Maximilian Rödel im Interview

Leonie Pfennig
Zu deiner Ausstellung: ist das eine fertige Serie oder eher eine Bestandsaufnahme von dem, woran du gerade arbeitest, das aber noch weiter geht?

Maximilian Rödel
Ich habe ursprünglich mit dem Gedanken gespielt, eine Serie zu zeigen und wollte erst einen Teil der dunklen Serie ausstellen, die ich gegen Anfang des Jahres gemalt habe – zwölf Bilder, die ich mit rot und blau untermalt und mit schwarz übermalt habe. Aber Mitte des Jahres habe ich davon Abstand genommen und begonnen, mit Farben zu experimentieren: Auf das Schwarz habe ich dann verzichtet und mit der Arbeit an farbigen Bildern angefangen. Die Ausstellung ist also genealogisch aufgebaut: Sie setzt sich zusammen aus dem ersten Bild der dunklen Serie, einem aus der Serie mitten heraus sowie dem grauen Bild („Trevor’s room“), das den Abschluss der Serie darstellt. Das Gelbe ist das Bild, welches ich zuletzt gemalt habe. Ich habe also aus allen Stufen dieses Jahres etwas integriert.

 

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Maximilian Rödel, trevor´s room 2014, oil on canvas, 170 x 150 cm, Foto: Trevor Good

 

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Maximilian Rödel, yet untitled 2014, oil on canvas, 205 x 170 cm, Foto: Trevor Good

 

LP
Das heißt aber, du legst schon vorab fest, wie die Serien aussehen sollen und welche Farben du einsetzt, oder entwickelt sich das im Malprozess?

MR
Es entwickelt sich im Prozess. Ich habe ja vorher mehr mit geometrischen Formen gearbeitet und dann gemerkt, dass ich persönlich mit dieser Art von Komposition fertig war. Ich habe da nicht mehr diese Unmittelbarkeit gefunden beim Malen und dann überlegt, diese Formen wegzulassen – was auch damit zu tun hat, dass ich seit einiger Zeit in einem neuen Atelier bin, wo es viel mehr Platz gibt, wo ich meine Gedanken besser ordnen kann. Es fängt also schon mit einer Überlegung oder einer Idee an – ich lasse die Geometrie weg und weil ich jetzt mit etwas Neuem beginne, versuche ich es erst einmal mit reduzierten Mitteln, das heißt, die dunklen Bilder sind schon bewusst entstanden und dann hat sich aus diesem Prozess heraus der nächste Schritt ergeben – ich habe das Schwarz weggelassen und bin zur Farbe gekommen.

LP
Vor zwei Jahren hast du noch grafischer gearbeitet, es tauchten auch mal geometrische Flächen auf, ist das ein Prozess, dass du jetzt darauf verzichtest? Musstest du über das Figurative gehen, um bei den puren Bildern anzugelangen, oder spielt das keine Rolle?

MR
Die schwarzen Bilder sind jetzt als Serie abgeschlossen, aber ein Teil dessen was ich in meiner Malerei erreichen oder zeigen möchte ist, dass nicht jedes Bild strikt auferlegten Regel folgen muss. Im Gegenteil, ich kann mir vorstellen, dass auch wieder ein dunkles Bild entstehen kann, wenn es eine Notwendigkeit dafür gibt, auch wenn die Serie als solches jetzt abgeschlossen ist. Das finde ich wichtig, es ist eben eine Vielseitigkeit dabei. Für viele ist das ja heute schon schwer zu begreifen, wenn nicht jedes Bild in einer Ausstellung eine absolute serielle Gleichheit hat.
Ich finde, dass Malerei nicht begrenzt werden kann auf eine bestimmte Palette zu bestimmten Zeiten, sondern dass alles immer möglich sein muss, um wirklich eine authentische Überlegung darstellen zu können.

Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, so schnell wieder zu geometrischen Formen zurückzukehren, was aber, wie bereits erwähnt, nicht heißt, dass es nie wieder passieren kann.
Aber was ich auf jeden Fall sagen kann: Die Intensität und die Konzentration bei diesen früheren Bildern – ich habe ja nur wenige von ihnen gemalt, sehr lange an ihnen gearbeitet und dementsprechend viele Überlegungen reingesteckt – hat irgendwann dazu geführt, dass ein malerischer Knoten geplatzt ist und die jetzigen Bilder möglich sind. Ich habe bei den Bildern sehr viel gelernt.

LP
Wie lange arbeitest du an einem Bild, oder arbeitest du an mehreren gleichzeitig?

MR
Ich arbeite immer an mehreren gleichzeitig und in Schichten, es kann passieren, dass ich bei Bildern relativ schnell aus der ersten Schicht auf die nächste schließen kann und dass ein Bild in zwei Wochen fertig ist. Es sind ja auch immer Trocknungszeiten dazwischen. Aber häufig ist es auch so, dass ich ein Bild anfange und dann lange daran rumexperimentiere und an einen Punkt gelange, wo ich mir eigentlich nichts mehr darunter vorstellen kann. dann wird es weggestellt und drei Monate später, wenn schon wieder andere Bilder nebenbei entstanden sind, haben diese dafür gesorgt, dass ich jetzt verstehe, was in dem vorigen Bild der nächste Schritt sein kann. Es kann also zwei Wochen dauern, es kann aber auch mal ein Jahr sein.

LP
Es ist ja fast schon mutig, wenn man sich heutzutage als junger Künstler mit monochromer Malerei beschäftigt, ganz bewusst auf Erzählungen oder Kommentare verzichtet. Ich stelle es mir ganz schön schwer vor, sich da von einer so starken kunsthistorischen Tradition zu lösen. Beschäftigst du dich sehr mit Vorbildern oder Vorreitern in der Kunstgeschichte oder schaffst du es, das einfach beiseite zu lassen?

MR
Ich werde immer mehr damit konfrontiert. Es ist aber schon so, dass ich angefangen habe zu malen, weil es für mich die passende Form war und es kam für mich nie in Frage das Medium zu wechseln. Irgendwann kam dann der Punkt, wo ich mir bewusst wurde, dass Malerei ein wirklich sehr besetztes Feld ist. Dass prinzipiell alles schon einmal gemacht worden ist und ich viel mehr erreichen kann, wenn ich diese Einordnung oder Gewissheit überwinde und hinter den Prozess stelle. So finde ich einen viel unmittelbareren Zugang. Also benutze ich die Referenzen nur, ohne sie wirklich in Frage zu stellen, bevor ich male.

Es war denke ich schon immer ein Problem der monochromen Malerei, dass sie schnell in die Methode abrutscht, wodurch es dann auf einmal sehr formalistische Bilder werden. Bei meinen Bildern handelt es sich eher um monochrome Bildräume, die gleichzeitig auch immer subjektive Referenzen darstellen, deshalb werden die Bilder teilweise auch sehr persönlich.

LP
Du kannst Dich halt nicht hinter einer Erzählung oder einem Thema verstecken. Du machst es Dir vielleicht schwieriger als jemand, der auf ein Thema oder einen Trend, dem viele gerade folgen, festgelegt werden kann.

MR
Ja, das hat vielleicht etwas mit Mut zu tun, aber die Entscheidung war eigentlich keine mutige, sondern eine, die gewachsen ist. Ein Bewusstsein darüber, was meine Kunst jetzt ist, kam aber erst im Nachhinein. Der allgemeine Trend im Moment geht ja dahin, sich Theorien und Konzepte auszudenken, die sich kuratorisch gut verwerten lassen und für diese einen formalistischen Ausdruck zu finden; ein Motiv zu entwickeln, was abgearbeitet wird.
Rückschließend kann man vielleicht sagen, dass gerade dadurch wiederum ein Bedürfnis nach Bildern entsteht, die sich unmittelbarer verständigen.

LP
Stichwort Hype um junge abstrakt arbeitende Maler, der gerade gemacht wird und über den alle reden – beschäftigt dich das?

