Human Interest curated by Jasmin Werner

Bradley Davies, Harun Farocki, Olga Pedan, Martyn Reynolds, Halvor Rønning, Martha Rosler, Studio for Propositional Cinema, Jasmin Werner, Dario Wokurka

I can still remember that, at a small hotel deep in the wilds of rural Austria, there were two German newspapers available each morning at the breakfast buffet: Die Welt and BILD. When leafing through them for lack of alternatives (Wifi did not exist yet), it was striking that the two publications, one a news daily and one a tabloid, actually covered the same things. There were – and are – striking differences between the two only in terms of emphasis and presentation. A story that Die Welt took care of in a single line under “Miscellaneous”, “Princess XY has a baby”, was spread across whole pages in BILD. Conversely, the actual news in its sister publication – unemployment figures, summit meetings of the BRIC countries – was of little news value to BILD and was dispatched with in the “Other News” section. Of course, one would be entirely justified in labelling this misinformation, but however richly it merits criticism (misinformation and dumbing-down immediately come to mind), this insistence on the human, on the all-too-human, on human interest, is also highly entertaining. Is it not a bit enjoyable to root around in the emotional outbursts and capers and cabals of celebrities, aristocrats and the demimonde? To follow national hero Boris Becker into the broom closet for a quickie (“It lasted five seconds”) and to watch the image of a disciplined athlete and devoted husband fall to pieces? If we are honest, there was always an element of schadenfreude, especially when photos surfaced of the child, who bears an unmistakeable resemblance to her father to this day. But the main thing we loved was the very typical tabloid-style introduction and narrative development of the story: a moment of weakness of the kind suffered only very rarely by German sports heroes was cold-heartedly exploited by a woman – a Russian woman at that! – who was just out for Boom-Boom Becker’s money. The demonization of this woman proceeded with glorious absurdity. “Was it semen theft?” BILD inquired, only rhetorically of course. The Russian woman had deployed oral methods to lure the precious ejaculate out of the model athlete’s body, only to then hand it over to experts waiting in the room next door, who injected it into her ready-and-waiting ovum. Most likely she was abetted by the Russian mafia.

Even if we did not believe this, we all knew every detail of the ochre yellow broom cupboard. The shelf with the perfectly folded towels and bed sheets, the sacks of dirty laundry, and of course the cleaning cart with all its attendant paraphernalia. Where there’s a witch, a broom is never far away! The bizarre construction of this utterly fictional, yet lovingly furnished broom cupboard says so much about our longings, customs and prejudices. It should be cosy and behind closed doors, with clear classifications of good and evil, perpetrators and victims, and heroes and witches. This is where we’ve settled in, and we certainly will not be moving out –Boris Becker can say a hundred times over that he fathered the child on the stairs of the posh London restaurant Nobu, but for us it will always remain the broom closet on the second floor of the Hotel Metropolitan.

Along with its high entertainment value, I find the semen theft affair significant for another reason, too. Just look at the role that the young Anna Ermakova played in the matter. Everyone saw straight away that Boris Becker was her father; it was evident that he had indeed tasted the forbidden fruit. While photographic images usually serve as authenticating documents for tabloids like BILD, in this case they manifested something that needed to be explained away, likely in order to preserve the monument of a national hero. The photo did not support the story in the usual manner (as when a bored look is taken as an indicator of an impending divorce), which necessitated the wild story about the reproductive medicine crime. This interpreting of images, these conclusions drawn from emotional states and this keyhole perspective on interpersonal relations: these are the things that constitute human interest. It does not really matter what you deduce from the photos; this, perhaps, is the moral of the broom cupboard story. We know that what is printed there is not exactly right. But we also know once it is printed there that it will be right at some point.

Moritz Scheper

Interview

zwischen Stephan Packard und Jasmin Werner. Stephan Packard hat die Professur für Kulturen und Theorien des Populären am Institut für Medienkultur und Theater an der Universität zu Köln inne. Jasmin Werner ist Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Köln.

Jasmin Werner: Spricht man über die BILD Zeitung, verfällt man schnell in Vorurteile. Ist der Populismusvorwurf an der Zeitung angebracht?

