Lesung im Rahmen der Ausstellung Pony Tails der schwedischen Künstlerin Cajsa von Zeipel in New York

If I could speak it doesn’t mean I’d talk to you.

Als ich die Eldridge Street hochlaufe, habe ich das Gefühl mich auf dem neuesten Gallery-Highway in der Lower East Side zu befinden (Shoot the Lobster, der Ort der auf dem Rückweg zur Subway völlig überfüllt ist, liegt auf dem Weg). Bei der Nummer 88 angekommen, wird man hinter einer Glastür von einem Fahrstuhl begrüsst. Im 5. Stock dominiert weiß – der Boden, die Wände. Der Flur ist leer; an seinem Ende Capricious 88, ein Ort für queer-feministische Diskurse. Anlässlich einer Lesung im Rahmen der Ausstellung Pony Tails der schwedischen Künstlerin Cajsa von Zeipel versammelt dieser Sonntagabend die Crème de la Crème der New Yorker ‚Performance-Reading-Szene‘. Um nur einige Zusammenhänge zu nennen: Marie Karlbergs Ausstellung bei Reena Spaulings ging gerade erst zu Ende, Cecilia Corrigan zog am letzten Freitagabend den Artists Space in ihren Bann, Sarah Nicole Prickett ist Mitbegründerin des Adult-Magazine und Andrew Durbin berichtete für dis-Magazine vom Klimamarsch.

Die Kleidung der Anwesenden ist überwiegend schwarz. Plateauabsätze sind angebracht. Es ist kurz vor sechs und kleine Gruppen bilden lose Verbünde gegen die unangenehmen Momente des Davor: Wer kennt die Künstlerin und ihre Clique, wer sind die Anderen, wer bin ich usw. Also, wo sind die Drinks? Es gibt angenehm sommerlichen, nicht saisonalen, hellrosafarbenen, importierten Himbeercider. Als ich mich samt Getränk in der Hand umdrehe, haben sich die ersten gesetzt. Plötzlich sitzen alle, der Raum hat sich gefüllt. Von Zeipels Videoarbeit A-Z, das rechts in der Ecke über Teilen des Publikums läuft, liest sich mal als Situations-Kommentar, dann wieder als Gedanken-Ticker. M. sagt: Das ist doch hier der Treffpunkt der schönen Leute.

Die Künstlerin kam vor etwas über einem Jahr nach New York. Sie schloss ihr Studium am Royal Institute of Art in Stockholm 2010 ab und war zuvor für ein Auslandsjahr an der Städelschule in Frankfurt. Ihr Studio liegt abseits des Großstadtgetümmels in einer Gegend mit Bergblick zweieinhalb Stunden außerhalb von New York. Dort stören ihre 90er-Bässe niemanden und ihre riesigen Figuren haben genug Platz. Diese stehen hier nun in einer Art urbanen Indoor-Waldlichtung und sind über Kleidung und Attitude als Clique identifizierbar – von Zeipel spricht von einer stilisierten und überzeichneten Abbildung ihres Umfelds. M. sagt: Das ist doch eine sehr treffende Hommage an die 90er. (Auch die Mülltonnen bei den Toiletten ermahnen: Recycle, it’s the 90s!)
Von Zeipels Figuren sind androgyne Wesen (sie arbeitet hauptsächlich mit männlichen Models und hat erst vor kurzem begonnen auch Männer in ihren Skulpturenpark mitaufzunehmen) – eine Synthese aus Mädchen, Puppe und Anime-Figur. Alle sind neutral-weiß. Durch Lichtsetzung, Gruppierung sowie die Inszenierung der Beziehungen der Figuren untereinander, bildet die Skulpturengruppe ein Paralleluniversum, losgelöst vom Rest des Raumes. Andrew Durbin wird später sagen: „…they share the desire to possess a world that does not exist.“
Inspiriert von Pieter Bruegels Dorfszenen arbeitet von Zeipel eine in sich geschlossene Komposition heraus; trotzdem gibt es Fährten, die in das Innere zu führen scheinen und den Anfang einer Geschichte bilden (können). Zwei Personen sind barfuss, beide berühren nicht den Boden, der (androgyne) Mann ist die einzige Person des Ensembles ohne Plateauschuhe, er sitzt auf einem Tischbock. Er und die Stripperin treten nicht im Duo auf. Die Figuren von Zeipels sind sehr dünn, tragen oft bauchfrei und die meisten haben einen Pferdeschwanz. Die Positionen der Figuren reichen von sexuell aufgeladen bis demonstrativ abwesend. Die Stripperin ist die zentrale Figur und turnt an der Pole-Stange frontal vor dem Publikum. Ihr Blick richtet sich auf die gegenüberliegende Seite des Raumes, wo sich eine spiegelnde schwarze Fläche befindet. Sie sieht sich selbst zusammen mit den Hinterköpfen des Publikums. Spiegel sind ein Element auf das von Zeipel immer wieder zurückgreift und in diesem Zusammenhang die mythologische Figur des Narziss. In der Spiegelung ergeben Zuschauer und Skulpturengruppe ein Bild. Schauen wir in die spiegelnde Fläche, werden wir beobachtet, der Spiegel wird zu einer Erweiterung der Anderen, während der Betrachterin/dem Betrachter ihre/seine Begrenzung vor Augen geführt wird. Gegenüber dem Radar Magazine stellte von Zeipel fest: “The objectification that you are exposed to as a young girl is somewhat similar to the objectification of a work of art.” Ihre ‚Young-Girls‘ lassen sich nicht zum Voyeurismus-Objekt komprimieren, sondern stellen sich dem Publikum, für das sie sich höchstens peripher zu interessieren scheinen, in ihrer Unnahbarkeit entgegen und entziehen sich. Ich denke an Die Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens, das 2001 von dem Autorenkollektiv Tiqqun veröffentlicht wurde. Das junge Mädchen (allerdings als nicht (offen) gegendertes Konzept) als Ware:
„The Young-Girl’s body is an encumbrance, it is her world and it is her prison.“
„Every Young-Girl is an automatic standard converter of existence into market value.“
Casja von Zeipel entwirft ein Anti-Young-Girl, ein Versuch des Widerstandes mit Mitteln der Verführung. Ihre halb-nackten Körper werden auf dem Präsentierteller vorgeführt, doch diese Hüllen sind ein Trick. Wir sind Statisten in ihrem Stück nichts andersherum.
Den bisher einzigen Versuch einen Dialog zwischen ihren Charakteren zu entwickeln hätte sie in ihrer Videoarbeit A-Z (2010) unternommen, berichtet von Zeipel. Dann überlässt sie das Feld den geladenen AutorInnen. Die einzelnen Vortragenden hauchen den offen stehenden Mündern Worte ein, füllen die ins Leere starrenden Blicke mit Gedanken.

