Okka-Esther Hungerbühler

Ein leises, melodisches Summen durchdringt den Raum, es stammt von einer am Boden liegenden Kokosnuss, die sich im Takt einer summenden Mädchenstimme wiegt. Ob Mädchen in der Kokosnuss (2014) oder die Arbeit Blume (2014), dessen weiße Federblütenblätter zu atmen scheinen, generiert Okka -Esther Hungerbühler in ihren Arbeiten einen feinen Mikrokosmus, in welchem die Objekte ihr Betrachtet werden immer schon mitzudenken scheinen. Die Blütenblätter öffnen sich zum Beispiel nur dem, welcher durch eine im inneren der Blume integrierten Kamera als ruhiger Besucher wahrgenommen wird und verschließt sich schreckhaft sobald andere Personen in ihre Nähe treten.

M.D.:
Wirst du oft gefragt, warum du malst und was für dich Malerei ist?

Okka – Esther Hungerbühler:
Ja. Neulich wollte ein Sammler drei meiner Bilder kaufen. Er hat meine Arbeiten gesehen und mich gefragt, was für mich Malerei ist und warum ich male. Ich habe ihm gesagt, dass ich darüber nicht reden will, wie man eben darüber so redet. Ich habe keine Angst vor der Malerei oder den Referenzen, die das Medium beeinhaltet. Ich verwende es, weil ich damit so direkt arbeiten kann, weil es für mich die direkteste Übersetzung von Gedanken ist.

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O.T. 2014 Öl/Akryl auf Leinwand 100×120 cm

MD: Du denkst in Bildern, im Medium Malerei?

OH: Ja!

MD: Was interessiert dich im Skulpturalen?

OH: Es ist vielleicht auch ein Aspekt der Malerei, aber Skulptur kann sich viel stärker in sich ballen und konzentrieren und dann total stimmen. Es ist dann eine Kraft, die dir entgegen kommt. Bei der Malerei ist es möglich kleinere Geschichten zu erzählen. Diese können dabei fast wörtlich gemeint sein.

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Mond und Meteroiten, 110cm / 100 cm

MD: Hast du das Gefühl dich verorten zu müssen, dich von spezifischen kunsthistorischen Positionen abzugrenzen?

OH: Ja, aber liebevoll, da ist dann keine Angst davor mich in Referenz zu einer anderen – historischen Position- zu setzen. Zum Beispiel die Arbeiten von Piet Mondrian, die kenne ich schon ganz lange, das hat dann vielleicht etwas damit zu tun, was ich mache, aber ich würde das nicht als Erklärung verwenden.

MD: Gibt es Kunstwerke an die du dich erinnerst? Arbeiten die schon immer da waren, die einen als Kind beeindruckt haben? Es gibt zum Beispiel eine Zeichnung von Rodin die präsent ist, wenn ich zurück denke, die schon immer und ganz am Anfang da war. Die ich als Kunst wahrgenommen habe.

OH: Ja, ich habe eine sehr starke und lebendige Erinnerung daran, wie ich mit etwa 8, 9 Jahren zum ersten Mal eine Abbildung der Felltasse von Meret Oppenheim gesehen habe. Meine Mutter hat sie mir gezeigt, sie zeigte auf eine Abbildung und sagte: „Und das, das ist die Felltasse“. Deswegen studiere ich vielleicht auch Kunst, ich habe das sofort als Kunst begriffen. Ich dachte „Woah, das ist ein Kunstwerk und das ist richtig krass.“ Ich fand es alles gleichzeitig: lustig, auch außerirdisch, sinnlos und sinnlich, ästhetisch.

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Gans, 2013, Klebefolie, Zeitungspapier, Holz, Kamera, 97x47x90 cm

Diese Gans ist ein Roboter. Sie hat eine kaum sichtbare Kamera im Kopf, welche per Gesichtserkennung nach Gesichtern sucht. Sie bewegt den Kopf, schaut durch den Raum und wenn sie ein Gesicht sieht, schaut sie es an und folgt ihm mit ihrem Blick. Gelegentlich macht sie auch Fotos.

MD: Deine kindliche Erfahrung, das Objekt als Kunstwerk wahrzunehmen, widerspricht eigentlich dem Gedanken, dass die Unterscheidung Gebrauchsgegenstände – allgemein Gegenstände – von einem Objekt der Kunst zu unterscheiden eine anerzogene Fähigkeit ist. Etwas sozialisiertes. Dass du der Felltasse etwas zuschreibst, was über das „Ding“ hinaus geht.

OH: Man weiss das. Meine Mutter hat mal Richard II. von Shakespeare gespielt. Da war ich 6 oder so, also noch länger her. Sie hat sich damals überlegt, dass sie aus Drahtkleiderbügeln auf der Bühne Kronen basteln will. Irgendwann gab es wahnsinnig viele Kronen auf der Bühne, die hat sie sich auf den Kopf gesetzt. Es ist das einzige woran ich mich in dem Stück erinnere, aber ich weiss wie toll ich das fand, diese Umwandlung von Kleiderbügeln in Kronen. Ich glaube schon, dass ich das damals schon wusste; das ist gut, das ist Kunst.

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Blume, 2014, Klebefolie, Federn, Holz, Kamera, Akryl, 120x40x40 cm

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Blume, 2014, Klebefolie, Federn, Holz, Kamera, Akryl, 120x40x40 cm

Diese Blume ist ebenfalls ein Roboter. Sie hat eine integrierte Kamera und öffnet sich, wenn nur eine Person über einen gewissen Zeitraum vor ihr steht. Sieht sie mehrere Personen, schliesst sie sich sehr schnell wieder, beziehungsweise bleibt geschlossen. Kommt die einzelne Person mit ihrem Gesicht zu schnell auf die Blume zu, schliesst sie sich ebenfalls schnell wieder und zuckt verschreckt zusammen. Die ganze Zeit über macht die Blume leichte Atembewegungen mit Ihren Blütenblättern.

MD: Ist das eine Erfahrung, die du oft hier in Berlin machst?

OH: Nein, nicht sehr oft. Ich bin oft mit Leuten konfrontiert, die wie blockiert sind.
Sie wissen nicht, was sie machen und was sie machen sollen. Sie überlegen überhaupt erst was sie machen sollten.

MD: Ist für dich der Grad von Freiheit den man hat ein Faktor für gute künstlerische Produktion? Deine Arbeiten empfinde ich als befreit. Ohne Angst vor der kunsthistorischen Referenz, mit Vorsicht aber doch mit einem großen Grad von Freiheit.

OH: Ja, das schönste daran ist diese Freiheit. Das klingt komisch, aber das ist es wirklich.
Ich suche den Punkt wo ich am aller freiesten bin. Man ist immer eingeschränkt, man muss sich auch einschränken aber trotzdem ist es die Arbeit darin etwas offenes zu finden. Es ist auch nicht einfach frei zu sein. Man muss sich konzentrieren um frei zu sein.

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Mädchen in Kokosnuss, 2014

Diese Kokosnuss kann angeschaltet werden. Sie wiegt hin und her. Das Mädchen summt „hm hm hm, hm hm hm“.

Text: Maurin Dietrich
Fotos: Okka – Esther Hungerbühler