Martin Zellerhoffs Fotobuch: „Ran ans Motiv“

Fotografieren ist hip. Wer fotografiert gibt sich kulturinteressiert, technikversiert und kommunikationsfreudig. Wir haben heute immer und überall die Kamera dabei. Fotos beweisen und erinnern uns an Ereignisse, Personen oder Dinge. Haben wir je existiert, wenn es keine Fotos gibt, auf denen wir abgebildet sind? Hat ein Ereignis stattgefunden, wenn man es nicht auf einer Fotografie nachvollziehen kann? Roland Barthes „Es-ist-so-gewesen“ ist heute präsenter denn je. Wie kann das sein, wenn doch die Bearbeitungs-, d.h. Verfälschungsmöglichkeiten jedem Foto ein Stück seiner Objektivität nehmen? Ganz einfach: Uns stört es nicht. In all den Jahren hat die Fotografie geschafft, was sonst kein Medium der Kunst geschafft hat: Sie hat unser vollstes Vertrauen! Ein Foto ist ehrlich. Mögen mir nun zahlreiche Menschen, die sich mit der Bearbeitung von Bildern beschäftigen, widersprechen! Die Gesellschaft spricht für mich.
Wir alle lieben die Fotografie – sei es als aus ästhetischen Gründen, als Information oder als Erinnerung. Doch wir sind müde geworden. Wir schauen nicht mehr hin, was Fotografie tatsächlich bedeutet. Die Fotografie ist nicht nur irgendein Medium. Sie hat einen individuellen Charakter! Sie hat Geschichte! Und sie ist es wert, dass wir uns mit ihr beschäftigen!

Martin Zellerhoff reibt den Schlaf aus unseren trüben Augen und lässt uns den Charakter der Fotografie neu erleben.
In seinem Buch „Ran ans Motiv“ verarbeitet und dokumentiert er künstlerisch die Entwicklung der Fotografie, wie sie sich ihm gegenüber im Laufe seiner Arbeit und Erfahrungen dargestellt und verändert hat. So verweist etwa die Fotografie „Ohne Titel (Kodakchrome 64,KB 24 Exp)“ (#2009002) von 2009 auf die fotografiegeschichtliche Entwicklung von der analogen zur digitalen Fotografie. Außerdem ist die dargestellte Filmpatrone auch noch ein typisches Beispiel für eine Produktfotografie und damit ein Stellvertreter für ein definiertes Feld in der Fotografie- und Werbebranche. Und sieht sie nicht auch ein wenig hübsch aus? Der wohlgeformte Patronenkörper und der perfekt geschwungene Film sprechen uns ästhetisch an. Dass der Fotograf hier getrickst hat, stört uns nicht. Im Gegenteil! Die Fotografie schafft es erst auf diese Weise, uns von sich zu überzeugen. Martin Zellerhoff hält dem Betrachter einen Spiegel vor, der ihn das Medium Fotografie reflektieren lässt.

Mit seinem neuen Fotobuch „Ran ans Motiv“ führt uns Martin Zellerhoff durch seine Fotografien. Seinem individuellen Rhythmus folgend, kann jeder auf seine Weise den Charakter der Fotografie erforschen und sich darauf einlassen, die Fotografien sich selbst erklären zu lassen und uns von sich zu erzählen.

Text: Judith Walther

Bildschirmfoto 2015-09-30 um 09.09.08

#2010008, Garath 2010/1988, © Martin Zellerhoff / courtesy snoeck

Bildschirmfoto 2015-09-29 um 21.12.33

#2009002, Ohne Titel / Untitled (Kodachrome 64, KB 24 Exp) 2009, © Martin Zellerhoff / courtesy snoeck

Ran ans Motiv
Martin Zellerhof
deutsch/englische Ausgabe,
Ladenpreis € 29.80
ISBN 978-3-86442-122-8
Snoeck Verlag, Köln