MyWeekend by Agnieszka Roguski

Das Gallery Weekend ist vorbei. Bevor es losging, hatte ich To-See-Listen wie Kettenbriefe verschickt, mir so viele Ziele gesteckt, wie man sich Beilagen auf den Buffet-Teller lädt und dann wieder eine ‚shows you shouldn’t miss’ Hitliste im Netz entdeckt, die meine Bedürfnisse wachsen ließ. Meine Selection? Wie habe ich das gesehen, was, mit der nötigen Portion FOMO angereichert, noch mitgenommen werden konnte? Das Weekend begann zur Wochenmitte und formierte sich in Thementagen: Mittwoch mit Kunstmarktkritik zur Einstimmung im Haus am Lützowplatz, fröhliches Eröffnungs-Warmup am Donnerstag in Schöneberg, Opening-Delirium am Freitag, ein Performance-lastiger Samstag und ein sonntäglicher Galeriespaziergang zum Abschluss. Der Rückblick.

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Instagram, Screenshot / © Gallery Weekend Berlin

Gegen Graupelschauer und kalte Windböen kämpfe ich mich zu meinem ersten Programmpunkt. Im Haus am Lützowplatz soll darüber geredet werden, was hinter dem steht, was vor uns liegt. Das ist Geld und, kompexer ausgedrückt, der Markt. Ich verzichte darauf, Adam Linder und Shahryar Nashat im Schinkel Pavillon zu sehen, denn zuhören kann ich vielleicht nur noch heute, danach werde ich Eindrücke ordnen. Treffen koordinieren. Gehen geht ohnehin nicht mehr, ich sitze zwischen bunt bestickten Halbmond-Zeltwänden der Künstlerin Mathilde ter Heijne. Jetzt nochmal die Systemfrage: mit Julia Voss, deren sich an O’Doherty’s Klassiker „Inside the White Cube“ anlehnendes Buch „Behind the White Cube“ im letzten Jahr bei Merve erschienen ist, und Peter Weibel, dessen Publikationsliste laut Marc Wellmann, künstlerischer Leiter des Hauses, zu lang zum Vorlesen sei. Julia Voss spricht von Offenlegungen, zu nennenden Namen, zu ordnenden Strukturen: Private Galerien und öffentliche Institutionen seien scharf voneinander zu trennen. Ich erinnere mich an die USA, wo öffentlich so viel wie werbend bedeutet, als Peter Weibel in Murmeltonlage das Wort ergreift. Es scheint um Meinungen und Erfahrungen zu gehen, Ólafur Elíasson, der Prinzipien früher Medienkunst zu Starkunst aufgeblasen habe. Wellman hält den circa 100 Quadratmetern Raum DIN A4-Blätter mit Kurvendiagrammen entgegen, die demonstrieren, dass sich kürzlich Kunst- und Kapitalmarkt parallel polarisiert haben. Voss versucht Bezüge herzustellen: Die öffentlichen Institutionen seien einst, im 19. Jahrhundert, entwickelt worden, um privaten Besitz der Gesellschaft – der bürgerlichen – zugänglich zu machen. Jetzt sei es umgekehrt. Die Reichen werten ihren Privatbesitz durch das Gütesiegel der öffentlichen Institutionen auf, so Voss. Und immer mehr kleine Kunsträume müssen aus privater Hand finanziert werden, weil es nicht genügend Fördermittel gibt. Mit dem Impetus von Kunstvereinen habe das wenig zu tun, denn durch private Finanzierungsstrukturen würden so mehr im Markt etablierte als dissidente, unbekannte KünstlerInnen gezeigt. Nur was war eigentlich nochmal ‚Marktkunst’ im Gegensatz zur ‚inhaltlich relevanten’ Kunst? Und wer produziert diese Labels? Mir fallen Kickstarter & Co. ein, die Hilfe von Freunden, die unbezahlten Jobs und Projekte, die Likes in Sozialen Medien. Marktwert, Öffentlichkeitswert und Ausstellungswert gehen im Zeitalter einer Überfülle des Symbolischen schizophrene Symbiosen ein. Voss, die als FAZ-Redakteurin selbst eine Stimme des medialen Apparates darstellt, kennt die Währung Aufmerksamkeit, die am Ende den finanziellen Wert von Kunst mitbestimmt. Ein Mann im bunt glänzenden Cowboyhut stellt sich vor die Diskutierenden und macht Fotos. Eine Frau möchte die Diskussion mit dem Wunsch nach tabula rasa beenden; wie könne man dieses Problem, dass Kunst dem Zepter der Superreichen folge, nun konkret anpacken? Ein älterer Herr, Connaisseur, setzt auf den Genuss von Qualität. Wie dieser Wert in einem so abstrakten Gebilde wie der Kunstwelt erzeugt wird, dafür gibt es kein Kurvendiagramm. Ich entscheide mich dazu, das grüne Zelt zu verlassen und den Dunst des Luxus einzuatmen, der mich als erstes vor die bereits verschlossene Tür des non-for-profit-space Ashley führt. Ein Blick aufs Handy. What’s next?

