Observing the Observer. Über Wolfgang Tillmans – Carina Bukuts

Der Raum ist gefüllt mit Rechtecken. Sie haben nebeneinander Platz genommen wie Gemälde einer Petersburger Hängung. Doch die geometrischen Formen bilden nichts ab außer sich selbst. In dieser Komposition wurden sie in Form eines Bildes festgehalten, gleichwohl sie gar keine Bilder sind. Sie sind Silhouetten, die sich vorübergehend in diesem Raum versammelt haben. Sie werden wiederkommen, doch nie in der Form, die sie in diesem Augenblick angenommen haben. Der Raum ist gefüllt mit Licht. Die Räume sind gefüllt mit Rechtecken. Einige umarmen einander, sodass sie als Einheit empfunden werden. Andere scheinen gerade in ihrer Distanz eine Liaison einzugehen. Während manche geschützt hinter Glas liegen, haften mehrere von ihnen direkt auf der Wandoberfläche. In diesen Kompositionen werden sie in Form einer Ausstellung festgehalten. Sie sind Bilder, die sich vorübergehend in diesen Räumen versammeln. Die Fondation Beyeler ist gefüllt mit Wolfgang Tillmans.

“Filled with Light” ist eine Serie, in der Wolfgang Tillmans sein Londoner Studio im Licht der Straßenlaternen fotografierte. Der ganze Raum ist in ein warmes Gelb getaucht und an den leeren Wänden hängen anstelle von Prints nun Reflexionen. Sie stammen von den großen Fenstern, durch die das Licht seinen Weg in den Raum gefunden hat. Sie sind der Auslöser dieser Bilder. Der Titel der Serie lässt sich aber nicht nur auf die Situation in seinem Studio beziehen, sondern beschreibt in drei Worten, was Fotografie im Grunde genommen ist: ein Verfahren, in welchem ein leeres Medium mit Licht gefüllt wird. Folglich produzierte Tillmans mit diesen Bildern ein Zeugnis des eigenen künstlerischen Verfahrens. In gleicher Weise wie das leere Studio mit Licht gefüllt wird, füllt Wolfgang Tillmans den leeren Film seiner Kamera.

In der großen Retrospektive, die die Fondation Beyeler dem Künstler gewidmet hat, hängt ein Abzug von „Filled with Light“. Das Museum, noch immer von der Hand des Bildungsbürgertums umklammert, ist noch lange nicht der weltoffene Ort, für den es sich ausgibt. Mit dem Seerosenteich, den vielen Bäumen und der Aussicht auf die Landschaft Riehens, vergisst der Besucher beinahe, wo er steht. In dem wunderschönen Gebäude der Fondation Beyeler, entworfen von Renzo scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Keine Spur von Rechtspopulisten, die in der Schweiz mit 29,4 % die stärkste Fraktion im Nationalrat bilden. Doch Tillmans setzt in der Ausstellung kleine Markierungen, die den Besucher an die politische Realität erinnern. Die erhobenen Hand eines Afroamerikaners. Eine Geste des Protests gegen rassistische Polizeigewalt. Tillmans fotografierte dieses Bild auf einer „Black Lives Matter“-Demonstration in New York. Dieses Foto schmückte auch eine Seite im ZEITmagazin vom 2. Juni 2017. Das Charakteristikum von Wolfgang Tillmans Fotografien zeigt sich in der Form ihrer Distribution. Schon viele Autoren attestierten ihm die Fähigkeit, dass seine Arbeiten auf dem flattrigen Papier eines Magazins genauso überzeugen wie als Hochglanzdruck im Museum. Doch was verbirgt sich hinter diesem Vermögen? Es ist der Wille zum Teilen.