Stephan Packard : Ich meine: Ja. Es gibt Populismus natürlich auch als einen reinen Kampfbegriff, dann ist er überhaupt nicht deskriptiv aufzulösen und dann kann man wissenschaftlich auch nicht entscheiden, was populistisch ist oder was nicht, sondern nur den Streit beschreiben. Aber die BILD Zeitung versteht sich selber als Volkstribun.  Das ist eine positive aspektierte Beschreibung derselben politischen Position. Sie behauptet, Sprachrohr zu sein für eine Position, die sie in der restlichen repräsentativen Demokratie nicht repräsentiert sieht. Und dieser Zweifel an den repräsentativen Systemen der Demokratie zeichnet dann eine grundsätzlich, gerade nicht politisch Widerständige, aber scheinbar politische Haltung aus. Denn das Volk, das dabei vertreten werden soll, ist nicht die wirkliche Bevölkerung, sondern wird von der Redaktion erfunden. Und genau das ist der Vorwurf, den man mit Populismus verbindet: die verlogene Stellvertreterrolle. Wo die BILD kritisiert wird, etwa dafür, dass sie Unwahres publiziert oder gezielt skandalisiert oder die Intimsphäre von Menschen verletzt, insbesondere von Opfern von Gewalttaten, verteidigt sie sich oft damit, sie spreche im Interesse einer Mehrheit, die aber nicht anders zu greifen ist als durch das, was die BILD-Redaktion selber entscheidet.

JW : Betrachtet man das reflektierte Auftreten der Chefredeakteure und der Vorstandsvorsitzenden der BILD – Tanit Koch, Julian Reichel oder Mathias Döpfner –, scheint es eine große Divergenz zwischen ihnen und ihrer Leserschaft zu geben. Wie lässt sich das erklären?

SP : Wenn ich Sie recht verstehe, entsteht das Vorurteil über die Leserschaft aus der Begegnung mit der Zeitung, nicht den Leserinnen und Lesern, gerade deshalb ist es ein Vorurteil. Die Beobachtung ist also zuerst: Die Zeitung klingt nicht wie Koch, Reichel und Döpfner, wenn sie anderswo sprechen. Dann wäre die Frage: Warum schreiben sie anders, als sie sprechen? Die übergeordnete Frage, was will die BILD Zeitung überhaupt, ist ohne Gedankenleserei natürlich nicht zu beantworten. Es gibt wohl eine ganze Reihe Personen in der Redaktion, die das tun, weil sie es können und damit Geld verdienen. Klingt das harmlos? Oder wäre es erst recht erschreckend, wenn man sagt: die BILD Zeitung ernährt sich durch sich selbst, weil es die Nische für sie gibt, ohne dass jemand eine bestimmte Absicht damit verbindet? Es ist aber auch wenig tröstlich, stattdessen zu denken, in den leitenden Positionen der BILD säßen Menschen, denen es um die politische Macht geht, die sie durch die Zeitung gewinnen. Das ist sicherlich in Einzelfällen auch so gewesen. Es mag auch sein, dass manche Menschen bei der BILD Zeitung ihre eigene populistische Illusion glauben und sich für Volkstribunen halten.

JW : In dem Video ‚Schlagworte Schlagbilder‘ von Harun Farocki spricht er im Interview mit Villem Flusser über ‚Ewige Werte‘, die die BILD Zeitung mit ihren Inhalten adressiert. Werte unserer Gesellschaft wie Familie, Einwanderung, Mord etc. deren Aufbereitung in Bild und Schrift eine Doppelmoral in uns anspricht, welche es der Zeitung erlaubt in Mord und Hass zu wühlen.

SP : Ja. Aber Flusser weist hier bereits darauf hin: Auch die Werte, die damit zugleich angesprochen und verraten werden, sind so, wie sie dort auftauchen, erst in dem Moment gemacht,

in dem die BILD Zeitung gedruckt wird oder die Webseite gestaltet wird. Man sollte über mediale Öffentlichkeit nicht so denken, als gebe es erst die echte und dann im Gegensatz dazu noch einmal die mediale Öffentlichkeit. Es sind nicht bestimmte Themen von vornherein Themen unsere Gesellschaft, und die Zeitung kann sie dann entweder wiedergeben oder nicht; sondern die Themen werden durch Massenmedien, keineswegs nur von der BILD Zeitung, überhaupt zu Themen gemacht.

JW : Der amerikanische Präsident Donald Trump macht den Begriff Fake News allgegenwärtig. Können sie mir mehr zu dem Begriff erzählen?

