Mit Galerist Tobias Naehring in die art berlin 2017 – Ein Interview

KubaParis
Die Art Cologne ist bei der abc – art berlin contemporary eingestiegen. Die neue Kunstmesse art berlin ersetzt die abc. Du hast im vergangenen Jahr mit Arbeiten von Eva Grubinger an der letzten abc teilgenommen. Was hat Deiner Meinung dazu geführt, dass sich das Format ändern oder weiterentwickeln musste?

Tobias Naehring
Meine Galerie hat drei Mal an der abc teilgenommen. Für uns war die Messe mal mehr, mal weniger erfolgreich. Auf jeden Fall hat sie viel zur Sichtbarkeit unserer Arbeit beigetragen und war wichtig, um spezielle Projekte zu zeigen. So war sie z. B. 2015 der perfekte Rahmen für Wilhelm Klotzeks alternatives Einheitsdenkmal „Endlich 25 Jahre Deutsche Einheit (Aldi, Lidl)“ – eine Bushaltestelle an der sich zwei Zigaretten treffen, eine mit einer Tüte von Aldi, die andere mit einer von Lidl.

Galerie Tobias Naehring, Wilhelm Klotzek, Endlich 25 Jahre Deutsche Einheit, abc Berlin, 2015

Galerie Tobias Naehring, Eva Grubinger, abc Berlin 2016

Bei der Präsentation von Eva Grubingers großformatigen Skulpturen im letzten Jahr diente die Messe in Berlin als ein Scharnier zwischen ihrer Einzelausstellung in der Galerie in Leipzig und ihrer Ausstellung im Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz.

Ich denke, dass die Ambitionen der Messe für viele Händler zu groß waren. Das ausschließliche Zeigen von Einzelpräsentationen, die Konzentration auf ein Erscheinungsbild, das dem Besucher ermöglichen sollte, die Kunst jenseits einer konventionellen Messeerfahrung zu ermöglichen, führte vermutlich dazu, dass einige Galerien Abstand genommen haben.

KP
Bei der diesjährigen art berlin (14. – 17. September 2017) setzt du auf eine Gruppenausstellung. Du zeigst Arbeiten von Sebastian Burger, Eva Grubinger, Wilhelm Klotzek und Sophie Reinhold. In Zeitungsberichten und Pressemitteilungen wurde von einer Kunstmesse mit neuer Ausrichtung gesprochen. Was für Erwartungen hast du an das neue Format?

TN
Ich denke, dass sich die angestrebte Heterogenität in Bezug auf die Auswahl der ausstellenden Galerien sicher auch auf die Besucher der Messe auswirken wird. Wir versprechen uns dadurch, dass die Messe als auch die Galerie eine größere Sichtbarkeit erlangen. Mit der Art Cologne ist ein starker Partner an Bord. Die Kölner Messe existiert seit den Sechziger Jahren und wird sicher ihr Know-How und ihre Sammlerkontakte nutzen, um das neue Projekt in Berlin mit allen Kräften zu unterstützen. Dadurch kann sie auch ihre Position im Rheinland nochmal neu definieren und stärken.

KP
Sebastian Burger, der in seinen Malereien immer wieder mit individuell aufgeladenen Assoziationen spielt, Eva Grubinger, die sich in ihrer Arbeit mit semiotischen Potenzialen von Objekten auseinandersetzt, Wilhelm Klotzek, der oft ortsbezogen und performativ arbeitet und das Thema Rauchen und die deutsch-deutsche Geschichte auf humoristische Weise erneut zum Thema in der Kunst macht, Sophie Reinhold, die der Malerei auf den Grund geht und sich mit dem Verhältnis von Bildgrund und Farbe, Bildobjekt und Raum beschäftigt. Warum hast du dich für eine Gruppenausstellung entschieden? Gibt es ein übergeordnetes Konzept, das alle KünstlerInnen verbindet oder gehst du hier intuitiv vor?