Die 5 Eröffnungen des Donnerstags ergeben 27 Nachrichten und 2 verschobene Verabredungen. Nach einigen Déja-Vus der Kassler Images Ausstellung in der Future Gallery und einer Späti-Ausstellung, in der ich Ritter Sport Tafeln nach ihrem potenziellen Kunstgehalt beäuge, Luftballons ablehne und dann zu Austern bei Societé eile, erinnere ich mich mit Kaspar Müllers gelaunchtem Buch „Schätze der Erinnerung, 2014-2015“ an meine eigene Kindheit. Schwelgen bis der Sekt aus ist; ich radle zur Silberkuppe, wo auch der Anti-Brexit-Aktivismus von Wolfgang Tillmans Between Bridges gerade hinüberschwappt. Bei Tillmans sind die Wände voller Poster, man bekommt Lesbares in die Hand gedrückt, keine Zeit für marktfähige Deko-Ästhetik, mit Tesa wurden verpixelte Bilder an die Wand geklebt: „Tour of Syria, before and after the arrival of war and IS“. Gegenüber bleiben Heinz Peter Knes’ Fotografien subtil im Unkenntlichen, matt schimmern sie durch eine sich tummelnde Masse bekannter Gesichter. Die Crème de la Crème sei das, merkt die Gallery Managerin an, und lädt mich zur Afterparty in eine Kneipe namens Raststätte ein, dort sei das Bier besonders billig. Nach polnischen Pierogi bin ich bereit, mich dort zwischen Tresen und Tisch entlangzuschieben und rede über Frankfurt, Banken, die Städelschule, Los Angeles. Es kann losgehen.

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Instagram, Screenshot / © Gallery Weekend Berlin

„Mach dich fit“, lese ich zum Frühstück in der Kinderausgabe der SZ, während ich versuche, meine FB-Klicks zu einem Abendprogramm zu ordnen und nebenbei Deadlines abzuarbeiten, die meine Zukunft gestalten könnten. Mein Kunstbesuch sagt ab, der Rollkoffer sei diesmal von Rimowa und besser rollbar als das letzte Mal, der könne den Abend bis zur Freundin in Mitte überstehen, auch ästhetisch. Meine Freundin aus London hat sich auf mein Kunstkennertum verlassen, was zu hektischem Umherwandern in der Schöneberger Eröffnungslandschaft führt. Ich versuche auf das Fremdprogramm einer Freundin auszuweichen, aber ihr erklärt Guido Baudach so lange die Formen der Frustration von Andy Hope, bis ich meinen knurrenden Magen füllen muss. Rirkrit Tiravanija bei Helga Maria Klosterfelde ist zu voll, um auf relationales Essen zu hoffen, drüben bei Tanja Wagner finde ich Bier, Ulf Aminde zeigt Sozialkritik und Rosa. Ein Freund fragt mich, ob die großen Gemälde von Harland Miller im gigantischen Blain|Southern-Gebäude ironisch zu interpretieren seien. Angekommen bei Supportico Lopez wühlt sich mein Blick durch bekritzelte Pullis, grüne Smoothies und halb arrangierte Müllberge. Ohne Vorwissen gehe ich von einem Mann aus, der das hergestellt hat. Es war Adriano Costa. Ein Freund dachte, es sei eine Gruppenausstellung.

