Pakui Hardware „Shapeshifter, Heartbreaker“

Der Kunstraum Jenifer Nails befindet sich in einer Einkaufspassage im Frankfurter Bahnhofsviertel, inmitten von bunten Schaufenstern voller Handys, winkenden Japankatzen und billigem Waschmittel. Nur wenige hundert Meter entfernt erheben sich die Bankentürme, die Frankfurt zum globalen Marktplatz gemacht haben. In diesem Magnetfeld, zwischen den immateriellem Finanzströmen und kapitalistischer Überproduktion, positioniert sich die Ausstellung „Shapeshifter, Heartbreaker“ von Pakui Hardware.
Die Künstler Ugnius Gelguda und Neringa Černiauskaitė, die hinter dem Label Pakui Hardware stehen, haben im Raum hinter der Vitrine eine runde Arbeitsplatte gestellt, deren Mitte ausgeschnitten ist. („Shapeshifter, Heartbreaker“, 2014). Drei Monitore stehen darauf. „Welcome to the post-office“, verkünden die Künstler im selbst verfassten Pressetext. Die Arbeitsfläche wirkt wie das reduzierte Modell eines Börsenarbeitsplatzes, der üblicherweise auf einem weit größeren Durchmesser eine Unmenge von Bildschirmen trägt. Doch anstelle von Finanzdaten zeigen die Bildschirme 3D-Grafiken von organischen Strukturen, die in hypnotischem Flow auseinander driften, um dann wieder zu verschmelzen. Die Ausstellung reagiert auf den nur wenige Wochen zurückliegenden Einbruch des US-amerikanischen Anleihenmarktes, bezeichnet als „Bond Market Flash Crash“ aufgrund von Ähnlichkeiten zu den berüchtigten Flash Crash des US-amerikanischen Aktienmarktes am 6. Mai 2010. Die Animationen visualisieren das auf Algorithmen basierende Datenmaterial von der Wall Street, das beim Absturz der Anleihen entstand. Wenn mathematische Größen in Formen und Farben umgerechnet werden, entstehen beeindruckende Bilder – wie diejenigen der Chaostheorie, die sich mit unvorhersehbaren dynamischen Systemen befasst. Pakui Hardware entscheidet sich für einen Übersetzungsprozess, der sich nicht bloß illustrativ zum Datenmaterial verhält. Form und Bewegung sind vielmehr eine bildliche Spekulation über das Digitale und darüber, wie dieses materialisiert aussehen, agieren, interagieren könnte. Hinzu kommt eine ästhetische Nähe der Grafiken zu Abbildungen von Strukturen der belebten und unbelebten Natur. In einer 2013 erschienenen Studie untersuchen zwei Wissenschaftler des Goldsmith’s Centre for Cultural Studies in London die von Aktienmärkten verwendete Algorithmen durch das Prisma eines „naturalistischen“ Verständnisses. Ähnlich dieser Studie scheint die Arbeit von Pakui Hardware von einem heterodoxen Wirtschaftsverständnis inspiriert zu sein, das ökonomische mit biologischen, chemischen und physikalischen Prozessen zusammenführt.
Die Monitore sind allerdings nach innen gerichtet und dadurch vom Besucher abgewandt. Auch besteht keinen Zugang zur Tischmitte, denn diese wird von einem mit feinem Kunststoffnetz versehenen Plexiglas umzäunt. Die Installation ist die Allegorie auf die heutige Finanzwelt, die zu einem geschlossenen System geworden ist, in dem Algorithmen ähnlich Bildschirmschonern pausenlos vor sich weitertreiben. Der Mensch ist indes nicht ganz verschwunden. Auf dem Tisch liegt ein Objekt, das wie ein zerknüllter Plastikbecher aussieht, aber, aus braunem Kunstleder angefertigt, an menschliche Haut erinnert – eine bizarre Bezugnahme auf die conditio humana in einer Welt „after nature“, wo der Mensch, nur auf Oberfläche reduziert, zum Einwegprodukt wird. Hier ist das Dasein des Menschen nicht mehr Notwendigkeit, sondern nur noch Möglichkeit.
