„Für immer ist immer schrecklich“ – Ein Interview mit Cemile Sahin

Cemile Sahin hat Bildende Kunst am Central Saint Martins College of Art und Design in London und an der Universität der Künste in Berlin studiert. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Film, Fotografie, Skulptur, Sound, und Text. In ihren Werken beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis von Wort und Bild und setzt dies in Bezug zur Wirkmacht von Zeitlichkeit. Die Künstlerin ergründet Mechanismen der Geschichtsschreibung und zerlegt gängige Erzählweisen. Ihre Auseinandersetzung mit den Grenzen medialer Narration geht mit einem Ausloten der Mittel und Möglichkeiten von Erzählbarem einher.

Im Kontext ihres neuesten Filmes, Center Shift #0 (2018), hat Cemile Sahin über ihre künstlerische Arbeit gesprochen. Er stellt den Prolog für eine mehrteilige Mini-Serie dar, mit deren Produktion sie in diesem Jahr begonnen hat.

Tarika Johar: Center Shift #0 eröffnet mit einer Szene, die wirkt, als würde eine ältere Frau mit einer Erinnerung kämpfen. Sie schreit in die Kamera, flüstert bedrohlich und versucht, ein Ereignis zu korrigieren, das an einem Dienstag stattgefunden haben soll. Im Folgenden kreisen die Handlungen einer Frau und eines jungen Mannes um jenes Ereignis, das mutmaßlich einen Mord darstellte. Es bleibt unaufgelöst — ein Hotelzimmer und ein Parkplatz zwischen Industriegebäuden werden zu Schauplätzen unterschiedlicher Perspektiven auf den Tatvorgang. Welche Rolle spielen die wechselnden Perspektiven der ProtagonistInnen?

Cemile Sahin: Ich verstehe Center Shift #0 in dem Kontext der Serie als Prolog, als eine Auflösung der Geschichte, in die der Zuschauer hineingebeamt wird. Es gibt keine gängige narrative Einführung in den Plot, in welchem sich die Figuren und ihre Haltungen bzw. Handlungen zu dem eigentlichen Konflikt erklären. Die ProtagonistInnen inszenieren ein Re-Enactment, in dem die tatsächlichen Konflikte getrennt voneinander wiedergegeben werden. Die drei ProtagonistInnen sind im unermüdlichen Versuch begriffen, die Geschichte, welche um den Mord herumgebaut ist, neu zu konstruieren. Wir wissen jedoch nicht, ob die Geschichte als Ganzes so stattgefunden hat, wie sie wiedergegeben wird.

Wovon wird die mehrteilige Serie handeln? Könntest Du einen Einblick in das Handlungsgerüst geben?

In der Serie Center Shift findet eine Gruppe von Menschen scheinbar durch Zufall zueinander. Sie entwickeln die Absicht, gemeinsam einen Film zu drehen. In ihrer Suche nach der perfekten, ruhmvollen Story wird im Affekt eine Person erschossen. Dieses Ereignis dient für die ProtagonistInnen als Starting Point – als Geschichte, die es zu bebildern gilt. Mit jeder Episode wird der Mord reinszeniert. Jeder will es gewesen sein, jeder von ihnen gibt die Geschichte anders wieder und die Episoden überlagern einander. Alles kreist um die Frage der Bilder: Wie ersetzt ein Bild die Geschichte, wenn es von vornherein keine Bilder dazu gibt? Und umgekehrt: wie viel der Geschichte verschwimmt in den Bildern? Was passiert, wenn man von außen versucht, über die Geschichte ein Bild zu kreieren, das am Ende der Geschichte etwas zurückgibt? Oder anders gesagt: Man versucht der Geschichte Bilder aufzudrücken, da es für jede Geschichte Bilder gibt, die sich nicht wiederherstellen lassen.

Das klingt sehr spannend und komplex. Was interessiert dich am Format der Filmserie? 

