Katalog #01

Carl Andre

Alex Neuhaus

Bereits einige der Ersten seiner Skulpturen, pyramidale Objekte aus groben Holzscheiten aufgeschichtet, enden im Ofen des Nachmieters seiner ersten New Yorker Wohnung. Ein anderes Mal, 1976, Carl Andre hat schon einige grosse Einzelausstellungen und die Teilnahme an der Documenta hinter sich, titelt der Daily Mirror anlässlich des Ankaufs einer Arbeit durch die Tate Gallery: ‚What a load of rubbish!‘

Andre fordert für seine Kunst die Möglichkeit sie zu ignorieren. Austauschbar soll sie sein. Er arbeitet häufig mit massenweise produzierten Baumaterialien, die er am Strassenrand aufliest. Doch was er daraus macht, lässt nie jemanden unbeteiligt. Am bekanntesten sind wohl flach am Boden ausgelegte, rechteckige Metallplatten, die auch mittels Betreten eine veränderte Raumwahrnehmung induzieren. Andre nennt diese Art von Arbeiten ‚roads‘ oder ‚zones‘.
Sie besitzen keinen eigenen Blickpunkt, und der Betrachter befindet sich mit ihnen in einem gemeinsamen räumlichen Gesamtzusammenhang. Doch bald stehen die Skulpturen selbst im Mittelpunkt des Interesses. 1969 sind sie Teil der legendären Ausstellung Harald Szeemanns ‚Live in your head. When attitudes become form‘ in Bern. Neben Zeitgenossen wie Richard Serra, Donald Judd und Sol LeWitt steht sein Werk synonym für die Begriffe Minimal Art und Conceptual Art, die er selbst ablehnt. Andre sagt: ‚There are no ideas hidden under those plates! They’re steel plates and nothing else!’Er antwortet auf Joseph Kosuths Statement ‚Art as idea as idea‘ mit folgenden Worten: ‚An idea in the head is not a work of art. A work of art is out in the world, is a tangible reality.’…My work doesn’t come from ideas-my work comes from desires‘

Dieser Umstand findet sich hervorragend dokumentiert im Katalog zur aktuellen Retrospektive ‚Carl Andre:Sculpture As Place, 1958-2010‘ im Dia:Beacon bei New York. Angefangen mit ersten Arbeiten aus Holz, die fast zärtlich fotografiert von seinem Jugendfreund Hollis Frampton, eine Geschichte erzählen von der frühen Bewunderung für Brancusi. Die Installationsansichten der Bodenarbeiten, die Andre so bekannt gemacht haben, bieten nebenbei einen umwerfend physischen Eindruck von der Ausstellungsästhetik der 60er und 70er Jahre. Schliesslich dokumentiert der Katalog ebenso die späten, einen gänzlich überraschenden Blick auf Carl Andres Werk werfenden sogenannten ‚Dada Forgeries‘, sowie die mit Schreibmaschine erstellte konkrete Poesie, deren frühe Beispiele einfach aus Mangel an Geld und Raum geboren wurden. Andre arbeitete zu dieser Zeit als Bremser und Schaffner auf Güterzügen. Der äusserlich nüchtern, wie ein gebundener Jahrgang eines naturwissenschaftlichen Magazins gestaltete Band ist ausserordentlich gut recherchiert und beinhaltet neben den umfangreichen Angaben zu Leben und Werk sowie den bibliographischen Hinweisen eine chronologische Liste mit den von Andre benutzten Materialien.

Die Ausstellung läuft noch bis 2.März 2015 und wird vom 7.Mai -25.September 2016 im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sein.

Text: Alex Neuhaus 

http://www.diaart.org
http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/home.html