SP : Der Begriff kommt keineswegs von Trump – das ist selbst eine falsche Behauptung, die er in die Welt gesetzt hat. Zuvor wurden ihm und seiner Kampagne vorgeworfen, dass sie Fake News produzieren, aber auch das ist eine recht junge Verwendung des Begriffs. Fake News hatte davor noch zwei andere Bedeutungen. Fake News war noch im späten vorigen Jahrhundert ein Wort für Meldungen, die sehr häufig nicht falsch aber irrelevant sind und deshalb keinen Nachrichtenstatus haben. Im Sinne von – Warum erzählst du mir von der Hochzeit dieser beiden Schauspieler, wenn du mir in Wirklichkeit sagen solltest, dass mein Land Krieg führt. Der zweite Begriff von Fake News war: gezielt und offen erkennbar gefälschtes Nachrichtenwesen, wie zum Beispiel die Daily Show mit John Stewart : Sie hat sich damals noch affirmativ als Fake News beschrieben, also als eine Sendung, in der nur so getan wird, als ob es sich um eine Nachrichtensendung handelt.

In der Politisierung dieses Begriffs innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre hat der Begriff Fake News vor allem eine unglückliche aufschiebende Wirkung bekommen. Man will eigentlich sagen: du lügst. Aber Lüge ist ein sehr leicht einholbarer Vorwurf, man muss zeigen können, dass das, was der andere gesagt hat, falsch ist und er es wissen musste. Wer stattdessen Fake News sagt, versucht dieser Auseinandersetzung auszuweichen. Der deutsche Begriff Lügenpresse hat eine ganz andere Vorgeschichte, die heutige Verwendung ist aber in dieser Hinsicht ähnlich.

JW : Der Begriff der Lügenpresse hat durch die AfD Bekanntheit erlangt. Eigentlich müsste man annehmen, dass die AfD und die BILD sich gut vertragen würden. Ich würde vermuten, dass Mitglieder sowie die Leserschaft sich überschneiden. Die BILD kämpft jedoch sehr dagegen mit der AFD assoziiert zu werden. Woher könnte das kommen?

SP : Ist es nicht ein einfaches Konkurrenzverhältnis? Ist es nicht dieselbe Nische, die dort besetzt werden soll?

JW : Meine Vermutung war, dass die BILD Zeitung nicht mit der AfD in Verbindung gebracht werden will, um sich nicht zusätzlich in die Nähe von Populisten zu stellen und um liberaler zu erscheinen. Auch würde ich vermuten, dass die Chefredeakteure selber nicht AfD wählen.

SP : Die BILD Zeitung gehört als Institution zum Establishment. Insofern kann man sicher spekulieren: Wenn die BILD-Redaktion bestimmten Parteien nahesteht, dann solchen, die eine Chance haben, Macht auszuüben. Traditionell galt einmal als Konsens, die BILD stünde der Union nahe. Das ist aber zwanzig Jahre her.

JW : Die Nachrichtenlandschaft wandelt sich durch das Internet stark. Facebook und sein Newsfeed präsentieren Nachrichten in einer neuen Form. Inwiefern hat die von Algorithmen gesteuerte Berichterstattung uns verändert? Konsumieren wir Nachrichten einfacher?

SP : Häufig hört man, die Öffentlichkeit würde durch algorithmische Verfahren chaotisch. Wenn aber Algorithmen greifen, so ist das gerade ein regelgeleiteter Vorgang. Der klassische regelgeleitete Vorgang der sogenannten Filterblase wäre die Verstärkung eines vorhandenen Interesses. Wenn jemand an einem bestimmten Zusammenhang Interesse hat, dann wird der Algorithmus sich danach richten und immer mehr Nachrichten präsentieren, die zu diesem Interesse passen.

JW : Informieren wir uns dadurch einseitiger? Verlieren wir dadurch an einer Breite von Information, da wir nicht mehr so leicht über Nachrichten stolpern wie in Printmedien?

