Interview mit Samantha Bohatsch

Samantha Bohatsch und Christina Irrgang im Gespräch

 

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Courtesy Samantha Bohatsch

 

CI
An dem Morgen, an dem ich dich besuche, gehen wir gemeinsam in deine Qi Gong-Klasse. Für mich ist es die erste Stunde, du bist hier regelmäßig. Schon nach einigen Bewegungen, bei denen wir mit der Hand durch den Raum fahren, denke ich an deine Aquarelle. Es ist ein Abtasten und Einschneiden des Räumlichen, Linien nach- und vorzeichnen. Fragmente. Mir kommen die kristallartigen Konturen und geometrischen Kanten, mit denen du das Gesehene in blassem Aquarell aus der Erinnerung nachgezeichnet hast, in den Sinn (z.B. „Görlitz“, 2010). Und dann die Gedichte, die du mit Blick aus dem Zug oder auf die Straßen in Wien verfasst hast („Ortsbeschreibungen“). Diese perlige Beobachtung von Oberflächen und Gewohnheiten.
In der Arbeit beim Qi Gong geht es darum, den eigenen Raum zu erfahren. Es ist ein situatives Tagewerk und zugleich eine überdauernde Beobachtung zwischen Selbst und Umfeld. Wie siehst du diese Körperarbeit in Bezug zu deiner künstlerischen Arbeit?

SB
Ich mache seit einem halben Jahr Qi Gong. Der Gedanke dahinter ist, die Bewegungen aus der Körpermitte heraus entstehen zu lassen, wodurch sie klar und reduziert erscheinen. Das hat mich von der ersten Stunde an begeistert. Ist es vielleicht das, was du meinst?

CI
Ja, die Reduktion auf das Wesentliche. In einem Interview mit Antonia Wagner sprichst du darüber, wie Erinnerung Unschärfe erzeugt. Du sagst: „Es gab und gibt alles schon, die Nuancen sind das Interessante“. Was umfasst der Begriff der Nuance in deiner Arbeit?

SB
Damit meinte ich die Nuance als unbewussten Fokus. Ich beschäftige mich mit etwas und das fokussiert meine Wahrnehmung. Ich bemerke Dinge um mich herum, die vorher auch schon da waren, ohne dass ich sie gesehen habe. Das kann zum Beispiel eine bestimmte Farbe oder eine Situation im alltäglichen Leben sein.

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Courtesy Samantha Bohatsch

 

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Courtesy Samantha Bohatsch

 

CI
Ich sehe das in deiner Installation „Bleibe“ (2012), insbesondere in der Papierarbeit „SUN“, die einen Teil daraus bildet und die sich aus der Erinnerung an ein Gemälde von David Hockney herauskristallisiert. Sie knüpft an deine Aquarelle an. „Bleibe“ tastet Erinnerung ab, zeichnet fragmentiert doch konkret nach und schafft zugleich einen neuen Raum. Welche inneren Motive lagen dir für „Bleibe“ zu Grunde? Wie transportierst du den erfahrenen Raum hinein in den noch zu erfahrenden?

SB
„Bleibe“ hat seinen Ursprung in einer Fotografie aus meiner Kindheit. Die einzelnen Elemente der Arbeit portraitieren Erinnerungen, die mit ihr verbunden sind. Auf dieser Fotografie ist auch ein Plakat für eine Ausstellung von David Hockney zu sehen. Ich liebe seine Zeichnungen. Ich entschied mich, seinen Siebdruck, der auf dem Poster abgebildet ist, zu fragmentieren und daraus eine eigene Arbeit herzustellen.
Der große Ausstellungsraum von „o.T. Raum für aktuelle Kunst“ in Luzern ist speziell, denn er hat zwei sich gegenüberliegende Fensterfronten. Am passendsten erschien mir deshalb eine bühnenhafte Präsentation, damit meine ich, dass alle Teile der Arbeit am Ende des Raums auf einer Wand zu sehen sind. Die Farben auf den Fenstergläsern führten wie Bänder auf diese Wand zu. Ich stelle mir die BesucherInnen in der Bewegung des Darauf-zu-Schreitens vor.

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Courtesy Samantha Bohatsch

 

CI
Der Bezug zwischen dem Betrachter als Akteur und Raum – das lässt mich an die Autorin Marguerite Duras denken, die du ja auch sehr schätzt. Stellungnahmen. Das führt mich zu deiner neuen Arbeit „Zieglergasse 26/19“. Es ist eine Zeitung, die aus farbigen fotografischen Abbildungen besteht und Blickmomente innerhalb eines Raumes zeigt. Das alles sind Ansichten, die du in Wien aufgenommen hast.