Auf der Empore setzt Pakui Hardware diese Auseinandersetzung fort mit der 3D-Grafik eines Menschen, der immer schneller blinzelt („In the Blink of an Eye“, 2014). Während das englische Idiom im Titel für die denkbar kürzeste Zeitspanne steht, ist Blinzeln im Verhältnis zu den Finanzalgorithmen geradezu lächerlich langsam. Allerdings ist es heute durch Einsatz von Elektroden möglich, die Lidbewegungen zu beschleunigen, um ohne zusätzliche technische Ausrüstung stereoskopisches Sehen zu ermöglichen. Ähnlich optimiert wirkt der Mensch in der 3D-Grafik von Pakui Hardware und erzeugt damit ein absurdes Bild von der Zukunft. Ebenfalls auf der Empore stehen aus Karbon angefertigte Beinprothesen („The Metaphyics of the Runner“, 2014). Aufgrund seiner Leichtigkeit und Festigkeit wird Karbon für High-Speed-Objekte verwendet.
Alle diese Objekte stellen sich als spekulative Produkte einer auf technologischer Innovation sowie Profitmaximierung basierenden Logik dar. Zugleich thematisieren sie Geschwindigkeit – eine physikalische Größe, die zur notwendigen Bedingung wirtschaftlichen Aufschwungs geworden ist. Im Werk des französischen Philosophen Paul Virilio nimmt die Geschwindigkeit in der heutigen Gesellschaft eine zentrale Stellung ein. In seinem 2012 erschienenen Buch „Der große Beschleuniger“ nimmt er das high-frequency trading (HFT) in der Börsenwelt ins Visier – ein auf autonom ausgeführten Finanzalgorithmen beruhender Handel, der von Hochleistungsrechnern ausgeführt wird und sich in Nanosekunden vollzieht. Für Virilio sind diese maschinengesteuerten Prozesse die Ursache für den Verlust des Vertrauens in die Ökonomie und der Grund für eine andauernde Krise. Mit demselben Phänomen setzt sich auch das vor wenigen Monaten erschienene Buch „Flash Boys“ des Wall-Street-Kritikers Michael Lewis auseinander. Das Werk eröffnete eine Kontroverse darüber, inwieweit HFT die Finanzmärkte manipuliert. Lewis interessiert die genaue Rekonstruktion der kaum bekannten personellen und technischen Grundlagen des HFT. Dabei zeigt das Buch eindrücklich, dass die Finanzmärkte auf hochmoderne Infrastrukturen angewiesen sind: Zu einem gewährleisten Glasfiberkabel, die durch private Grundstücke und Gebirge getrieben werden, den notwendigen ultraschnellen Datentransfer für die regulären Trades. Zum anderen verschafft die physische Nähe tausender eigener Computer den „flash boys“ an den Börsen einen zeitlichen Vorsprung, der es ihnen ermöglicht, Informationen früher als andere zu erhalten und für den eigenen Profit zu verwerten. Menschen spielen hier keine Rolle mehr.
HFT gilt als einer der Gründe für die Flash Crashs von 2010 und 2014, auf die sich Pakui Hardware bezieht. Doch statt apokalyptische Szenarien zu phantasieren oder den Verlust des Menschen in einer digitalen Welt zu betrauern, sieht sich Pakui Hardware als Teil einer solchen Welt und konstruieren ihre eigenen Infrastrukturen und Menschen. Wenn Pakui Hardware seine Arbeit als „high-speed and brand politics as mythic semio-commodity as well as the desire to transcend the material limitations“ bezeichnen (Pressetext), so ist dies nicht als uneingelöstes Versprechen zu verstehen, sondern als zukunftsweisende Vision darüber, wie die Kunst über die Materialität des High-Tech-Kapitalismus spekulieren kann.

Text: Viktoria Draganova

[1] Inigo Wilkins & Bogdan Dragos: „Destructive Destruction? An Ecological Study of High Frequency Trading“ (22. Januar 2013), http://www.metamute.org/editorial/articles/destructive-destruction-ecological-study-high-frequency-trading

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SHAPESHIFTER, HEARTBREAKER, 2014 3D motion graphics, stock data from Bond Market Flash Crash (16/10/2014), 3 TV monitors, acrylic glass, plastic net, artificial leather cup, MDF

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OBJECT I, 2014 artificial leather

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THE METAPHYICS OF THE RUNNER, 2014 resin, carbon sheet

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IN THE BLINK OF AN EYE, 2014 3D motion graphics, TV monitor

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OBJECT III, 2014 plastic foil (Vagner SDH Electric)

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