Besucht man die Website von Wolfgang Tillmans findet sich dort eine ganze Rubrik, in der man seine Kataloge als PDF herunterladen kann. In einer anderen lassen sich Installationsansichten der letzten zehn Jahren durchstöbern. Während viele Künstlerkollegen von ihm auf eine eigene Internetpräsenz verzichten und die Galerien für sie sprechen lassen, zeigt Tillmans sich transparent. So liest sich auch sein Instagram-Profil wie ein visuelles Tagebuch: Ein Foto von buntem Plastikbesteck auf einem Holztisch. Ein blauer Löffel, eine rosa Gabel, daneben eine Mixtur aus beidem. „The globalised urban elites push further to dissolve god-given divisions between races, sexes, even things! A spoork? A foroon? What if everybody wanted to be like that?“ steht im Kommentarfeld darunter. Tillmans findet in alltäglichen, nahezu banalen Gegenständen Metaphern für die Identitätspolitiken, die heute unsere Gesellschaft spalten.
Es ist eine Division, die er aufhalten möchte. Anstatt sich jedoch auf die Widerständigkeit der Kunst à la Rancière zu beziehen, begibt sich Tillmans in eine politische Praxis. 2016 initiierte er eine Plakatkampagne, die sich gegen den Austritt Großbritanniens aus der E.U. aussprach. 2017 entwirft er Plakate für die Bundestagswahl und möchte durch mehr Wahlbeteiligung das Erstarken der AfD verhindern. Die Kampagnen waren überall sichtbar: in Buchhandlungen, in Ausstellungshäusern, in Schaufenstern und in den sozialen Netzwerken. Doch die Hälfe der Briten entschieden sich gegen die Idee eines gemeinsames Europas. Am vergangenen Sonntag zieht die AfD mit 12,6 % als drittstärkste Fraktion in den Bundestag ein.

Was nun?

“I’m aware how my brain fails me.
I think I said something, but I hadn’t.
I
thought I saw something but I didn’t.
I believe you said this, but in fact you said that.
The eyes are optical ‘instruments’, by default they are impartial.
They project light, that falls through it’s lenses onto the retina.
I need to know what the brain does to what my eyes see.
To observe what do I want to see.
What do I really see
What do I see, and what do I want to see.
What is on the picture?
What is in the room, on the walls? And what does the visitor see,
what does she want to see?
What do I need her for to complete the picture?
This sounds like a flaw, an exception.
But different people see different things in the same picture.
I play surprised, but should really take that as the normal.
And then discuss this.
We need to discuss the fact that humans seem to function like this.
Not discuss the opposing views and records,
but let’s discuss the very fact, that same and similar humans
come to such different conclusions.
For that we need humility.
Progress can only begin when I start to accept
that all humans are born equal.
When I start observing how I observe.
I need to observe, not just talk and shout.
Careful observation, with the openness
to change my mind, when results differ from my preconceived ideas.
Allow evidence.
That is what my work is about.”*

Wolfgang Tillmans zeigt uns mit seinen Fotografien – seien sie in Museen, in Magazinen, in Zeitungen, auf Instagram und als Kampagnenplakat – einen ganz persönlichen Blick auf die Welt. Einen Blick, der Schwäche in gleicher Weise respektiert wie Stärke.
Fotografieren bedeutet bei Tillmans nicht nur, dass man sich in ein Verhältnis zur Welt setzt, wie es Susan Sontag formulierte, sondern den Betrachter in dieses Verhältnis miteinbeziehen. Dieser sieht dann mit den Augen eines Mannes, der sein Heimatland noch als geteiltes Land kennt. Der einen Tag vor dem Mauerfall Berlin verlassen hat. Der in den 1990er Jahren miterlebt hat wie Techno zum Inbegriff von Selbstbestimmtheit wird. Eine Zeit, in der die Kopenhagener Kriterien festgelegt worden sind, die Demokratie, Freiheit und Menschenrechte als die Grundwerte der Europäischen Union definierten. Es ist die Perspektive dieses Mannes, die der Betrachter einnimmt, wenn er Bilder von Wolfang Tillmans anschaut. Folglich liegt der wahre Mut seiner Fotografie nicht in der hierarchielosen Bilderpräsentation oder dem Changieren zwischen abstrakt und figurativ, sondern indem Tillmans öffentlich zeigt, was ihm am Herzen liegt. Dies können seine engsten Freunde sein, die Schönheit von einfachem Fotopapier, die Freiheit seine Sexualität ausleben zu können, das Brechen der Wellen am Meer oder die Zukunft – sei es die eines Landes oder einer ganzen Union. Die Kraft dieser Bilder liegt in ihrer Verwundbarkeit. „Only the brave show what they love.“**

Text: Carina Bukuts

 

*Entnommen aus dem Künstlergespräch zwischen Wolfgang Tillmans und Theodora Vischer in der Fondation Beyeler am 7. September 2017.
** Wolfgang Tillmans im Gespräch mit Bob Nickas, Interview Magazine, 9. Dezember 2011.