SB
Ja, ich mag es gerne, mir vorzustellen, wie BesucherInnen in meine Ausstellung kommen, wie sie sich durch den Raum bewegen und wie ich sie darin lenken kann, ohne dass sie es direkt merken. Marguerite Duras habe ich ja durch dich kennengelernt. Besonders bewundere ich sie für ihre reduzierte und szenische Art der Beschreibung von Orten.
Die Fotos, die in „Zieglergasse 26/19“ zu sehen sind, habe ich 2011 in meiner damaligen Wohnung in Wien aufgenommen. Zurück in Deutschland, entdeckte ich den Film ein Jahr später in meiner Kamera wieder. Mir war es wichtig, die Fotografien in einer Publikation herauszubringen. Leider gefielen mir meine vielen Entwürfe nicht, sodass das Projekt eine Weile auf meinem Tisch lag. Im Herbst 2014 kam Claudia de la Torre mit dem Vorschlag auf mich zu, das Künstlerbuch im Zeitungsformat drucken zu lassen. Nun ist „Zieglergasse 26/19“ im Dezember 2014 in einer Edition von 50 Stück bei ihrem Kunstbuchverlag Back Bone Books (BBB) erschienen und wurde bei der Messe „Friends with Books – Art Book Fair Berlin“ zum ersten Mal gezeigt. Im Augenblick ist sie bei „TABS – TEMPORARY ARTIST’S BOOK SHOP“ in Berlin ausgelegt und auf der Printed Matter’s LA ART BOOK FAIR 2015 zu sehen.

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Courtesy Samantha Bohatsch

 

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Courtesy Samantha Bohatsch

 

CI
Das Format des Faltblattes ist neu in deiner Arbeit. Und dennoch denke ich zurück an eine andere Arbeit, bei der du das Ausdehnen und Eingrenzen zum Gegenstand hast werden lassen: „Virginia“ (2010). Damals hattest du mit Textilien gearbeitet. Stoffe tauchen immer wieder in deinen Arbeiten auf, so auch die Kleiderstange mit Kleidungsstücken, die eines der Fotos in „Zieglergasse 26/19“ zeigt. Stoff, Papier, Fotografie, Farbe, Aquarell, Sprache…deine Medien sind vielfältig, und doch greifen sie sinnbildlich ineinander, stützen sich.

SB
Ich will beim Herstellen meiner Arbeiten die größtmögliche Freiheit und Unabhängigkeit behalten, weshalb ich wahrscheinlich immer wieder die von dir aufgezählten Medien verwende. Ich kann sie relativ gut einschätzen und schon vorher sehen, ob es funktionieren kann, ohne dass ich viele helfende Hände benötige. Gleichzeitig war es toll, bei „Zieglergasse 26/19“ mit Claudia zusammenzuarbeiten, weshalb ich in Zukunft öfters kollaborativ arbeiten möchte. Das Schöne bei „Zieglergasse 26/19“ ist, dass die Handhabung so vielfältig ist. Du kannst die Zeitung einfach wie ein Buch durchblättern, aber hast auch die Möglichkeit, die Druckbögen auseinanderzunehmen, sie einzeln anzusehen und sogar neu zu kombinieren. Ich mag bei dem Zeitungspapier neben der Haptik auch den zeitlichen Aspekt und die Alltäglichkeit.

CI
Das Vorhandensein des Menschlichen, Handlungsspuren, die Bestandsaufnahme von dem, was da ist (auch in Abgrenzung zu etwas Gewesenem), das beobachte ich in vielen deiner Arbeiten. Unter welchem Aspekt würdest du dies in den Fotografien in „Zieglergasse 26/19“ beschreiben?

SB
Eine Bestandsaufnahme ist „Zieglergasse 26/19“ in dem Sinn, dass ich meine Wohnung und die Dinge, die in ihr waren, an einem Nachmittag abfotografiert habe.

CI
Diese konzentrierte Beobachtung von Raum lässt mich an eine Beschreibung von Marguerite Duras denken: „Ich bleibe am selben Ort. Ich schreibe und ich filme am selben Ort. […] Das ist’s, was ich den Ort der Leidenschaft nenne. Dort, wo man taub und blind ist.“ Das schätze ich auch an deinen Arbeiten: sie umfassen szenisch und lyrisch einen Zustand oder Ort, ob in sprachlicher, bildlicher, gestischer Form. Bei „Zieglergasse 26/19“ sind es wiederkehrende Motive, aber geänderte Blickachsen. Deine Fotografien umfassen und verdichten, aber sie lösen sich auch vom reinen Bestand: Sie skizzieren mit poetischen Gesten…mit farblichen Kontrasten, dem Verlauf von Kanten und Konturen, mit der Haptik von Stoffen und Materialien. Die Ansichten bilden im Verlauf eine Narration und konzentrieren zugleich den Moment mit jedem einzelnen Blatt der Zeitschrift. Ist das Medium der Zeitschrift oder Buch ein Format, mit dem du weiterarbeiten möchtest?

SB
Ja, denn es ist eine gute Erweiterung zu meinen anderen Arbeiten, besonders wegen der Möglichkeit der Vervielfältigung. Claudia und ich haben schon darüber gesprochen, in Zukunft über BBB weitere Zeitungen herauszubringen.

i Munitionsfabrik 22, Heimat bleibt aus der Ferne – Antonia Wagner im Gespräch mit Samantha Bohatsch, Karlsruhe 2013, S. 114.

ii Marguerite Duras, Michelle Porte, Die Orte der Marguerite Duras, Frankfurt am Main 1982, S. 96.