Sophie Reinhold, Untitled, 2017, Pigment auf Leinwand, 120 x 120 cm

TN
Von Sebastian, Sophie und Wilhelm werden wir neue Arbeiten zeigen. Von Eva gibt es eine Arbeit aus der Gruppe „Five Problems“ zu sehen, die letztes Jahr vom Bloomberg Space in London in Auftrag gegeben wurde. Neben neuen Gemälden von Sebastian und Sophie, hat Wilhelm eine Zigarettenskulptur produziert, die sich auf seine kommende Ausstellung im Kunstverein Leipzig bezieht. Sophie, Wilhelm und Eva habe ich jeweils schon in Einzelpräsentationen auf der abc gezeigt, daher lag es mir besonders am Herzen sie dieses Jahr gemeinsam in Berlin, ihrer Heimatstadt, zu zeigen. Sebastians Position fügt sich da perfekt ein. Die Auswahl entspricht meiner Vorstellung einer interessanten Gruppenausstellung.

KP
Ap­ro­pos Heimatstadt. In deiner Galerie in Leipzig zeigst du hauptsächlich in Berlin lebende und arbeitende KünstlerInnen. Wie ist es dazu gekommen?

TN
Das stimmt! Mittlerweile leben bis auf Sebastian Burger und Malte Masemann alle meine Künstler in Berlin. Warum eigentlich? Leipzig ist doch so schön!

KP
Auf jeden Fall. Die SPINNEREI lädt ja auch dieses Jahr wieder am 16. und 17. September zum Spinnerei Herbstrundgang ein. Wer vertritt dich in der Galerie und was zeigst du vor Ort?

TN
Anne wird mit ihrem Schnauzermischling Mascha in der Galerie sein und ich bin mit Melanie auf der Messe. In der Galerie eröffnen wir diese Woche die erste Einzelausstellung von Keith J. Varadi in Deutschland. Keith ist ein konzeptueller Maler aus Los Angeles, der auch Poesie verfasst und kuratorisch tätig ist. Im Oktober folgt dann eine Gruppenausstellung von Björn Dahlem, Gregor Hildebrand und Thomas Rentmeister.

KP
Für uns als junges Kunstmagazin stehen an erster Stelle das Entdecken junger, starker Positionen und der nachhaltige Support. Entdecken, fördern, begleiten, vermitteln. Es geht darum zuzuhören und ernst zunehmen. Wichtig ist uns natürlich auch eine dynamische, zeitbasierte und aktuelle Berichterstattung. Marketing, Onlinepräsenz, digitales Zeitalter und Netzwerk sind ebenfalls wichtige Stichpunkte, die uns begleiten. Die Aufgabe eines jungen Kunstmagazins ist es auch, auf sein innerstes Gefühl zu vertrauen, ohne sich dabei vom etablierten Kunstmarkt zu sehr beeinflussen oder einschüchtern zu lassen.

Wir haben u.a. die Begriffe Onlinepräsenz, Marketing und Netzwerk erwähnt. Wie muss sich eine junge Galerie im digitalen Zeitalter aufstellen und wie gehst du mit Social Media im Kunstbetrieb um?

TN
Instagram macht mir Spaß, man sieht viel und gerät mit Leuten in einen lockeren Austausch. Ich schätze als Galerie kommt man nicht drum herum, dort aktiv zu sein. Man erreicht einfach ein extrem breites Publikum. Die Likes und Followerzahlen zu beobachten hat nur leider ein total hohes Suchtpotenzial. Folgt @tobiasnaehring 😉

KP
Was für ein Suchtpotenzial?
@kubaparis
#follow4follow
#like4like
#followme
#tagsforlike

Mit wem würdest du gerne einmal kooperieren und was planst du für das restliche Jahr? Was kannst du uns als junges Magazin für Kunst mit auf den Weg geben?

TN
Initiativen wie Condo oder Okey Dokey finde ich total spannend. Dieses Jahr werde ich noch an der Not Fair in Warschau und der DAMA in Turin teilnehmen. Dabei handelt es sich um kleine, handverlesene Independent-Messen an sehr speziellen Orten, die auf Bestreben von jungen Galeristen ins Leben gerufen wurden. In Warschau zeige ich Timo Seber und in Turin Sebastian Burger. Not Fair wird parallel zum Warschauer Galeriewochenende im sogenannten Kulturpalast stattfinden, ein sozialistischer Prunkbau im Herzen der Stadt. Giorgio Galotti hat mit DAMA während der Artissima in den Palazzo Saluzzo Paesana eingeladen, einem der eindrucksvollsten Barockpaläste Turins.

Und um auf den letzten Teil der Frage zurück zu kommen – ich rate Euch: Macht weiter so!

MERCI Tobias!