Lena Henke – SCHREI MICH NICHT AN, KRIEGER – Notiz von Carina Bukuts

In einem Getümmel aus tausend Gerüchen, die in der Nase kitzeln und bunten Gegenständen, an denen Augen sich nicht sattsehen sollen, findet sich einer, der die Schnelllebigkeit um ihn herum nicht zu bemerken scheint. Er trottet durch die langen Gänge, verliert sich in den Massen, findet sich wieder, um sich abermals zu verlieren. Der Flaneur fühlt sich wohl, umzingelt von Menschen alle mit einem Ziel, nur er ohne. Er lebt in der Rastlosigkeit der anderen und verabscheut sie doch zugleich.

Auf dem Krönungsweg, der den Frankfurter Dom mit dem Römer verbindet, fand sich ähnliches Gedränge. Menschenmassen, die der Krönung des nächsten Kaisers beiwohnten und Konsumenten, die an offenen Verkaufsständen, den Schrannen und Schirnen, ihren Hunger stillten. Die Trümmer des zweiten Weltkriegs sollten hier nicht lange sichtbar bleiben. Doch die Straße, auf welcher Kaiser spazierten und Metzger Handel betrieben, blieb lange Zeit brach bis sie inzwischen heute wieder ein Weg voller Gedränge wurde: Eine Hochzeitsgesellschaft bewegt sich zaghaft auf dem Kopfsteinpflaster, Kinder spielen fangen und ein Pärchen schlendert mit prall gefüllten Einkaufstüten zum Parkhaus. Der Ort dieses Schauspiels ist der Römerberg, die Rotunde der Schirn Kunsthalle. Eine Architektur, die zwischen Innen und Außen changiert, indem sie nicht nur Eingang zum Ausstellungsort ist, sondern zugleich öffentlicher Durchgang. Ein Spannungsverhältnis zwischen transitorischem und statischem Raum. Lena Henke fängt den Transit ab. In ihrer Installation „Schrei mich nicht an, Krieger!“ blockiert die Künstlerin die Eingänge zur Rotunde mit zwei Aluminiumskulpturen. Der Passant wird somit unweigerlich zum Betrachter konvertiert. Er kann nicht eilen und schaut stattdessen frontal auf eine amorphe Form aus Metall. Die Oberfläche ist glatt und kalt, aber dennoch nicht so sleek wie zu Beginn der Ausstellung. Fingerabdrücke haften verstohlen an ihr, Sand liegt verstreut auf dem Kopfsteinpflaster und auf der Skulptur, Schlangenlinien wurden darin nachgefahren. Die Materialien kollidieren miteinander, erzeugen Reibungen und verursachen ein Kratzen, wenn sie sich begegnen. Das Auge wandert derweil zu den rosa, gelben und blauen Säulen der Rotunde, die den Blick nach oben lenken. Zwei Fenster sind zur Rotunde hin geöffnet und um sie herum Berge voll Sand. Der Passant geht weiter in dem Glauben nun verstanden zu haben wie der Hase läuft, der Betrachter allerdings bleibt und dringt ins Innere der Schirn vor. Eine Gummimatte, um sich die Füße abzuklopfen heißt ihn willkommen. Der Betrachter tritt auf sie und damit aus einer Passivität aus. Seine Füße werden schwer, versinken im Sand bis sie am offenen Fenster ankommen und langsam mit der Fußspitze ihres Schuhs Korn für Korn herunterrieseln lassen. Aus dieser Perspektive verwandeln sich die diffusen Formen der Aluminiumskulpturen in zwei Augen, die den Betrachter anschauen – er schaut zurück. Er blickt auf eine materialisierte Metapher: Sand im Auge.

Zwar ist „Schrei mich nicht an, Krieger!“ immer zu sukzessiven Veränderungen durch äußere Einflüsse ausgesetzt, doch befinden sich die Skulpturen dennoch stets unter dem Schutzmantel der Glaskuppel der Rotunde. Sie wacht über die Installation und verhindert, dass Regentropfen auf ihr landen. Dabei möchte man meinen, dass witterungsbedingte Veränderungen der Installation in dem eigenen Anspruch der konstanten Veränderung mehr gerecht worden wären, indem der Regen je nach Intensität zunehmende Geräusche auf dem kalten Metall erzeugt hätte und die feinen Körner sich zu einer matschigen Masse gebildet hätten – Spuren hinterlassen hätten. Doch diese Glaskuppel ist ein viel zu prägnantes Architekturmerkmal der Rotunde als dass dieser Gedanke hätte realisiert werden können. Sie stellt sich in die lange Tradition von berühmten Kuppeln wie dem Opaion im Pantheon in Rom und trotz alle dem wird das Beispiel in Frankfurt ihren Passagencharakter nicht los. „Handel und Verkehr sind die beiden Komponenten der Straße. Nun ist in den Passagen deren zweite abgestorben; ihr Verkehr ist rudimentär. Sie ist nur geile Straße des Handels, nur angetan, die Begierden zu wecken.“* Auch, wenn der Handel, der an der Stelle der Schirn betrieben wurde, viele Jahre zurückliegt, beruft sie sich in ihrem Namen noch auf diese Form der Ökonomie. Während die Ladenpassagen des 19. Jahrhunderts an Rastlosigkeit verloren, gewinnt der Schirn Standort derzeit daran und der Handel verschwand derweil. Nichtsdestotrotz versuchen die Installationen, die in der Rotunde der Kunsthalle realisiert werden, gleichermaßen Begierden zu wecken. So funktioniert auch „Schrei mich nicht an, Krieger!“ in vielerlei Hinsicht als Einladung an die Passanten. Sie werden dazu verführt, stehen zu bleiben, neugierig den bunten Farben zu folgen, um schließlich selbst Teil der Installation zu werden. Doch welche Begierde wird hierbei geweckt? Welcher Durst gestillt? Vielleicht der nach dem Individualismus, indem aus der Masse der Rastlosen, einzeln Personen hervortreten, um die Neugierde an der Installation zu stillen und sich dann wieder in eine kollektive Partizipation einzureihen. Gemeinsam Sand ins Auge streuen und die Leerräume füllen. Der europäischen Mythologie zufolge, ist dies eigentlich der Job vom Sandmann, der dadurch Träume entstehen lässt und die Leere der Nacht mit Erlebnissen bereichert. In der Ammensage von E.T.A Hoffmanns „Der Sandmann“ wird das Material wiederum eingesetzt, um Kindern mit brutaler Gewalt die Augen zu stehlen und ihre „Spiegel der Seele“ zu verderben. Lena Henke öffnet mit ihrer Installation „Schrei mich nicht an, Krieger!“ eine Vielzahl an Schubladen, die mit der gewählten Metaphorik verknüpft sind. Die örtliche Unbestimmtheit der Rotunde scheint somit auch auf die Installation Einfluss zu nehmen: In gleicher Weise wie Menschen durch die Passage entweder als Passanten hasten, als Flaneure schlendern oder als Betrachter beobachten, streut der ebenso Sand in unterschiedliche Richtungen. Mal neben die Skulptur, mal direkt ins Auge.

Text: Carina Bukuts

 

 

(* Zitiert nach Walter Benjamin: Gesammelte Schriften V, 1991 Frankfurt am Main)

Alle Fotos: © Neven Allgeier

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT
LENA HENKE
SCHREI MICH NICHT AN, KRIEGER!
28. APRIL – 30. JULI 2017