Ich bin mit dem Internet verschmolzen. Ich liebe YouTube und das Format der Kurzgeschichte, die in kürzester Zeit versucht, eine Handlung zu komprimieren und über alle unnötigen, ellenlangen Beschreibungen hinwegsieht. Was nicht bedeutet, dass ein längeres Format diese Eigenschaften nicht hat. Aber ich bin einfach ein Fan von Cliffhangern. Als Kind hat mir mein Vater nur Cliffhanger-Geschichten erzählt, die er nächtelang fortführte. Ich mag die Schnelllebigkeit, aber zugleich auch die Kurzlebigkeit dieser Geschichten im Allgemeinen, bis etwas Neues einbricht oder eben verstreicht, weil etwas Anderes kommt. Dinge gehen kaputt und zu Ende und das ist gut. Für immer ist immer schrecklich.

In einer zentralen Szene in Center Shift #0 korrespondiert die qualvolle Schlachtung eines Huhnes mit dem Klicken des Feuerzeuges eines parallel eingeblendeten Mannes. Welche Funktion übernimmt diese Szene? Sie erzeugt eher ein Gefühl der Verletzung, die Ahnung einer abstrakteren Ebene von Gewalt.

Das Huhn-Video ist eine ältere Arbeit von mir, die in meinen anderen Werken immer wieder auftaucht. Das Video mit dem Huhn hält im Prolog eine einfache Ersatzfunktion für den Mord inne – außerhalb der Zeit des Films, der auf fiktiver Ebene passiert und eine andere Ebene öffnet. Es geht generell um die Frage, ob ein neues Bild ein fehlendes Bild ersetzen kann, obwohl Bilder allgegenwärtig sind, scheinbar flächendeckend lesbar sind. Und wie beschreibt man einen Mord, von dem man nicht weiß, ob er tatsächlich stattgefunden hat oder ob die Figuren, die das gerade nur spielen, ihn reinszenieren.

Welche Form des filmischen Kommentars bzw. der Erzählung interessiert Dich in Deiner Arbeit?  Etwa im Zusammenhang mit der Szene, in welcher die Frau mit einer Pistole das Hotelzimmer betritt?

Die Frau, gespielt von Inga Busch, beschreibt ihre Taten beim Ausführen. Die Aktion doppelt sich konstant. Sie wird also nicht von außen beschrieben. Die Kommentar-Ebene in der Erzählung schließt sich aus, weil sich die Rolle selber beschreiben muss. Basierend auf der Wiederholung erstellen sich neue Bilder für die Geschichte. Der Zuschauer begreift, dass die Frau den Ort bereits kennt, an dem sie ist. Die Rolle inszeniert sich selbst nach.

Obwohl es in dem Prolog eine lose, lineare Abfolge von Szenen gibt, stellt jede Handlung doch ein neu hervorgebrachtes Ereignis bzw. eine andere, weitere Gegenwart dar. Die Szenen sind untereinander verschachtelt, Variationen ein- und derselben Handlung und darin modifizierte Wiederholungen. Das erinnert mich an Gilles Deleuzes Gedanken zur Wiederholung und Zeit, die er etwa in Henri Bergson. Zur Einführung (1966) oder Differenz und Wiederholung (1967) entwickelt hat.

Ja, das passt, obwohl ich mich im Kontext der Serie und während der Research nicht mit Deleuze beschäftigt habe, sondern eher mit den Variationen der mündlichen Geschichtsschreibung, die ich auch aus dem Nahen Osten kenne. Vor allem, welche gesellschaftlichen Zusammenhänge eben diese Geschichten haben. Die Geschichte wiederholt sich sowieso alle 60, 70 Jahre, das sollte man nicht vergessen. Die Prämisse im Film ist das Ereignis, das sich durch die Wiederholung der Erzählung, oder die Nacherzählung dieser, immer wieder neu zusammensetzt.

Du schreibst, drehst Filme, bringst Dich in politische Fragen ein: An welchen Projekten arbeitest Du zurzeit alles?

Nächstes Jahr wird es eine wandernde Kunstausstellung mit anderen KünstlerInnen geben, in dessen Rahmen ein Roman und die erste Episode der Serie erscheinen. Außerdem gibt erste Fashion-Kollaborationen, ein Bühnenbild, diverse Musikvideos und im Winter dann das Album.

Interview Tarika Johar
Pictures by Neven Allgeier