Don’t decline dirty demands
deliver drama details
danke
(…)
Post political pussies
plus professional party people
perhaps produce pornfolio pics
(…)
So sad
she’s stopped smoking
serious social suicide

Auszüge aus der Videoarbeit A-Z, 2010

Der Bericht vom Abend.
Den Anfang macht Marie Karlberg. Sie trägt einen Text von Lydsy Welgos vor. Dieser schildert die Begegnung zwischen der Figur der Stripperin, die Autorin nennt sie ‚Stella‘, und ‚Molly‘, die so etwas wie Freunde sind, „a close friend you don’t even like“. Stella arbeitet in der Uranus Strip Lounge, einem konzeptuellen Strip-Club, der hauptsächlich Ex-Kunstsammler anzieht. Die beiden sind zum Frühstück verabredet und wollen Eindruck aufeinander machen – wer hat die aufregenderen Nächte, das bessere Leben, das grandiosere Aussehen. Stella ist „the long leg experimental stripper“ mit einem „global look – no way to tell what race she is“.
Andrew Durbin stellt in rasend schnellem Tempo einen Text aus gesendeten und dann gelöschten Emails vor. „I like to stare at their lips.“ Die versteinerten Gesichter, der entrückte Blick und die offenen Münder, stehen den aktiven Gesten und Haltungen gegenüber. Er stellt Bezüge zu der Anime-Serie Cowboy Beebop her, die im Jahr 2071 spielt.
Es folgt ein Exkurs von Lucy Ives, die eine Kurzgeschichte über das Verhältnis zwischen einem Berg und einer Stadt vorträgt und als einzige in einem geschlossenen Text eine Kontextualisierung der Arbeit vornimmt.
Sarah Nicole Prickett hält einen Stapel mit Fragen, die über ihren tumblr-Blog an sie gerichtet werden in der Hand. Das sei das ‚femininste‘ was sie sich hatte vorstellen können und das sei ihr Ansatz für den Abend gewesen. Ob High Heels und Feminismus vereinbar seien? Das Konzept von deren Vereinbarkeit müsse die angenommene Unvereinbarkeit besiegen. Problem gelöst. Wie komme ich über meinen Ex-Freund hinweg? „Get a hot & dumb guy to get over your ex-boyfriend. When realizing hot guy is dumb, you’re over two men at once!“ Lebensberatung unter Palmen könnte man sagen, wären da nicht all die überdimensionierten Köpfe, die diesem Vortrag lauschen. Sind das die Fragen, die wir haben? That’s what you come up with? Was denkst du zu Marina Abramović? Prickett gibt Geräusche von sich, ein Hadern mit den Worten. Next.
Den Abschluss bildet Cecilia Corrigan. Wie Prickett auf High Heels berichtet sie von einem Schiffsunglück bei dem die hier zu sehenden Charaktere verunglückt seinen. Die Tochter von Frank Sinatra, Mia Farrow, sei auch dabei, sie wird auf dem Rücken getragen. Corrigan agiert wie eine Forscherin, die Szenerie analysierend und dabei sehr unterhaltsam kommentierend. „And there is a positive side to death: We have a wonderful set of corpses for us to enjoy!“ In einem großartigen Text vor der Prämisse des Todes sinniert Corrigan: „Why exactly can I not marry one? Why this strict division between living and not living?“ und endet außer Atem: „Who are we to say it’s wrong to wear these shoes, fuck Satan or have two boyfriends?“

Text: Isabel Mehl 

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Pony Tails
Cajsa von Zeipel
September 13 — November 2, 2014
Capricious 88, New York

Lesung mit: Lydsy Welgos gelesen von Marie Karlberg, Andrew Durbin, Cecilia Corrigan, Lucy Ives, Sarah Nicole Prickett. 
Screening: A to Z von Cajsa von Zeipel.

 

alienated

Foto: Madeleine Richter

 

cajsa von zeipel

Cajsa von Zeipel / Foto: Madeleine Richter

 

detail

Foto: Madeleine Richter

 

heels

Foto: Madeleine Richter

 

Marie Karlberg

Marie Karlsberg / Foto: Madeleine Richter

 

sarah nicole prickett

Sarah Nicole Prickelt / Foto: Madeleine Richter

 

spiegelung

Foto: Madeleine Richter