SP : Empirisch ist es nicht nachweisbar, dass wir weniger Informationen wahrnehmen. Die Leute sind nicht quantitativ schlechter informiert. Was sich empirisch zeigen lässt ist, dass die Leserinnen und Leser einen

stärkeren Eindruck von der Brisanz ihrer eigenen Themen haben. Dieser Relevanzeffekt hat zu tun mit Hypermediation, mit dem Verpacken eines Medium in einem anderen. Für die ältere Massenmedialität gilt, ich habe etwas in der Zeitung gelesen, somit ist es allein schon deshalb von großer Relevanz, weil ich davon ausgehen darf, dass die anderen das auch alle lesen. Gerade das ist in den sogenannten sozialen Medien nicht mehr der Fall. Aber wir haben immer noch die Rezeptionshaltung, die annimmt, was man im eigenen Stream findet, sei wichtig, obwohl es für andere Menschen ganz unwichtig oder unsichtbar sein mag. Dann begegnet man dem Nachbarn und sieht: der hat schon einen ganz anderen Stream. Dann sollte man denken: Aha, mein Stream ist sehr speziell. Wenn man stattdessen denkt: Aha, sein Stream ist sehr speziell, verwechselt man den eigenen Stream mit einem alten Massenmedium.

Das regelgeleitete Verhalten der Algorithmen ist in diesen Fällen also für das Individuum spezifisch, aber das reguliert noch keine gemeinsame Öffentlichkeit. Wir wissen gegenwärtig schlicht nicht, ob soziale Medien die Öffentlichkeit tatsächlich erfolgreich, das heißt: gezielt und vorhersagbar, manipulieren können. Erfolgreich müsste heißen, dass die Manipulatoren die inhaltlichen Effekte ihres Tuns sicher vorhersagen können. Dass sie nicht nur erfolgreich Klicks generieren können (das wissen wir), sondern erfolgreich eine bestimmte Meinung propagieren können. Der Reiz einer Verschwörungstheorie ist ja immer, dass demnach irgendwo Akteure an einem Schaltbrett sitzen. In diesem Fall ein Schaltbrett, mit dem man erfolgreich das Weltbild größerer Teile der Bevölkerung beeinflussen kann. Dann ist zwar die Angst: da sitzen vielleicht die falschen am Hebel, aber die Hoffnung schwingt mit. Man könnte das in Ordnung bringen, wenn andere am Hebel säßen oder man den Hebel zerstört. Aber Angst und Hoffnung könnten beide täuschen. Vielleicht unterliegt der Vorgang keiner zentralen Kontrolle. Das ist übrigens im Kern dieselbe Verschwörungstheorie, wie es sie zuvor etwa über die Redaktion der BILD-Zeitung gab, wir haben vorhin darüber gesprochen.

JW : Dies klingt sehr stark nach Propaganda.

SP : Ja. Die alte, noch positiv gemeinte Bedeutung des Worts Propaganda bei Bernays war: Die gezielte Beeinflussung der Massen, die nötig sei, weil die Massen mehr politische Macht haben als zuvor. Propaganda soll also Regierbarkeit herstellen. Das ist freilich zynisch. Gleichzeitig geht es davon aus, dass die Massen tatsächlich Macht haben, auf der dann wieder die Macht der Manipulatoren aufbaut.

JW : Zuletzt die Frage, welche Zukunft sehen sie für das Printmedium Zeitung? Wann wird es keine gedruckten,

sondern nur noch digitale Zeitungen geben?

SP : Wenn wir eines gelernt haben in den letzten Jahrzehnten, dann dass man die Zukunft der Medien nicht vorhersagen kann. Das sollte auch Hoffnung machen: Das Geschichtsbuch über die nächsten hundert Jahre ist noch nicht geschrieben. Man kann aber ein paar Erfahrungswerte einbringen: Kein Medium verschwindet jeweils ganz. Es werden selbst heute noch immer Nachrichten in Steintafeln geritzt, die Frage ist allerdings, welche Funktion dies in der Gesellschaft erfüllt. Hier beobachten wir in unserer Gegenwart eine Medienkonvergenz, d.h., statt dass wir zum Beispiel von Print insgesamt ganz auf digitale Medien umsteigen, steigen wir eher um von einem Modell, bei dem der Unterschied Print versus Digital entscheidend ist, zu einem neuen Modell, bei dem diese Differenz gleichgültig wird. Man hat es z.B. mit Medienkonvergenz zu tun, wenn man sich bei bestimmten Gesprächen nicht mehr erinnern kann, ob es per Festnetz, per Mobiltelefon, per Skype oder vielleicht sogar in Person geführt wurde. Dies ist wohl eine Entwicklung, die wir gerade erleben. Das neue Medienmodell ist zwar nicht zuletzt durch die neuen digitalen Medien entstanden, aber es besteht nicht nur aus ihnen; und es ist auch keine notwendige Folge einer neuen Technologie, sondern es kommt zugleich auch darauf an, was wir damit machen.

Galerie Jochen Hempel
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