Klasse Gursky #5 – Camillo Grewe

Wie wichtig war für Dich als Künstler Deine künstlerische Ausbildung an einer Kunstakademie?

Das Studium hat mir die Legitimation und das gute Gewissen gegeben, meine Zeit für Dinge zu verwenden, die auf den ersten Eindruck jeden Sinn entbehren. Die Wichtigkeit von vermeintlich unproduktiven Stunden im Atelier zeigt sich manchmal erst viel später. Dafür musste ich erst die Angst vor der Zeitverschwendung ablegen. Der Austausch mit meinem Professor und meinen Kollegen war da sehr wichtig. Die haben mich auf Sachen aufmerksam gemacht, die mir vorher unwürdig vorkamen, überhaupt über sie nachzudenken.

Was hat Deine Entscheidung, nachdem Du in Wien bei Heimo Zobernig studiert hast, in der Gursky Klasse weiter zu studieren beeinflusst?

Ich hatte ja bei Andreas Gursky begonnen, war dann für 2 Semester bei Heimo Zobernig und bin danach zu Gursky zurück gegangen. Ich mochte Wien und ich fand die Gespräche mit Heimo Zobernig super, der hat mich sehr weiter gebracht. Ich hatte es aber nie wirklich in Frage gestellt, zurück nach Düsseldorf in die Gurskyklasse zu gehen. Ich fühlte mich der Klasse sehr zugewandt, wir hatten einen guten Zusammenhalt und Andreas Gurskys selbstverständlichen, intuitiven Umgang mit den Arbeiten seiner Studenten fand ich total inspirierend. Ich hatte immer den Eindruck, er unterstellt dem Kunstwerk ein Selbstvertrauen, das fast unabhängig vom Künstler/in existiert. Da gibt es dann auch keine Denkfehler mehr.

Was war der größte Unterschied in der Lehre zwischen Wien und Düsseldorf?

In Wien habe ich immer den Eindruck gehabt, dass es mehr um Kommentare geht, oder Behauptungen. Im Sinne von `Ich behaupte, dass das eine Skulptur ist, dann ist es auch eine`, womit die Arbeit einen Diskurs öffnet. Ob man da erstmal einen Zugang hat, nicht mehr ganz so wichtig. Da war die gedankliche Stabilität der Arbeit wichtiger. Das war für mich sehr attraktiv, danach hatte ich zu der Zeit gesucht. In Düsseldorf wird teilweise noch so ein romantischer `Meisterwerk-Gedanke` bewahrt, der mich aber auch nach wie vor anzieht.

Wie ist der Aufnahmeprozess in die Gursky-Klasse geregelt?

Inzwischen bewirbt man sich mit einer Mappe und dann überlegt die Klasse zusammen, wer in Frage kommt und der/die wird dann eingeladen für ein Gespräch. Wobei der Professor sinnvollerweise ein bisschen mehr Stimmrecht hat. Ich glaub, das macht jede Klasse so. Früher sind wir noch durch die Prüfungspräsentation des ersten Jahres gelaufen und haben Vereinzelte angesprochen. So kam ich auch in die Klasse.

Kannst Du Dir vorstellen als Künstler selbst in der Lehre tätig zu werden? Wenn ja, was wäre Dir dabei – aufgrund deiner Erfahrungen an den Akademien – besonders wichtig?

Ich könnte mir vorstellen, selbst zu unterrichten. Was mir wichtig wäre, kann ich schwer beantworten. Inhaltlich würde ich vielleicht eine Haltung vermitteln, dass es in der Kunst sinnlos ist, etwas zu generalisieren; die Möglichkeit, vom Gegenteil seiner Position überzeugt zu werden, besteht immer. Das ist für mich mit das Schönste daran. Ich glaube, man kann z.B. nicht sagen, dass man nichts mit politischer Kunst anfangen kann. Man muss davon ausgehen, irgendwann mal eine explizit politische Arbeit zu sehen, die man dann ganz toll findet.

Zusätzlich zu deiner künstlerischen Arbeit betätigst Du dich als Musiker und Komponist, unter anderem in der Band FRAGIL. Trennst Du zwischen deiner Musikalischen und bildend künstlerischen Arbeit?

Es kommt ein bisschen drauf an. Wenn ich mit meiner Band FRAGIL spiele, ist es mir ein großes Anliegen, dass wir keine performativen, inszenatorischen Elemente unterbringen, die dem Betrachter das Gefühl geben könnten, wir würden da an Kunst denken. Es soll einfach eine gute Rock/Pop-Band sein bzw. wir nennen es `Prosecco Punk`. Es ist ja auch langweilig, wenn alles so verschwimmt.
Als ich vor einigen Jahren die Band `Chiqueria-Düsseldorf` mit Nora Hansen hatte, war das schon künstlerisch ambitioniert. Wir haben uns unterschiedliche Konzepte für die jeweiligen Aufführungsorte überlegt, das Konzert an den Ort angepasst. Z.B. im Altersheim, im Club oder im Museum. Es gab dann auch neue Songs, die für den Ort und den Anlass entstanden sind. Nora hat immer die Plakate gemacht, die wiederum wichtiger Teil ihrer künstlerischen Praxis waren. Aus denen wird deutlich, wie unterschiedlich die Inszenierungen waren.
Als ich die Musik für die Oper `Cupid and the animals` von Agnes Scherer gemacht habe, habe ich mich künstlerisch überhaupt nicht eingebracht. Das war Agnes´ Angelegenheit. Ich habe mich mit ihrem Text und der Handlung beschäftigt und mir davon ausgehend Gedanken über die Musik und die Instrumentation gemacht.

Du arbeitest mit Malerei, Skulptur, Zeichnung und Fotografie sowie Performance welche, Rolle spielen solche Gattungen für Dich in Deiner Praxis?

Ich mache da keine Unterschiede in dem Sinne, dass ein ungewohntes Medium eine Hürde darstellen würde. Die Wahl des Mediums fällt, abhängig von meinem Vorhaben, ganz natürlich.
Umgekehrt interessiert es mich, ein Medium auszufüllen, fast klassisch. Dann gefällt es mir, dass eine Skulptur einen Sockel hat, eine Zeichnung einen Rahmen, eine Performance eine Bühne, eine Malerei auf Leinwand gemalt ist. Ich spiele gerne mit den Rahmenbedingungen des jeweiligen Mediums. Ich finde das auch ein bisschen witzig.

Welche Rolle spielt für Dich der Bezug zwischen Idee und Material?

Wenn ich eine `echte` Idee habe, kann ich erst sehr euphorisch sein und verliere dann das Interesse.
Grundsätzlich habe ich eine größere Beziehung zum Material als zur Idee, wenn man das überhaupt voneinander trennen kann. Ein Material gibt ja auch immer etwas vor.
Ich habe dann Lust auf ein Material und eine gewisse Vorstellung davon, wie ich es bedienen will; das kann zunächst relativ unmotiviert sein. Wichtig bei der Wahl der Materialien ist mir, dass sie verschiedene Geschwindigkeiten in der Behandlung haben, sodass die Frage der Wertigkeit in den Vordergrund rückt. Und ich mag es, wenn ich meine Skulpturen selber tragen kann.

Was sind aktuelle und kommende Projekte an denen Du arbeitest?

Gerade arbeite ich mit Max Sänger an einem Film über ein Singspiel/eine Performance, die ich in München im Raum `Lothringer13_Florida` aufgeführt habe. Im März werde ich mit FRAGIL unser zweites Album in Köln aufnehmen und im Mai treten wir nochmal mit `Cupid and the animals` in New York auf.

Interview Leon Jankowiak

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