Heidelberger Kunstverein

Mit den zwei Ausstellungen Es war einmal ein Land in der großen Halle des Kunstvereins und Transgender in HoyerswerdaWie es wirklich war im Studio richten die Kuratorinnen Öykü Özsoy und Susanne Weiß den Fokus auf künstlerische Positionen aus Ländern und Regionen, die einen rigorosen politischen Wandel durchlaufen haben. Es war einmal ein Land klingt wie der Anfang eines Märchens, fernab der offiziellen Geschichtsschreibung, die nicht nur auf Fakten basiert, sondern auch politisch gefärbt, gelenkt und staatlich sanktioniert ist. Und so ist es auch, denn was wir sehen ist Historie, wie sie entsteht, wie sie von Mensch zu Mensch, in Gesichtern, Gegenständen und Bildern weitergetragen wird.

Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, eine Suche nach Verständnis für die eigene Gegenwart, die die Arbeiten von Wael Shawky, Bengü Karaduman und Mounira Al Solh miteinander verbindet. Mit eigenen Bildern erzählen sie das Geschehene neu – setzen Akzente, stellen Fragen und holen es so in den zeitgenössischen Diskurs. Shawky zeigt mit den Cabaret Crusades, die Entwicklung der Kreuzzüge aus Sicht der aktuellen, arabischen Forschung und erlaubt so einen neuen Blick auf die Erzählungen, die das Verhältnis von Christentum und Islam bis heute prägen. Mit seinen fein gearbeiteten ausdrucksstarken Marionetten, die bereits auf der dOCUMENTA (13) einen Auftritt hatten, gibt er der Narration eine außergewöhnliche Intensität. Sequenzen, wie die Rede Papst Urbans dem II. wirken durch die rhetorische Nähe zu hetzerischen islamkritischen Reden aus der heutigen Zeit so gegenwärtig, dass sie Gänsehaut bereiten.

Karaduman reflektiert mit ihrem Scherenschnitt-Animationsfilm In Place of Silent Words die Entwicklung ihres Heimatlandes Türkei. Die schwarz-weiß-Ästhetik des Films anonymisiert dabei nicht nur die Protagonisten, sondern lässt die Ereignisse scheinbar konturlos ineinanderfließen. In rhythmischer Folge reiht Karaduman so Schlüsselmomente aneinander, dass der Eindruck eines sich endlos wiederholenden Verlaufs der Geschichte provoziert wird. So zeigt sie etwa die Ermordung dreier aufständischer Studenten in den 70er Jahren. Sie wurden zu Ikonen der Proteste im Istanbuler Gezi Park, denen selbst fünf Zivilisten zum Opfer fielen. Durch den spärlichen, harschen Sound bekommt das Video eine raue monotone Anmutung, die sich auch in Karadumans zweiter Arbeit Hallo Erde widerspiegelt. Vor Ort zeichnete sie Elemente ihres Traumtagebuchs auf eine Trennwand des Ausstellungsraums. Sie zeigt Menschengruppen, die apathisch vor sich hinblicken, zusammen mit geometrischen Formen von Regalen und Maschinen ohne ersichtliche Funktion. Ein gefesseltes Mädchen, ein Mädchen im Müllberg, zerbrochene Teller, eine Kuh, Hunde und Wassertanks.

Mounira Al Solh näherte sich mit ihrer Arbeit I strongly believe in our right to be frivolous aus dem Jahr 2014 den Erfahrungen von Flüchtlingen als Beobachterin und Chronistin unserer Zeit. Sie selbst ist halb Libanesin halb Syrerin und pendelt heute zwischen Amsterdam und Beirut. Dort kocht sie regelmäßig mit syrischen Flüchtlingen in einem Community Center, portraitiert sie und schreibt ihre Geschichten auf. Anhand der Materialität der Arbeit lässt sich auf die Situation schließen in der sie entstanden ist. Es sind schnelle Zeichnungen mit Kugelschreibern oder Filzstiften auf liniertem Notizpapier. Die Gesichter, die man sieht, lassen jedoch eine sensible Auseinandersetzung mit den Menschen hinter den Portraits erahnen. Größtenteils alte und junge Männer blicken fragend, nachdenklich oder traurig ins Leere. Die Notizen neben den Portraits erzählen von Verlust und Angst, von Wut, Trauer und Orientierungslosigkeit.

