Highlight 7/12 – Kunsthalle Bern by Vivien Trommer

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen

9. Juni – 2. September 2018

Tausende von Gepäckanhängern tummeln sich, hängen schwergewichtig von der Decke. Travel Sculpture (Ende 1960er Jahre – 2004) von Harald Szeemann ist das Werk eines Sammlers. Es setzt Szeemann, dem Prototyp des globalen Ausstellungsmachers, aber auch ein ziemlich gutes Denkmal. Sind die Bänder doch das Tagebuch eines Reisenden, der in die Welt zog, um die Kunst zu internationalisieren. Diesem Mann widmet die Kunsthalle Bern nun anlässlich ihres 100-jährigen Jubiläums eine Ausstellung und gibt Einblicke in die Archivarien seiner „Agentur für geistige Gastarbeit“. Dort, in einer ehemaligen Uhrenfabrik im Schweizer Maggia, hat Szeemann auf 2.700 qm2 nicht nur seine Gepäckanhänger gesammelt, sondern alles Mögliche zusammengehäuft: 26.000 Bücher, unzählige Ephemera, Briefe von Künstlern, Objekte des Großvaters und Kunstwerke. Ein Wissensschatz der Gegenwartskunst. 

Ohne Frage: Harald Szeemann gilt als einer der einflussreichsten Kuratoren. Vielleicht war er sogar einer der ersten, die es wagten Kunst- und Ausstellungsproduktion gleichzusetzen und sich als Autor zu behaupten. Aber so viel Lob nur am Rande. Denn die Berner Ausstellung möchte den Meister nicht glorifizieren. Vielmehr zeigt sie offen, dass Szeemanns Prominenz immer mit Skandalen in Verbindung stand. Ehrungen folgten erst nach dem Tod, im Jahr 2005 der Goldene Löwe in Venedig, dann eine Ehrenfeier auf der Art Basel, anschließend der Kasseler Bürgerpreis, das „Glas der Vernunft“. Gehörte das Scheitern zum Erfolg Szeemanns?

Nach Live in Your Head – When Attitudes Become Form (1969) kündigte Szeemann seinen Direktorenposten an der Kunsthalle Bern –– immerhin nach 8 ½ Jahren Amtszeit. Zu groß schien die Kluft, welche die Ausstellung zwischen Szeemann und die Öffentlichkeit riss. Zu schmerzhaft waren die Wunden, welche sie der Kunsthalle Bern zufügte. Nicht nur, aber doch weil Richard Serra für Splash (1969) 210 kg flüssiges Blei an Wand und Boden spritzte, Robert Morris seine Arbeit Specification for a Piece with Combustible Materials (1969) am Ende der Show verbrennen lassen wollte und Michael Heizer für Depression (1969) eine Abrissbirne auf den Vorplatz der Kunsthalle anrücken ließ, um den dortigen Asphaltboden zu demolieren. Ästhetisch war When Attitudes Become Form von den Prinzipien der Destruktion durchdrungen, aber, wie man heute weiß, kündigte sich dort bereits Rosalind Krauss Theorie von einer „Skulptur im erweiterten Feld“1 an, die erst eine Dekade später ausformuliert werden sollte. Szeemann, der also das Dreiecksgefüge von Studio, Galerie und Museum angriff und den Ausstellungsraum zum Produktionsort erklärte, definierte die Kunsthalle neu. Der Preis dafür war der eigene Abgang.

Im Jahr 1970 wird Szeemann von Arnold Bode zum Kurator der documenta 5 berufen. Dieses Mal hetzte er die Künstler gegen sich auf. Daniel Buren nannte die „Sektionen“ der Ausstellung „Kastrationen“ und beschuldigte Szeemann, „daß sich die Ausstellung selbst als Gegenstand und das Thema als Kunstwerk“2 anbieten würde. Burens Streifenbilder als Farbtupfer in Szeemanns gelebter Fantasie? Schmerzhaft mussten die Anschuldigungen gewesen sein. Vielleicht war es eine Heilung, dass Szeemann den originalen Brief im Ausstellungskatalog abdrucken ließ? Nach 100 Tagen documenta 5 dann der nächste Skandal. Die Geschäftsführung geht an die Presse, von einer Verlustrechnung mit 800.000 bis 1 Million DM3 war die Rede. Und tatsächlich redeten alle darüber. 

