GORGEOUS GEOBROWSING

Moritz Ahlert, Katja Aufleger, Bureau d’Études, Emily Eifler, Jenny Odell, Hanny Oldendorf, Alsino Skowronnek & Hans Hack

Kartografie war in ihrer langen Geschichte noch nie so allgegenwärtig. Durch neue Medien werden heute mehr Karten produziert und genutzt als jemals zuvor. Sie dienen der wissenschaftlichen, technischen, privaten und auch künstlerischen Erfassung der Welt, im Spannungsfeld von objektiver Messbarkeit und subjektiver Wahrnehmung.
Die Verbreitung digitaler Karten und ihrer Anwendungen (Apps) führt zu neuartigen Verschiebungen und Überlagerungen von physischen und virtuellen Räumen, die Unterscheidbarkeit scheint zu verschwimmen. Gleichzeitig ist der Benutzende selbst zum Produzierenden der sich ständig erweiternden und doch formal vorbestimmten digitalen Karten geworden.
Die sieben Positionen in der Ausstellung Gorgeous Geobrowsing bedienen sich der Kartografie, denken sie weiter, begegnen ihr mit einem künstlerischen Interesse für Systeme und deren ästhetisches Potential. Im Zwischenspiel von (Geo-)Daten und Oberfläche führen die Künstler die alte, ureigene Tradition des künstlerischen Umgangs mit Kartografie weiter und betrachten die Formalisierung unserer Wahrnehmung kritisch.

Moritz Ahlert (*1982, lebt und arbeitet in Berlin) interessiert sich in seiner künstlerischen Forschung für das Aufdecken von Machtverschiebungen im Zusammenhang mit Geodaten, hier am Fallbeispiel von Mexiko-Stadt. Digitale Karten werden heute als dividuelles Medium eingesetzt, um Bevölkerungen zu vermessen, zu verorten und zu vernetzten. Im sogenannten Zeitalter der Entdeckungen dienten Seekarten der Eroberung neuer Territorien, heute helfen sie dabei, neue Märkte zu erschließen. So überlagert Moritz Ahlert die räumliche Verteilung von Pokémon-Go-Funden, Airbnb-Wohnungen und Uber-Routen und untersucht damit die Rückseite dieser virtuellen Karten und ihrer neuen Einsatzgebiete.

In der Arbeit SUM OF ITS PARTS von Katja Aufleger (*1984, lebt und arbeitet in Berlin) wird die Welt zurück in die Form einer Scheibe gepresst – als sich drehende und klingende kartografische Projektion. Die verschiedenen Höhen der Erdoberfläche wurden in Frequenzen übersetzt, die nördliche Hemisphäre auf der A- und die südliche Hemisphäre auf der B-Seite des Vinyls. Ein Meter über dem Meeresspiegel entspricht einem Hertz. Vom Plattenteller angetrieben, ist der Mount Everest somit der höchste hörbare Ton und das Meer gibt die Pausen vor. Katja Aufleger entlockt damit den starren Daten eine neue Ebene der Wahrnehmung, die über das visuell und akustisch Erfahrbare hinausweist.

Die Karten von Bureau d’Études (gegründet 1998, leben und arbeiten in Paris) sind keine geografisch korrekten Weltdarstellungen, sondern mit Informationen überladene Organigramme zur Sichtbarmachung komplexer politischer, sozialer und ökonomischer Machtgefüge. So werden in World Government verschiedenste Akteure des Weltgeschehens mit dutzenden von Symbolen und Beziehungslinien dargestellt, wobei das Dargestellte auf den zweiten Blick ob seiner Komplexität jedoch kaum greifbarer wird. Für Bureau d’Études ist die Karte ein analytisches Werkzeug, mit dem sie subjektive Projektionen einer von Datenflüssen zerklüfteten Landschaft zeichnen, als Gegenentwurf zu konventioneller Karten- und Geschichtsschreibung.

In ihrer Arbeit Loungin‘ löst Emily Eifler (*1985, lebt und arbeitet in San Francisco) die Grenzen der Karte auf und kombiniert das scheinbar regungslos dokumentarische Satellitenbildmaterial von Google Earth mit gif-Dateien von beweglichen Oberflächen oder Darstellungen spektakulärer Naturereignisse. Sie beschwört die suggestive Wirkung von digitalen Karten und dekonstruiert nebenbei kartografische Prinzipien von Ausschnitt- und Rahmenbildung, Maßstab und Perspektive. Lediglich relikthaft bleibt die Navigationsleiste der Karte erhalten, welche ihrer Funktion enthoben und komplementär erweitert wird um naiv-romantisch anmutende Bildverwandtschaften.

Für ihre Satellite Collections sucht Jenny Odell (*1985, lebt und arbeitet in San Francisco) auf Google Maps nach immer wiederkehrenden Formen und ästhetischen Typologien, wie Pools, Baseballfelder oder Schiffscontainer, in überwiegend urbanen Satellitenaufnahmen. Die einzelnen Fundstücke ihrer virtuellen Streifzüge isoliert sie anschließend von ihrem ursprünglichen Kontext und arrangiert sie dicht gedrängt auf leeren weißen Bildträgern. In diesen abstrakten Kompositionen erscheinen die Artefakte nun als komprimierte Panoramen menschlichen Schaffens.

Die wuchtig gerahmten Bilder aus der Serie Beach View von Hanny Oldendorf (*1984, lebt und arbeitet in Berlin) zeigen Ansichten paradiesischer Strände an tropischen Küsten, die der Künstler nach seinen Reisen erneut über Google Earth besucht und aus eigenen Blickwinkeln dokumentiert. Diese Abbilder sind digitale Rekonstruktionen des dargestellten Gebiets, die aus Satellitenbildern und den Höhendaten des Ortes errechnet werden. Teilweise werden sie noch mit vor Ort fotografierten Handybildern kombiniert. Die daraus entstandenen Motive erinnern weniger an fotorealistische Abbildungen, als vielmehr an impressionistisch gemalte Landschaften. Sie werden in handgearbeitete hölzerne Rahmen eingebaut, die natürliche Materialien wie Treibholz, oder auch traditionelle Schnitzkunst aufgreifen und imitieren. Dabei wird mit Begriffen wie Exotik und Authentizität gespielt und die Gattung der Landschaftsmalerei neu aufgelegt.

Hans Hack & Alsino Skowronnek (leben und arbeiten in Berlin) interessiert die digitale Karte als Informationsträger mit den verschiedenen Methoden des Sammelns, Auswählens, der Visualisierung und Aufbereitung von Wissen. Im digitalen Zeitalter werden immer mehr Informationen freigegeben, aufgezeichnet und gespeichert. Mit ihrer in der Ausstellung beworbenen Website ufoland.info beschreiten Hans Hack & Alsino Skowronnek neues Terrain der Datenvisualisierung und bereiten mit den »Sichtungen Unidentifizierter Flugobjekte in Deutschland« überdies Daten auf, deren eigene Zweifelhaftigkeit bereits im Thema selbst liegt und damit die Frage nach objektiver Repräsentation einschließt.

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Wiensowski & Harbord
GORGEOUS GEOBROWSING
Moritz Ahlert, Katja Aufleger, Bureau d‘Études, Emily Eifler,
Jenny Odell, Hanny Oldendorf, Alsino Skowronnek & Hans Hack
4.-19. Februar 2017
Lützowstraße 32
10785 Berlin