Diesen narrativen Ansätzen gegenüber stehen die künstlerischen Arbeiten von Cevdet Erek und Iz Öztat, die sich skulptural mit Dingen auseinandersetzen, die die Zeit reflektieren. Sie arbeiten mit Materialbotschaften und Sehgewohnheiten und schaffen es so, tote Objekte zu subjektiven Zeitzeugen zu machen.

Iz Öztat arbeitet mit der verstorbenen Künstlerin Zişan (1894-1970) zusammen. Zişan ist eine historische Figur; das uneheliche Kind einer Türkin und eines armenischen Fotografen, die vor dem armenischen Genozid 1915 floh und fortan keinen festen Wohnsitz mehr hatte. Unterwegs fertigte sie Skizzen, Zeichnungen und Fotocollagen für Gegenstände an, die mythischen und rituellen Funktionen dienten. In der offiziellen Geschichtsschreibung der Türkei taucht Zişan nicht auf. Öztat hat sich ihr Archiv angeeignet und die Skizzen ihres Alter Egos skulptural und installativ umgesetzt. Was sie dadurch schafft sind Arbeiten, die durch ihre Materialität in den gegenwärtigen Diskurs der Post-Internet Art passen, inhaltlich aber die Geschichte ihrer surrealen Vergangenheit kommuniziert. Zu sehen sind mehrere Arbeiten aus dieser Produktionsreihe, wie etwa das Portal, eine Kissenform aus Kupfer auf braunem Filz, das Öztat nutzt um mit Zişan in Kontakt zu treten.

Cevdet Ereks Arbeit Rulers and Rhythm Studies besteht aus Linealen, die äußerlich den Standardmaßen der handelsüblichen Schul- und Arbeitsutensilien entsprechen. Auf ihnen hat er Zeitabschnitte, Intervalle und subjektives Zeitempfinden markiert. So sind auf einem der Lineale die Jahreszahlen der bedeutendsten Umbrüche der jüngeren Geschichte der Türkei markiert (1923, 1960, 1971 und 1980), auf einem anderen, die Zweijahresintervalle der Istanbul Biennale, ein weiteres zeigt unbenannte- oder bezifferte schwarze und weiße Abschnitte, die zur fiktiven Messung von Tag und Nacht dienen. Ereks subjektive Richtmaße, geben dem Lauf der Zeit eine Form und verschaffen eine scheinbare Übersicht. Das macht sie greifbar, zeigt aber auch den Interpretationsraum, den normierte Messungen offen lassen.

Geht man von der Ausstellung in der großen Halle des Kunstvereins hinunter in das Studio, so findet man dort die Ausstellung Transgender in HoyerswerdaWie es wirklich war des Künstlerduos Klotzin (Wilhelm Klotzek und David Polzin). Der Titel verführt zum Fabulieren. Nach Aussage des Künstlers Wilhelm Klotzek geht es jedoch um die Suche nach einer eigenen Identität innerhalb eines Systems, dass keine Orientierung bietet. Im Raum verteilen sich gleichmäßig neun Miniaturszenarien (Transgender in Hoyerswerda.), an den Wänden hängen klassisch gerahmte Portraits und Momentaufnahmen (Wie es wirklich war). Es ist die Gegenüberstellung einer humoristischen Reise durch die jüngere deutsch-deutsche Geschichte, mit dem Fotoarchiv von Peter Woelk, dem Vater Wilhelm Klotzeks, der seit den 70er Jahren in Ostberlin und Leipzig als Fotograf tätig war. Seine ruhigen schwarz-weiß Aufnahmen beäugen scheinbar geduldig die wimmelnde Vielteiligkeit der kleinen Szenerien aus Zigaretten, Kabeln und Schachteln, die etwa den Mauerfall, den Runden Tisch zur Aushandlung der neuen Verfassung oder das Portrait Sabine K.’s zeigen, die ihr Begrüßungsgeld allein in einer Westberliner Kneipe versäuft. Es entsteht ein schöner Kontrast zweier Formen die eigene Zeit festzuhalten und weiterzugeben – sie kommentieren sich nicht gegenseitig, sondern lassen einander gewähren.