1972 scheint Szeemann erneut gescheitert. Er verlässt Kassel, lässt sich nicht als Super-Kurator feiern, geht zurück nach Bern. Die Rede vom Millionen-Defizit sitzt ihm im Nacken. Dann verlässt er auch Bern, zieht sich weiter ins Private zurück. Er geht ins ländliche Tessin. Dort, im Stillen, formuliert er ein Gedanken-Experiment aus. „Das Museum der Obsessionen ist keine Institution“, schreibt er. „Es existiert vorläufig im Kopf und kann selbstverständlich in Teilen stets abgerufen werden, ist auch schon abgerufen worden. Sein Schicksal ist aber nicht mehr an eine feststehende Institution gebunden, wie das früher der Fall war (Kunsthalle Bern, documenta).“4 Szeemann rechnet ab, befreit sich von Bürokratie, Administration, vom Finanzierungsdruck und der Ausstellungsmaschinerie. Er hat eine Vision. Er wird selbstständiger Kurator. Gegenüber der Öffentlichkeit bedeutet das: Autonomie statt Loyalität. 

Rückzug. Wie ein schlechter Geschmack scheint Szeemann noch Jahre später die documenta 5 auf der Zunge zu liegen. Grossvater: Ein Pionier wie wir (1974) ist seine erste Folge-Ausstellung. Sie findet völlig im Intimen statt. Inszeniert in seiner privaten Berner Wohnung, zeigt er mehr als 1.000 Objekte und Abbildungen, die vom Leben seines verstorbenen Großvaters erzählen. Er, ein Migrant aus Ungarn, wurde zu einem stadtbekannten Coiffeur, der eine eigene Dauerwellenmaschine erfand. Das ist die Geschichte. Die Ausstellung ist intim, privat, subjektiv. Dem Großvater setzt sie ein Denkmal. Szeemann zeigt, er scheut sich nicht vor der Stimme des Erzähl-Kurators. 

Diese Ausstellung gibt es nun wieder. Das Kuratorenteam hat sie in der originalen Wohnung komplett wiederaufbauen lassen.5 Alles findet man dort, das Ausstellungsinventar samt Wohnungseinrichtung, das irgendwie antike Dauerwellen-Instrument, Bett, Kleiderschrank, Perücken, Fotos von Opas Haar-Künsten. Zu hunderten. Aber kann man alte Ausstellungen überhaupt re-inszenieren und dabei Vergangenes wiederbeleben? Dieser Fassung gelingt das erstaunlich gut. Wahrscheinlich sind es die historischen Objekte selbst und die originale Wiederherstellung der Räumlichkeiten, die es schaffen, diese Ausstellung als Gedenk-Geschichte noch einmal zu erzählen. Ganz anders sieht es in den Räumen der Kunsthalle Bern aus. Dort zeigt sich die Jubiläums-Ausstellung nicht im Gewand einer Re-Inszenierung, sondern macht vielmehr die historische Lücke sichtbar, die sich zwischen die Kunstereignisse von damals und unserem Jetzt schiebt. Die Präsentation verläuft primär archivarisch entlang von Diashows, gerahmten Fotografien, Szeemanns Notizen, Kritzeleien und irgendwie belanglosen Dankesbriefe von namhaften Künstlern und Galeristen.

Langweilige Briefe hat man sich damals geschrieben, denkt man. Schließlich steht man nicht nur einmal vor einem gerahmten Brief, der ausführlich über das Wetter im Jahr 19XX informiert. Diese Jubiläums-Show, das zieht sich durch, ist keine Hommage an Szeemanns Berner Hochphase. Sie zeigt das Lebensarchiv eines Mannes, eines Kuratoren-Künstlers, der sich von der Institution gelöst hat, und zwar im doppelten Sinn des Wortes, von ihr getrennt und sich von ihr befreit hat, um das zu tun, was er am besten konnte: Kuratieren. So scheint sich auch Szeemann, der zum Exil-Kurator qua zivilen Ungehorsams wurde, an der Kunsthalle Bern auch nicht mehr so richtig zuhause zu fühlen, bleibt die Ausstellung dem Ort doch merkwürdig fremd. Da scheint es nur konsequent, dass sie durch und durch als Wanderausstellung konzipiert ist. Sie kommt aus Los Angeles, will an die Kunsthalle Düsseldorf, ins Castello di Rivoli nach Turin und zum Abschluss ins New Yorker Swiss Institute. Bern ist nur ein Zwischenstopp auf dieser Reise. 

