerade noch gewesenen Urlaub gelten, verschwinden unter den hektisch aufpoppenden Tabs meines Browsers, mit dem Anklicken aller irgendwie attraktiven Events auf Facebook und den Kommunikationsversuchen meines Handys. Ich bin gestartet.

Durch die Art Week müsse man durch, sagt mir ein Freund, selbst Künstler, als ich ihn am Vortag im Gemenge der KW in der Auguststraße treffe. „Welcome to the Jungle“ heißt es dazu im Programm, also drehe ich mich mit anderen Besuchern angeekelt weg, als in einem Video von Jon Rafman das Eiweiß aus dem zertretenen Schalentier quillt. Man schnappt nach Luft, nickt sich zu, sucht die anderen und trifft die einen. „Naja, klassisch irgendwie“, urteilt eine angehende Kuratorin über die Ausstellung, nachdem ich mich durch das bunte Dickicht der für Marianne Vlaschits halbnackt posierenden Jünglinge im Keller geschoben habe. „I don´t have invitation, I don´t have invitation“ brüllt eine Frau dem grauhaarigen Mann mit Behäbigkeitsbauch entgegen, der sie fragt, ob er sie auf der Party „of this… erm… magazine“ treffe. Eine angehende Kunstredakteurin überlegt sich, vielleicht doch auf Journalismus für Teenager umzusteigen. Feministisch verstanden.

Angekommen in der nGbK in Kreuzberg, in der mich „Redemption Jokes“ erwarten, die vom „Büro für widersprüchliche Beziehungen“ zusammengestellt wurden, werde ich von einer Gruppe befreundeter Künstler auf dem Abstecher zum türkischen Süßigkeitenladen aufgehalten. Sie sind guter Dinge. Die Art Week, die sei doch sowieso nicht ganz ernst zu nehmen, sondern „Kirmes für Künstler“. Lachen.Ludlow38_MP_30

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Am nächsten Tag fühle ich mich grundlos vorbereitet und gestärkt, als ich die erste Galerie in Mitte betrete. Es ist abc Gallery Night, die Bühne des Kunstpublikums bebt. Bei Sprüth Magers steckt eine Frau einer anderen Frau invitation cards zu. Mit einem Späti-Getränk in der Hand fällt mir kaum auf, dass ich die Videos von Hito Steyerl bei KOW nicht einmal von außen gesehen habe und folge einer immer wechselnden Gruppe von Freunden und Unbekannten. Als ich komme, verlässt die Polizei die Spike-Räume; Schluss mit BBQ im Garten, es gibt Negroni und Aperol Spritz zu einer Sammlung von Fotonegativen in Leuchtkästen. Kurz fühle mich an meinen Italienurlaub erinnert, bis ich fast in ein Taxi Richtung St. Agnes gezogen werde. Kit Kat Club? Party von Peaches? Ich bleibe in Mitte, lausche auf der Fensterbank der Bar 3 Bossa Nova auf Anschlag und beobachte ein auf Koks knutschendes Paar. „Mir ist schon ganz übel“, sagt eine Freundin und stellt ihr erstes Glas Weißweinschorle weg. Zeit für den Heimweg.

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In flattrigem Lila mache ich mich auf den Weg zur Presse Preview der eröffnenden abc; diesiges Sonnenlicht scheint auf die Stände, noch herrscht eine fast feierliche Ruhe. Kritik und Kontemplation scheint auch auf Kunstmessen möglich, da können Brands wie Neologismen kreiert und verbreitet, das Prekariat persifliert und als Plastikskulptur installiert werden, Material-Experimente wie Marilia Furmans schmelzende Wachsklötze unter Spotlight-Beschuss ergeben bei jedem Vorbeigehen ein neues Bild. Optimales Aufschnappen. Mir wird warm, eine Galeristin rät mir zu Verpflegung von der Tankstelle, ich muss weiter. Sage „Ich komme wieder!“ zum Londoner Galeristen, nachdem er den speziellen Twist bei Trevor Shimizu beschrieben hat: Man fühle sich wie beim irrealen Ankommen im Alltag nach dem Urlaub in einer vakuumartigen Grauzone. „Das Gefühl kenne ich!“ ruft es aus mir heraus. Verständnisvolles Lachen, zurück zum Tatbestand: Habe ich schon etwas gesehen, das „strong“ sei? Ich spreche von Stimmungsbildern und entscheide mich für Stärkung mit Schokolade und Mate. Eine Freundin ruft an, Künstlerin, und fragt mich, für was eigentlich das A der abc stehe. Ob wir uns am Abend bei der Frieze-Party treffen? Eine Galeristin gesteht mir, lieber mit ihrem alten Schulfreund am Küchentisch zu sitzen, eine Kuratorin verkündet mit erleichtertem Schuldgefühl, bereits bei einer Party eingeladen zu sein, die nichts mit Kunst zu tun habe; wir verabreden uns zu Drinks. Ich schwitze unter fliederfarbenem Synthetik.

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Die Party verpasse ich, zu stark der Regen, zu fortgeschritten der Abend. Eine Freundin erzählt mir, sie sei seit Tagen unterwegs und habe noch nichts gesehen, während sie mit ihrem Rollkoffer einer Bahn hinterherrennt. Ich schreibe eine Liste, die Galerienamen verwildern auf dem Papier, Möglichkeiten bauen sich labyrinthartig vor mir auf, das Handy vibriert, ich sinke aufs Sofa. „Die Gruppe braucht Kaffee“, schreibt mir die Freundin mit Rollkoffer. Während ich auf die Gruppe warte, bleibt diese stehen, wird dann aus zwei schließenden Galerien geworfen und betrinkt sich schließlich mit Champagner bei der Preisverleihung für junge Kunst der Nationalgalerie. Andere schlafen ihre Räusche aus. Nachdem ich alle Optionen in verschiedenen Kombinationen durchgespielt habe, fahre ich nach Schöneberg zu Sandy Brown, wo mir eine schwedische Praktikantin in rosa Daunen gesteht, sie habe bis auf ihren Partner nichts mit Kunst zu tun, sondern arbeite mit Anwälten. Wir lächeln.

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Am letzten Tag der Art Week besuche ich noch einmal das Messegelände am Gleisdreieck. Ich bin gut gelaunt, am Vorabend haben sich in der Volksbühne die Videostimmen von Paul McCarthys „Rebel Dabble Babble“ unter Sägelärm Demütigungen zugebrüllt, raumgreifend installiert, projiziert durch Schlitze, Fenster und auf schräge Großbildleinwände, Bekannte habe ich auf der Drehbühne getroffen. Meine Freundin muss ihren Rollkoffer jetzt aus einer Wohnung in Mitte abholen, isst eilig indisch im Messecafé und redet von der Zeit bis zur Rente. Ein Künstler setzt sich zu ihr; man sei irritiert darüber, dass er als Künstler hier Kunst verkaufe. „Ich sage, es ist eine Performance!“ ruft er mit litauischem Akzent und springt auf. Ein Galerist erzählt mir, er habe die prekäre Produktionsbedingungen aufgreifende Plastikskulptur – eine Bushaltestelle von Wilhelm Klotzek mit lebensgroßen Zigaretten – in den Garten eines Sammlers verkauft. Interessenten, deren Kinder und Tiere bestaunen oder befühlen noch einmal das Kunstangebot, während der Kaffeewagen langsam eine letzte Runde dreht. Vor allem im Alkohol liege der Stress der letzten Woche, seufzt ein Redakteur. Die Halle leert sich, Regen zieht auf. Ich atme auf, verständnisvoll.