Es war einmal ein Land und Transgender in Hoyerswerda. Wie es wirklich war sind zwei vielschichtige Ausstellungen, die sich überraschend gut gemeinsam betrachten lassen. Denn im Mittelpunkt stehen hier nicht nationale oder regionale Umbrüche und Konflikte, sondern deren Auswirkungen. Der Fokus liegt auf den Menschen, die mit den Nachwirkungen politischer Umbrüche leben und ihren Strategien, sich eine eigene Geschichte zu erarbeiten, innerhalb derer sie sich positionieren können. Ein spannendes Unterfangen, das anregt, das eigene Geschichtsbild und die persönliche Identität zu reflektieren.

Text: Marina Rüdiger

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Ausstellungsansicht „Es war einmal ein Land“, Heidelberger Kunstverein, Halle, Fotografie: Nico Rademacher

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Ausstellungsansicht „Es war einmal ein Land“, Heidelberger Kunstverein mit: Johanna Diehl, aus der Serie „Displace“ (2008) und Iz Öztat mit Zişan „Posthumous Production Series“ („The Circle of Eternal Return, Zişan)“, (2013), Fotografie: Nico Rademacher

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Iz Öztat mit Zişan „Posthumous Production Series“ („Conductor“, Zişan)“, (2013), Fotografie: Eva Gentner

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Ausstellungsansicht „Es war einmal ein Land“, Heidelberger Kunstverein mit: Bengü Karaduman „Hallo Erde“ (2015) und Mounira al Solh „I strongly believe in our right to be frivolous“ (seit 2014), Fotografie: Nico Rademacher

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Mounira al Solh „I strongly believe in our right to be frivolous“ (seit 2014), Fotografie: Nico Rademacher

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Mounira al Solh „I strongly believe in our right to be frivolous“ (seit 2014), Fotografie: Nico Rademacher

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Cevdet Erek „Rulers and Rhythm Studies“ (2007-2011), Fotografie: Nico Rademacher

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Cevdet Erek „Rulers and Rhythm Studies“ (2007-2011), Fotografie: Nico Rademacher

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Ausstellungsansicht „Transgender in Hoyerswerda. Wie es wirklich war“, Heidelberger Kunstverein, Studio, Fotografie: Nico Rademacher

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Klozin (Wilhelm Klotzek und David Polzin), ›„Sabine K. versäuft ihr Begrüßungsgeld allein in einer Westberliner Kneipe“, Berlin Neuköln 1990‹ (2015) und Fotografien von Peter Woelck (1969-1989), Fotografie: Nico Rademacher

Heidelberger Kunstverein
Hauptstraße 97
69117 Heidelberg

HALLE
›Es war einmal ein Land‹
Mounira Al Solh, Hera Büyüktaşçıyan, Johanna Diehl, Cevdet Erek, Bengü Karaduman, José F.A. Oliver, Iz Öztat mit Zişan, Wael Shawky und Elisabeth Zwimpfer kuratiert von Öykü Özsoy und Susanne Weiß

STUDIO
›Transgender in Hoyerswerda. Wie es wirklich war‹ Klozin, Peter Woelck

EMPORE
›Durex Duplo Resterampe‹ Wilhelm Klotzek

28. November 2015 – 14. Februar 2016