MR
Natürlich beobachte ich die aktuellen Entwicklungen und ich finde, es wäre unpassend zu behaupten, etwas ganz anderes zu machen. Denn wenn man eines von beiden Extremen wählt, ist man auch schon wieder ein Teil davon.
Ich würde sagen, ich mache das, was ich im Moment für sinnvoll erachte – und trotzdem kann es in diesem Kanon der abstrakten Malerei momentan gut verstanden werden. Aber meine Position ist, glaube ich, trotzdem so klassisch, dass sie diesen Hype nicht unbedingt zum Verständnis braucht – das ist zumindest meine Hoffnung.
Es kann bei gehypten Einzelposition schwierig sein, gut von schlecht zu unterscheiden.
Nur weil jemand gehypt wird, heißt das natürlich nicht, dass die Qualität der Arbeiten besonders gut oder schlecht ist. Aber von Außen wird es wahrscheinlich häufig so wahrgenommen, dass der teuerste Maler auch gleichzeitig der Beste sein müsse. Und das finde ich schade, da es Malerei auf ein viel niedrigeres Niveau herabsetzt.

LP
Deine Bilder lösen sofort eine Stimmung aus. Auch wenn sie tendenziell eher düster sind, stimmen sie aber nicht traurig oder melancholisch, sondern fast schon romantisch. Denkst Du da im Vorfeld drüber nach, was du beim Betrachter auslösen willst?

MR
Das entsteht auch mehr durch den Arbeitsprozess. Also es ist nicht so, dass ich eine bestimmte Stimmung oder einen bestimmten Bildraum abbilden möchte, sondern durch das malen kommt es zu diesen Motiven. Und diese Stimmung, die du angesprochen hast, entsteht dadurch, dass von den unteren Farbschichten eine starke Leuchtkraft ausgeht.

LP
Hast du bestimmte Räume vor Augen, wenn du ein Bild machst, also eine konkrete Erinnerung an etwas existierendes, oder sind die Bilder unabhängig von reellen Erfahrungen oder Vorkommnissen?

MR
Es ist im Prinzip genau andersherum, als du jetzt vermutet hast. Am Anfang steht häufig nur eine Form oder eine Farbe beim Bild, also ein Experiment. Durch die Assoziation oder durch den Prozess bildet sich dann für mich eine bestimmte Komposition, die dann auch genauso sein muss und die auch dafür sorgt, dass ein Bild irgendwann fertig ist. Das kann dann auf eine bestimmte Erinnerung oder auf etwas Gegenständliches hinweisen, aber erst in der Reihe von vorherigen Bildern ergibt es dann auch Sinn. Ich könnte also heute kein Bild malen, welches ich in einem halben Jahr genauso malen würde – das Bildwerk spinnt sich weiter und jedes Bild baut auf ein anderes auf und kann so erst als fertig erkannt werden.

LP
Welche Rolle spielt das Format?

MR
Früher hatte ich immer das Problem, dass ich nur sehr kleine oder sehr große Formate malen konnte und eigentlich im Zuge dieser Auflösung der Formen, der Überwindung dieses Knotenpunktes, wo auch die geometrischen Formen verschwunden sind, habe ich gelernt, auch Mittelformate zu lösen. Prinzipiell ist es so, dass Großformate immer bereits durch ihre Monumentalität wirken und Kleinformate durch ihre Intimität eine gewisse Qualität mitbringen. Die wahre Schwierigkeit lag für mich immer im Mittelformat.

LP
Das habe ich schon von mehreren Malern so gehört, dass dieses Mittelformat so eine Herausforderung darstellt, mit der man sich auf eine Art schwer tat, und die man irgendwann überwindet.

MR
Ja, Kleinformate wirken immer intim und dadurch bedeutsam, Großformate erzeugen hingegen bereits durch ihre schiere materielle Präsenz Bedeutung. Das Mittelformat kann sich hinter keiner solchen Attitüde wirklich verstecken und hat deshalb ganz andere Aussagemöglichkeiten. Was wiederum nicht heißt, dass ein großes oder kleines Bild qualitativ schlechter sein muss.