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Ed Fornieles, Arratia Beer. Instagram, Screenshot / © Gallery Weekend Berlin

Ed Fornieles bei Arratia Beer muss noch sein, fällt mir in Anbetracht aller Listen ein, und so setze ich mich auf einen der gemütlichen Liegestühle, um per Video mehr über Selbstmanagement mit Seele und den Lifestyle kontrollierter Körper zu erfahren. „Schedule your priorities“, heißt es dazu, in der Glasvitrine wird Fornieles’ Fuchsfigur therapiert. „You always have a choice“, und ja, das könnte mein Problem sein. Irgendwann stehe ich zwischen den Räumen von Tanya Leighton, Aleksandra Domanovićs Skupturen von sich schälenden, gelayerten, übergossenen Körpern finde ich toll, auch wenn niemand die Rinder auf den Fotos zu verstehen scheint. Ein Freund versucht mich zu filmen, Kunstprojekt, ich fliehe, der Mann im Cowboyhut, den ich bereits mittwochs gesehen habe, taucht in meinem Blickfeld auf, ganz in Gelb, eine Freundin kann kaum aufhören, ihn zu fotografieren, sie selbst mit im Bild. Ich schaue auf die Uhr, Mitte geht nicht mehr, man sucht Afterparties, ob ich mit will zu Tobias Rehberger, eigentlich closed event; ich gehe schlafen.

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Aleksandra Domanović, Tanya Leighton. Instagram, Screenshot / © KubaParis

Meine Bewerbungen müssen warten, als ich zum Workshop in die KW fahre. Anna Barham formiert im Rahmen von SUNRISE SUNSET, dem Performanceprogramm zur Ausstellung SECRET SURFACE, einen Stuhlkreis. Ich setze mich, das Mikrofon kreist, wir lesen Textfragente von Kraftwerks Song The Model. Die werden offenbar durch einen Real-Time-Audio-Decoder zu immer neuen Textmutationen, so mutmaße ich, denn wir bleiben unwissend, aber participatory – „…and then for every camera she gives the best…“, sage ich ins Mikro, meine Stimme wird in die Ausstellung übertragen, jeder versucht, sein nervöses Unbehagen in kreativen Lesekunststücken zu kaschieren, während ein Fotograf im Staccatotakt Bilder des einförmigen Geschehens produziert. Wo die hinkommen, weiß ich nicht. „We wrestle sorry“, lese ich schließlich verständnislos von meinem Textblatt ab, und verlasse den Raum als eben jene blank page, die ihn betreten hat. Content generation braucht also keinen Kontext. Offenbar auch kein Wissen, kein Feedback, keine Frage. Zwischen schwarzen Shuttle-Limousinen und Artschool-Truppen dehnen sich Bewegungsabläufe so weit, dass der Schinkel Pavillon erneut übersprungen werden muss, wir sind auf direktem Weg zu Sandy Brown, um das Londoner Duo New Noveta bei ihrer Abschlussperformance von Zene Zemlje zu sehen – rechtzeitig, um uns im Innern des winzigen Raumes um einen dunklen Ursuppen-Pool herum zu versammeln. Es riecht fischig, Bambusrohre lehnen an der Wand, ich sehe Fotos der Performerinnen, klarer Fall, es wird wild. Der Boden ist mit weißer Plastikplane ausgelegt, eine komplementäre Interpretation des sterilen White Cubes. Denn der wird zur andrenalingetränkten Substanz, durch den geschrien, gespritzt, gezerrt wird. Eine Freundin hat Angst um ihr weißes Outfit. Lifeness in Überfülle, düsterer Sound; Keira Fox und Ellen Freed kämpfen sich fast zärtlich brutal durch den Raum. Ihre roten Kleider reißen sie kurz, so kann man ihre unrasierten Körper besser sehen. Die Präsenz wird schnell noch gepostet, bevor man wieder einem Bambusrohr oder der Schere ausweicht. Wir werden zur Masse, die unspezifisch attackiert, aber nicht adressiert wird; die wie ein fluides Gebilde ausweicht, vordringt und muskelartige Reaktionen auf ein unbegreifliches Streit-Szenario abgibt. Eine mal ratlose, meist euphorische Stimmung legt sich über das Geschehen, als die Performerinnen verschwunden sind. Wir riechen nach Fisch und starren auf Rogen.

