Ian Cheng at Espace culturel Louis Vuitton München

Geradezu hypnotisch langsam bewegt sich die Kamera über eine dystopische, post-apokalyptische Sumpf-Landschaft, zoomt und schwenkt, scheinbar erratisch. Die Lichtstimmung wechselt, mal bedrohlich, dann wieder hell. Palmen bewegen sich im Wind, mal sanft, mal brutal. Hunde mit goldenen, in den Himmel zeigenden Leinen streunen durch dieses digitale Wasteland. Einzeln und in Rudeln, sie scheinen zu interagieren, aufeinander zu reagieren. Versatzstücke einer untergegangenen Zivilisation tauchen auf, Computer, Sofas, Lampen. Artefakte einer anderen Zeit. Die Panoramaprojektion von Ian Chengs „Emissary Forks At Perfection“ (2015-2016) dominiert das Erdgeschoss des Espace culturel Louis Vuitton in München. Eine gesamte Seitenwand wird zum Screen. Das gezeigte Bewegtbild ist jedoch kein Video, sondern das Produkt von Algorithmen.

EMISSARY FORKS AT PERFECTION, 2015-2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton / Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

EMISSARY FORKS AT PERFECTION, 2015-2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton /, Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

Cheng schuf zwischen den Jahren 2015 und 2017 die Emissary Trilogy, drei aufeinander aufbauende „live Simulationen“ die sich mit Entwicklungsstufen kognitiver Prozesse auseinandersetzen und diese in Bezug zu künstlicher Intelligenz setzen. In der Emissary Trilogy laufen keine vorher bestimmten Erzählungen ab. Die Protagonisten treten mittels ihrer eigenen künstlichen Intelligenz selbstständig zueinander in Beziehung und erschaffen so eine auto-poetische Narrative, die sich aus den ihnen gegebenen Handlungs-Parametern speist. Auch die Kamera agiert autonom. Einmal in Gang gesetzt, entwickelt sich das Gefüge der Akteure automatisch weiter, vergleichbar vielleicht mit einem Computerspiel, das sich selbst spielt. In Chengs Praxis werden Algorithmen und Codes zu Bausteinen seines künstlerischen Konzeptes, er schafft ein System, in dem seine Akteure innerhalb ihrer codierten Parameter spezifisch agieren, dies jedoch selbstständig. Die Simulationen wechseln beständig zwischen einer ihnen eigenen Ordnung und Chaos. Wie virtuelle Ökosysteme schwanken sie um einen scheinbaren Punkt der Balance und entwickeln sich doch weiter.
Mit „Emissary Forks At Perfection“ (2015-2016) wird in München das mittlere Kapitel der „live simulation“-Reihe gezeigt. Das MoMA PS1 in New York zeigt bis September die komplette Trilogie, die Institution streamt die Simulation auch live im Internet, über die Plattform „Twitch“, die besonders bei Computerspielern beliebt ist (https://www.twitch.tv/moma). Passend. In „Emissary Forks At Perfection“ wird eine Welt simuliert, in der eine künstliche Intelligenz die Überreste der Menschheit untersucht und Shiba Emissary, eine Superform der Hunderasse, nutzt, um Erkenntnisse zu gewinnen. Das verstörend und unheimlich wirkende Setting ist der theatrale, digitale Raum, in dem die Akteure handeln. Die Information, dass Ian Cheng von 2010 bis 2012 im Studio von Pierre Huyghe gearbeitet hat schafft einen weiteren kontextuellen Rahmen. Wie Huyghe kreiert Cheng beklemmende, rätselhafte Landschaften, die er jedoch in der virtuellen Realität verortet.
Die Grenzen zwischen Realität und Virtualität testet und erweitert Cheng in seiner Augmented-Reality Arbeit „Emissary Forks For You (2016)“. Das Werk ist eine AR-Simulation, die speziell für das Tango Tablet von Google entworfen wurde. Durch das Tablet wird der Nutzer im Raum verortet und der Screen zum tragbaren Portal in eine paralelle Welt. Cheng hat den Store der Maison Louis Vuitton digital nachgebaut und statt Taschen und Lederwaren bevölkert ein Shiba-Gesandter die Architektur. Der Besucher wird durch den Hund geleitet und Belohnt, wenn er seine Anweisungen befolgt. Soziale Realitäten werden untergraben und die Beziehung zwischen Kunst und Betrachter geöffnet.
Im Obergeschoss des Espace culturel Louis Vuitton wird eine frühere Arbeit auf einem hochauflösendem LED-Screen gezeigt. In „Thousand Islands Thousand Laws“ von 2013 wechselt die Perspektive kontinuierlich zwischen einem Schützen aus einem Computerspiel, einer pflanzenreichen Insel und einer Schar Reiher. In einer unbegrenzten Zahl an Möglichkeiten der Permutation interagieren diese, werden abwechselnd zu Protagonisten, Nebendarstellern und und Statisten. „Thousand Islands Thousand Laws“ ist dynamischer, hektischer als die im Erdgeschoss gezeigte Arbeit dabei aber durchaus weniger komplex. Die für die Emissary Trilogy genutzten Ansätze sind klar erkennbar aber noch nicht in der Form ausgereift.

EMISSARY FORKS FOR YOU, 2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton, Google Tablets / Live simulation, infinite duration, sound, Google tablets, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London

EMISSARY FORKS FOR YOU, 2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton, Google Tablets / Live simulation, infinite duration, sound, Google tablets, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London

EMISSARY FORKS FOR YOU, 2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton, Google Tablets / Live simulation, infinite duration, sound, Google tablets, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London

THOUSAND ISLANDS THOUSAND LAWS, 2013, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton / Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

Die Themen künstliche Intelligenz, Simulation und virtuelle Realität dominieren im Moment die Diskurse zwischen dem Silicon Valley, Hollywood und Academia. Thesen zu Roboterethik werden formuliert, fahrende Autos scheinen greifbar nahe und Filme und Serien wie West World stellen Fragen bezüglich der Möglichkeit, ob künstliche Intelligenz jemals zu einem reflektierten Bewusstsein kommen kann. Ian Cheng, der auch Kognitionswissenschaft studiert hat, integriert diese komplexen Fragestellungen in seine Praxis. Er inszeniert einen poetischen, digitalen Mythos, in dem sich Agenten künstlicher Intelligenz langsam entwickeln und ihre Potenziale ausschöpfen. Dabei simuliert er komplexe Verhaltensweisen und schafft so ein quasi-soziales Verhalten. Zwischen Kausalität, Skript und Zufall.

Text: Quirin Brunnmeier

 

 

EMISSARY FORKS AT PERFECTION, 2015-2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton / Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

EMISSARY FORKS AT PERFECTION, 2015-2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton / Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

EMISSARY FORKS AT PERFECTION, 2015-2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton / Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

EMISSARY FORKS AT PERFECTION, 2015-2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton / Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

EMISSARY FORKS AT PERFECTION, 2015-2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton / Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

EMISSARY FORKS AT PERFECTION, 2015-2016, Echtzeitsimulation, unbegrenzte Dauer, Ton / Live simulation, infinite duration, sound, Courtesy of the artist; Pilar Corrias Gallery, London; Standard (Oslo) and Fondation Louis Vuitton, Paris

 

Ian Cheng
Emissary Forks featuring ‚Thousand Islands'“
Espace Louis Vuitton, München