LP
Du lebst in Berlin, hast schon seit vielen Jahren eine Galerie in Köln – wie nimmst du die Kunstszenen der beiden Städte im Vergleich wahr?

MR
Ich empfinde es als sehr angenehm, dass ich in einer Stadt ausstellen kann, in der ich nicht lebe. Durch diese Distanz entsteht in Ausstellungen noch einmal eine ganz andere Objektivität zu der Arbeit und ich freue mich immer sehr, wenn ich hier herkomme, weil ich in Köln ein großes Interesse an den Ausstellungen bemerke. In Berlin ist das teilweise sehr überfrequentiert und es verschwindet alles ein bisschen in der Masse.

LP
Ja, das Gefühl habe ich auch, das hier das Interesse noch etwas ernsthafter ist an der Sache, weil es nicht so viel auf einmal gibt.

MR
Ja, in Köln ist es schon konzentrierter. Deshalb stelle ich gern in Köln aus, weil es hier ein großes Bewusstsein für die Tradition der Malerei und Kunst gibt. Zum Produzieren brauche ich allerdings mein Berliner Umfeld. Und wenn die Züge mal fahren, sind es ja auch nur vier Stunden hierher.

LP
Du teilst dein Atelier mit Lisa Tiemann, einer Bildhauerin und dem Modedesigner Vladimir Karaleev. Beeinflusst das Eure Arbeit gegenseitig?

MR
Ich kann jetzt nicht für die anderen sprechen, aber mir fällt schon auf, dass wir uns alle immer ein bisschen gegenseitig beeinflussen.

LP
Holt ihr euch Rat ein bei den anderen?

MR
Teilweise schon, ja. Es sind ja beides Menschen mit einem sehr guten Blick und einem sehr hohen Verständnis für Kunst. Wir sprechen also schon häufig über die Sachen, aber weniger inhaltlich, sondern eher über formale Fragen. Inhaltlich muss man sich in einem Gruppenatelier eher abgrenzen. Aber es macht schon Spaß mit den zweien.

LP
Wer ist Trevor?

MR
Trevor ist eine abstrakte Figur, die in meiner Bildwelt eine Rolle spielt. Das ist wie in einem Songtext, in dem es vielleicht um jemand ganz anderes geht, ein klangvoller Name, der eine Rolle zugeschrieben bekommt. Ich finde, dieser abstrakte Name Trevor sorgt dafür, dass die Bilder einmal mehr als Bildräume wahrgenommen werden. Sie sind nicht alle durchnummeriert und auch nicht alle ohne Titel, sondern es gibt manchmal so Ausbrüche. Trevor ist einfach irgendjemand, der durch das Bild mit Attributen aufgeladen wird und so ergibt sich immer eine andere Wahrnehmung der Bildwelt, als wenn es sich nur um tote, abstrakte Einordnungen wie z.B. Zahlen handelt. Der Name hat übrigens nichts mit meinem Fotografen zu tun.

LP

Was kommt als nächstes?

MR
Momentan habe ich ja erstmal angefangen mit Farbe zu experimentieren und ich denke, ich werde damit noch ein bisschen weitermachen – zum Großteil ohne Weiß und Schwarz.

 

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Maximilian Rödel, Installation view, Foto: Simon Vogel

 

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Maximilian Rödel, Installation view, Foto: Simon Vogel

 

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Maximilian Rödel, Installation view, Foto: Simon Vogel

 

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Maximilian Rödel, Installation view, Foto: Simon Vogel

 

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Maximilian Rödel, Installation view, Foto: Simon Vogel

 

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Maximilian Rödel, Installation view, Foto: Simon Vogel

 

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Maximilian Rödel, Installation view, Foto: Simon Vogel

 

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Maximilian Rödel, Installation view, Foto: Simon Vogel

 

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Maximilian Rödel, trevor´s car 2014, oil on canvas, 180 x 160 cm, Foto: Trevor Good

 

Interview: Leonie Pfennig 

Maximilian Rödel / SO IT BEGAN /
Galerie fiebach, minninger
05.09.2014 – Anfang November
http://www.fiebach-minninger.de/