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New Noveta, Sandy Brown. Instagram, Screenshot / © Sandy Brown

Eine immersive Widerständigkeit begegnet mir auch am nächsten Tag noch, sogar nach dem eher wohligen Gespräch von Hans Ulrich Obrist mit Hans-Peter Feldmann in der C/O. Dieser hatte sich in den 80ern aus der Kunst zurückgezogen, um Trödelhandel zu betreiben. Denn was seine Kunst ausmache, das habe niemand verstanden, und warum er reproduzierbare Bilder signieren und limitieren sollte, das wiederum habe er nicht verstanden. Als ich die Galerie Eden Eden betrete, erinnert mich eine Notiz daran, dass ich mich auf eigene Gefahr in Steven G. Rhodes’ Installation bewege. Ich gehe durch den Plastikplanenschlitz hinein und werde vom Bild eines gemalten Hamburgers mit der Aufschrift „Go away“ empfangen. Apokalyptische Absurdität dringt aus allen Poren der Galerie, dunkel und wüst zur Gesamtinstallation verbaut. Auf vibrierenden Metallplatten zittern Pillen und Spielzeugfiguren entlang, eine Säule zersägter Puppenteile türmt sich vor mir auf, wilde Raumpläne, übermalte Schilder, morsches Holz. Das Material schreit. Stiller schlängelt man sich durch die prominente Dépendance hindurch: In die einmaligen Räume von Isabella Bortolozzi schmiegen sich kasernenhafte Bettgestelle und schwere, schichtweise geschwärzte Flaggen, die einem so lange den Weg versperren, bis man im letzten Raum nichts als einer weißen Flagge gegenübersteht, die faltig das Fenster verhängt.

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Stephen G. Rhodes, Eden Eden. Instagram, Screenshot / © Gallery Weekend Berlin

Als der Tag zu Ende geht, tobt andernorts das Myfest. Ich wandle durch das zarte Grün des nun warmen ersten Mais und kann nicht fassen, wie ich ob dieser Sanftheit Stress im Herzen tragen konnte. Nur wer war bei der Party im Funkhaus, wer bei welchem Dinner dabei und wo wusste wer von den Events, die man closed nennen kann? Ich stelle mir die Frage, ob ich auch wirklich mitgemacht habe. Der Abend soll in der FOMO-Station im Hof bei Supportico Lopez ausklingen, wo mir ein Mann im kaum zugeknöpften weißen Hemd Bier anbietet; ich fühle mich doch noch zum nächsten Event getrieben. Oberflächen und Optimierungsprogramme, wie in den KW, der Future Gallery oder den effizienzsteigernden Entspannungstaktiken von Ed Fornieles mögen in der Kunst wie in deren Rezeption zu den großen Themen des Gallery Weekends gehört haben. Doch erst die fühlbaren Widerstände von Räumen, Publikum oder einfach meines Geschmacks, mal absurd die Räume von Eden Eden sprengend, mal überdeutlich fischigem Geschrei ausweichend oder etwas subtiler an den schweren Flaggen von Oscar Murillo hängend, waren in der Lage, meinen Sog des Sehenwollens zu unterbrechen.

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Text: Agnieszka Roguski