Max Schmidtlein – Pflaumi

Ist es eigentlich ein Allgemeinplatz, zu behaupten, dass Malerei – gute zumindest – immer so ein bisschen bescheuert ist? Wahrscheinlich. Dann wieder: Wie sonst denn bitte? Wie sonst denn bitte soll man, wenn man ein Bild malt, mit dieser dämlichen Vermessenheit und diesem Größenwahn umgehen, tatsächlich so etwas wie Malerei machen zu wollen, etwas, das so sehr nach „Kunst“ mit Kapital-K aussieht wie Malerei? Wenn man dann noch möchte, dass diese Malerei sich nicht in der Auseinandersetzung mit Meta-Themen erschöpft und um ihren eigenen Status kreist, um am Ende doch nur den Irrsinn des Unternehmens „Malerei heute“ abzufedern, dann bleibt man irgendwann halt mit dem Bescheuerten und der Lächerlichkeit der Malerei sitzen. Und damit muss man eben umgehen.

Und das heißt zunächst einmal: sich der Unmöglichkeit aussetzen, Bilder ohne allzu offensichtliche äußerliche Referenzen und Einbettungen zu malen, ohne einen allzu offen- sichtlichen konzeptuellen Überbau und eine allzu überdrehte Selbstreferenzialität. Denn das geht eigentlich nicht, dass man alles vergisst, das Situative, den Kontext, die Geschichte. Man weiß, dass das nicht geht. Und versucht es trotzdem. Bescheuert-Sein ist angewandte Hilflosigkeit. Man kann auch Ehrlichkeit dazu sagen. Man versucht also, all das gerade Aufgezählte – die Referenz und die Einbettung, das Konzept und die Metaebene – zu integrieren, es aber nicht nach vorne zu spielen. Man kann es stattdessen anwesend sein lassen auf eine Art, auf der etwa ein fernes Gedächtnis anwesend ist: wie eine Schliere über der Gegenwart, wie ein Gestern, das dem Heute Tiefe verleiht; oder, pro- faner, wie eine Erinnerung an eine durchzechte Nacht am Ende des Katertages danach, nicht am Anfang. Abgetönt und soft-schluffig-angenehm irgendwie, im Reinen wieder mit sich selbst (auch wenn man das natürlich nie ganz ist). Übersetzt ins Bild heißt das: Eingebettet in es und in seine Bildhaftigkeit, nicht es überdeckend. Und das macht am Ende ein anderes Bild.

Wenn also eine aufgeschwemmte Kohletablette statt Farbe verwendet wird, um einen Himmel zu malen, dann, weil diese Kohletablette inzwischen der Teil eines persönlichen Vokabulars ist, mit dem man diesen geforderten Effekt im Bild eben am besten hinbekommt. Und gerade nicht, weil eine Kohletablette keine Farbe ist. Oder eine Farbe mit konzeptuellem Mehrwert. Auch wenn das mitschwingt. Und wenn statt Farbe manchmal nur farblose Grundierungsmittel verwendet werden, dann nicht, weil dieses Grundierungsmittel sozusagen eine Anti-Farbe ist (zumindest nicht nur), sondern weil es reicht, um damit auf farbigen Stoffen malerische Gesten zu hinterlassen. Und wenn sich im dichten Gewirr von Linien ein dämlich grinsendes, fast schon cartoon-artig übersteuer- tes Malergesicht abzeichnet, dann eben, weil es sich irgendwann so ergeben hat und anschließend weiterverfolgt wurde, statt von vornherein so angelegt zu sein.

Die Bilder müssen dann aber auch als Bilder tragen. Dann hat man es tatsächlich mit dem zu tun, was zuerst Malerei ist und erst dann Kunst. Und der komische Effekt einer solchen Ernsthaftigkeit ist eben das besagte Bescheuerte: Resultat der Einsicht ins Unmögliche und trotzdem Notwendige eines solchen Unterfangens. Eine lachende Antwort und ein Humor jenseits von Ironie und Zynismus. Ein Pflaumi und kein kleiner Feigling.

Dominikus Müller

 

 

Gillmeier Rech - Max Schmidtlein Inst.002

Gillmeier Rech - Max Schmidtlein Inst.003

Gillmeier Rech - Max Schmidtlein Inst.001

Max Schmidtlein 30. April 2016 in der Goebenstraße, 2017 acrylic, oil on synthetic 180 x 130 cm

Max Schmidtlein Das Geheime Leben der Bäume 2017 acrylic, make-up, oil on synthetic 88 x 105 cm

Max Schmidtlein Pflaumi2017 two charcoal tablets on cotton 190 x 120 cm

Max Schmidtlein Trevira CS (Comfort and Safety) 2017 charcoal tablet, oil, acrylic paint on synthetic fabric and plastic cap, sticker on stretcher frame 150 x 190 cm

Max Schmidtlein, Unconcerned Gulli, 2017, oil, acrylic, watercolor on synthetic, price label on stretcher framer 133 x 190 cm

 

 

GILLMEIER RECH
Max Schmidtlein
Pflaumi
4 February – 25 March 2017