Martin Kähler „Ridotto al Massimo“ – Notiz von Muriel Meyer

Die erste Ausstellung der neuen Galerie FILIALE in Frankfurt am Main

Der italienische Titel der Ausstellung Ridotto al Massimo ist schwierig ins Deutsche zu übersetzen, kündigt jedoch deren Inhalt in etwa so an: auf das Maximum reduzierte Skulpturen, um nicht zu sagen Hyperreduktionen werden gezeigt. Die Ausstellungsräume der neuen Galerie FILIALE sind gewagt, auf deren Präsenz künstlerische Arbeiten erst einmal reagieren müssen. Not a White Cube: graue Kacheln, zum Teil verglaste Wände, einem Gewächshaus ähnlich sowie eine riesige sperrige Ecktreppe, die ins Untergeschoss führt, prägen den eigenwilligen Galerieraum. Martin Kählers Arbeiten reagieren, sie übertrumpfen zuweilen, sie engagieren sich aber auch geschickt. Sie bilden zum Teil eine Einheit mit dem räumlichen Charakter, an anderen Stellen schaffen sie es, über ihn hinaus zu wachsen, aber vor allem gelingt es den Arbeiten den Raum zu beleben. So geht Kählers Zinnblech/Armierungsstahlarbeit eine Symbiose mit dem silbermetallenen Geländer der Treppe ein, die sich wie eine Kletterpflanze, um das Geländer räkelt. Im Untergeschoss signiert eine Bodenarbeit die räumliche Eckpassage. Sie ist aus Gips, damit ephemer und wurde durch die zahlreichen Besucher*innen an der Vernissage gestreift.

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Kählers Skulpturen bestehen größtenteils aus gefundenen Materialien von Baustellen, aus Renovierungsresten und Bauschutt. Ähnlich einem Meuser der Muttergalerie Bärbel Grässlin, der seine Materialien auf Schrottplätzen findet, sammelt auch Kähler sein Ausgangsmaterial mit der Zeit an. Dies sind zum Teil gewaltige Materialien wie Eisen, Zement, Stahl und Beton, ebenso wie zartere von Gips, Blech, Draht bis Kupfer. Die größte Arbeit der Ausstellung ist knapp über drei Meter lang. Eine gewisse Sperrigkeit trifft auf eine Leichtigkeit, wenn sich zum Beispiel der Gips vom Draht zu lösen beginnt. Jede Arbeit ist ihrer Veränderung unterworfen. Das Material lebt und geht eine Einheit mit seiner Umwelt ein. Kupfer, ein häufiges Material in dieser Ausstellung, verändert sich stark, oxidiert mit der Zeit und erhält diesen grünlichen Schimmer. Kähler setzt seine Materialien zusammen, bearbeitet sie zum Teil, zum Teil auch nicht. Er verwendet keine Verbindungsglieder wie Schrauben, Nägel oder Kleber, alles bleibt rein und findet so zusammen. Die verschiedenen Materialien treten innerhalb einer Arbeit in eine Beziehung zueinander. Sie gleichen einander aus im Idealfall, sie entsprechen einander, sind abhängig voneinander oder sie scheinen im Widerspruch zu stehen, doch ihre Spannung ist stets ausbalanciert. Dieses erreichte Gleichgewicht kann je nach Arbeit auch wackelig sein.
An den Arbeiten können Archäologien erhoben werden, eine Archäologie, die die Herkunft der Materialien errät, die deren Herstellung nachvollzieht, eine, die den künstlerischen Schaffensprozess erkundet und eine, die den Zerfall vorwegnimmt. Jede Skulptur birgt zugleich ihren Ursprung, ihren Lebensbeginn, ihren Prozess und ihr Vergehen. Arbeitsspuren sind Kähler elementar. Fußspuren bleiben am Kupfer der großen liegenden Stahlskulptur zum Beispiel. Kählers eigene Fußspuren aus Atelierstaub. Der verwendete Gips trägt auch die Spuren aus dem Atelier, was darüber geschleift ist, welche Plastiktüte darübergelegt wurde. Auch Farbpigmente sind wie zufällig auf die Skulpturen geschmiert, sie wurden gestreift, bespritzt oder getroffen.

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Keine Arbeit ist glatt, keine Arbeit ist ein spezifisches Objekt im Sinne der Minimal Art, dass sie den Betrachtenden konfrontiert. Die Arbeiten stellen sich einem nicht entgegen, trotzt ihrer Unübersehbarkeit, ihrer Größe und zum Teil Schwere. Die Arbeiten wirken eher selbstverständlich, wie Überbleibsel von etwas das man kennt. Wie Schönheiten, die einen ständig umgeben, die nur zu oft übersehen werden. Wie alte Kirchen oder ehemalige Synagogen, wie Ruinen, wie halb verfallene italienische Kapellen, wie alte Straßenlaternen. Die Arbeiten wirken nie perfekt oder ganz in dem Sinne, dass ein Kratzer ihnen schaden würde. Ein Kratzer bedeutet eine neue Spur, ein weiteres Element ihrer Geschichte. Schönheiten, die durch ihre Narben und ihre Altersprozesse nur reicher, Sinn füllender damit sinnlicher werden. Immer schwingt in den Arbeiten Zerstörung mit. Das liegt zum Teil an ihrer Fragilität, zum Teil am Look eines Non-finitos. Man könnte sich vorstellen die Galerie läge im Epizentrum eines Erdbebens und alle darin befundenen Werke wären davon betroffen, so sieht die Ausstellung aus. Wie als ob die Zerstörung der Dinge erst ihre Schönheit zu Tage bringt. Wie als ob das Scheitern einer Beziehung erst ihre Kostbarkeit zeigt. Wie als ob erst ein Unfall uns unsere Zerbrechlichkeit bewusst werden lässt. Wie als ob erst eine Krise aufzeigen muss, was uns wichtig ist. Wie als ob wir heute dringend Skulpturen des Zerfalls brauchen, um das Gefühl unseres Zerfalls zu spüren. Um die Schönheit in ihrer Vergänglichkeit wahrzunehmen.

Text: Muriel Meyer

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Alle Bilder: Martin Kähler, Ridotto al Massimo, Dec 9 2016 – Feb 11 2017, FILIALE Frankfurt am Main, Foto: Wolfgang Günzel © FILIALE Frankfurt am Main

FILIALE
Martin Kähler – Ridotto al Massimo
10.12.2016 bis 11.02.2017
Stiftstraße 9 (im Innenhof)
Frankfurt am Main