Und dann stolpert man in Bern doch über etwas Magisches. 

Dear Harald, 

I have received your letter of March 12th.
I guard the telephone number.
Sometimes I phone into the Museum when it is late at night.
I can imagine the telephone ringing in the «palace at 4 A.M.»
It rings. 

Soon I shall be ready to phone more often. 

[…] 

Thank you very much Harold, 

Walter De Maria.6 

Man hat das Foto von Art By Telephone (1969), De Marias schwarzem Wahlscheiben-Telefon, vor Augen, wie es auf dem Boden der Kunsthalle Bern steht und einen direkten Draht zum Künstler herstellt. Es klingelt leise vor sich hin. Wahrscheinlich ist das der ehrlichste und irgendwie auch schönste Weg mit Szeemanns physischem Archiv umzugehen. Belangloses und historisch Wertvolles liegen zu nah beieinander. Am liebsten möchte man selbst durch Szeemanns Akten stöbern, die gut behütet im Getty Research Institute lagern. Bei welchem Kurator ist das in Zukunft eigentlich noch möglich? Was bleibt von unseren digitalen Kommunikationsflüssen? Eine Ausstellung wie Harald Szeemann: Museum der Obsessionen wird es sicher nicht mehr geben. Das macht sein Archiv so einzigartig. Für alles andere werden sich neue Lösungen finden.

Diese Review erscheint als Teil der Serie Highlight X/12, für die unsere Autorin Vivien Trommer regelmäßig die Prinzipien des Ausstellens an einer institutionellen oder kommerziellen Ausstellung beleuchtet.

Notes

1 Rosalind E. Krauss, „Sculpture in the Expanded Field“, October, Jg. 8, Frühjahr 1979, S. 30-44.

2 Daniel Buren, „Ausstellung einer Ausstellung“, in: Harald Szeemann (Hg.), documenta 5. Befragung der Realität – Bildwelten heute, Kassel 1972, Kap. 17, S. 29.

3 Hans-Joachim Müller, Harald Szeemann. Ausstellungsmacher, Ostfildern-Ruit 2006, S. 50.

4 Harald Szeemann, Museum der Obsessionen, Berlin 1981, S. 125.

5 Seit 2010 katalogisiert und systematisiert das Getty Research Institute in Los Angeles die Bestände der „Agentur für geistige Gastarbeit“. Die Ausstellung Harald Szeemann: Museum der Obsessionen wurde zusammen mit dem Getty Research Institute konzipiert.

6 Walter De Maria, Brief an Harald Szeemann, 25. März 1969.

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, Foto: Gunnar Meier

Grossvater: Ein Pionier wie wir, 2018, Installationsansicht, Gerechtigkeitsgasse 74, Bern, Foto: Gunnar Meier

Grossvater: Ein Pionier wie wir, 2018, Installationsansicht, Gerechtigkeitsgasse 74, Bern, Foto: Gunnar Meier

Grossvater: Ein Pionier wie wir, 2018, Installationsansicht, Gerechtigkeitsgasse 74, Bern, Foto: Gunnar Meier

Grossvater: Ein Pionier wie wir, 2018, Installationsansicht, Gerechtigkeitsgasse 74, Bern, Foto: Gunnar Meier

Grossvater: Ein Pionier wie wir, 2018, Installationsansicht, Gerechtigkeitsgasse 74, Bern, Foto: Gunnar Meier

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, Foto: Gunnar Meier

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, Foto: Gunnar Meier

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, Foto: Gunnar Meier

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, Foto: Gunnar Meier

Harald Szeemanns Rücktrittserklärung, 10. Mai 1969, Foto: Gunnar Meier

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, Foto: Gunnar Meier

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, Foto: Gunnar Meier

Grossvater: Ein Pionier wie wir
Gerechtigkeitsgasse 74
3011 Bern
Schweiz

Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1
3005 Bern
Schweiz