Phyllida Barlow, „Demo“ – eine Rezension von Laura Wurth

„All our lives are about constantly losing. The moment is always disappearing, like sand between our fingers. So what is it, we are actually left with?“ (Phyllida Barlow)

Nach dem Abbau der Manifesta11 sind die Räume der Kunsthalle Zürich wieder frei und stellen sich der nächsten großen Herausforderung. In den Hallen auf dem Löwenbräu Areal liegt an mancher Stelle noch ein leichter Fäkalgeruch in der Luft, der vielleicht an Mike Bouchets Manifesta Beitrag „The Zurich Load“ erinnert. Sonst sind keine Spuren hinterlassen worden. Es ist Ruhe eingekehrt, so zumindest scheint es bei meinem Besuch. Einsam tröpfeln ein paar Besucher durch den Abenteuerspielplatz den Barlow in die Räume im zweiten Stock eingepasst hat. Nicht zuletzt kann das dem goldenen Herbsttag geschuldet sein, der sich draußen emsig bemüht jedem der sich in geschlossenen Räumen aufhält ein latent schlechtes Gewissen, dem eigenen Vitamin D Haushalt gegenüber zu bereiten.

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Dennoch hat man einen sehr guten Grund sich in der Kunsthalle und nicht am Zürichsee aufzuhalten. Der gute Grund, sich dem Glanz der Sonne zu entziehen und die vornehme Blässe zu kultivieren, ist Phyllida Barlow, oder vielmehr ihre Ausstellung „Demo“. Barlow, Jahrgang 1944, war lange Jahre als Professorin an der Slade School of fine Art in London tätig, wo sie unter Anderem auch selbst studierte. Auch wenn viele heute namenhafte Künstler wie Martin Creed, oder Douglas Gordon, durch ihre Klassen gegangen sind, fand ihre eigene künstlerische Arbeit im öffentlichen Diskurs kaum statt. Sie wurde weder gesammelt noch nennenswert ausgestellt. Erst vor circa zehn Jahren änderte sich das.
Ihren Arbeiten haftete vormals, wohl den Materialien geschuldet, ein ephemerer Charakter an – Pappe verträgt sich nicht sonderlich gut mit Regen. Hat sie ihre Skulpturen früher in Ermangelung anderer Ausstellungsmöglichkeiten, in Bauruinen und auf offener Straße aufgebaut und dann der Witterung ausgesetzt, so wird sie heute vom Galerieriesen Hauser & Wirth vertreten und hat in der Tate Britain ausgestellt. Den Höhepunkt ihrer späten Karriere markiert sicherlich die Gestaltung des Britischen Pavillons auf der kommenden Venedig Biennale.

Trotzdem macht sie ihre Skulpturen oftmals nicht haltbar, baut sie nach einer Ausstellung wieder ab und recycelt das Material. Das ist keine rein konzeptionelle Entscheidung, sondern vielmehr eine praktische. Es geht um Lagerplatz und Lagerkosten. So wird auch die Skulptur aus dem zweiten Stock der Kunsthalle nach Ende der Ausstellung in Zürich entsorgt und stellt gerade deshalb die Frage nach der Möglichkeit des Konservierens. Der von ihr verwendete Bauschaum und der Gitterdraht, das Isolationsmaterial und das Pappmaché verbreiten eine fast filigrane Leichtigkeit, eine Flüchtigkeit, die sich nicht nur aus der nahenden Zerstörung des Materials speist, sondern auch aus der Materialität selbst. All diese Rohstoffe sind nicht dazu da autonom zu existieren. Sie sind da um verbaut zu werden und so Teil von etwas größerem zu werden. Die Dekonstruktion und das Sichtbarmachen dieser sonst im Verborgenen existierenden Baustoffe betonen den vergänglichen Charakter der Barlows Schaffen innewohnt und eine Parabel über Zeit und ihr Vergehen eröffnet.

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Es braucht ein wenig bis man sich auf diese raum–hohe skulpturale Intervention einlassen kann, die im ersten Teil der Ausstellung zu sehen ist. Vierkanthölzer ragen bis zur Decke sind durchbrochen von Seilen und Drähten bilden Plattformen verschlingen sich wieder um sich auf einem Areal aus Leichtmetall wieder zu treffen. Die Pfähle erinnern an Sumpflandschaften, man wird eingesogen in Barlows Skulptur und doch bleibt es durch die Blickrichtung zur Decke immer leicht und luftig. Das mystische eines Sumpfes gepaart mit der Leichtigkeit eines Abenteuerspielplatzes auf dem man sich ausprobieren kann. In der Höhe kann man die eigentlichen Skulpturen ausmachen, die manchmal entfernt an ein riesiges Hornissennest erinnern und manchmal eindeutig als Klavier zu erkennen sind. Man bleibt nicht vor den Skulpturen stehen, man geht auch nicht um sie herum. Man wird zum Teilnehmer. Die profanen Materialien bauen die Hemmung ab auch mal ein Vierkantholz beim Hindurchirren mit der Jacke zu streifen und lassen so einen unbedarften Umgang mit der Kunst zu. Leichtfüßig verbindet sich der Bauschaum mit dem Draht mit der Dämmplatte. Es gleicht dem Lustwandeln, wenn man sich spielerisch durch die Arbeit bewegt und mal hier, mal da in dem Dickicht aufschaut. Barlows Arbeit zeichnet sich durch eine gewollte Unfertigkeit aus, so eröffnen sich Freiräume die den besonderen Reiz ihrer Gebilde ausmachen. „Manchmal denken wir alles zu sehen dabei haben wir den Überblick bereits verloren“ schreibt Daniel Baumann, Direktor der Kunstahlle und Kurator im Vorwort der begleitenden Broschüre und er könnte nicht richtiger liegen. Über drei hintereinander liegende Räume erstreckt sich das Dickicht, das die Architektur, aber auch die Wahrnehmung von Skulptur, herausfordert. Deswegen auch der Titel der Ausstellung: „Demo“, wie Demonstration, wie Demolieren.

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Nachdem man sich durch den Dschungel der drei Räume gearbeitet hat geht man über den Notausgang in das darüber liegende Stockwerk der Kunsthalle.
Dort eröffnet sich Brachland. Irritiert blickt man sich um. Wo ist denn nun die Kunst? Waren die Räume, die man zuvor gesehen hat geradezu vollgepackt, wird man hier mit der Nichtanwesenheit von Material konfrontiert. Eine große leicht erhöhte Plattform, über eine kleine Treppe zu besteigen, dominiert den Raum. Links und rechts sind mit Spanplatten zugehämmerte Türöffnungen zu erkennen. In der Wand hinter der Plattform sind zylinderförmige Löcher in der Wand auszumachen und so wagt man sich auf die kleine Treppe die auf die Plattform führt. Die Spanplatten knarzen bedenklich. Man schaut durch die Gucklöcher und kann einen Blick in den dahinterliegenden Raum erhaschen. Der Winkel ist durch die Löcher immer vorgegeben, immer beschränkt. Nie kann man den dahinter liegenden Raum vollständig fassen, oder begreifen. Es liegen Baumaterialien, Kanister, zerstörte Wandelemente auf dem Boden. Sie wirken gleichzeitig wahllos verstreut und zielsicher drapiert. Das pink der Dämmwolle an den dahinterliegenden Wänden dominiert die Farbigkeit des Raumes. Man kann aus den wenigen Puzzleteilen, die Barlow einem an die Hand gibt ein komplettes Bild zusammenbauen. Trotzdem mangelt es diesem Bild an Vollständigkeit. Es beruht auf Vermutungen und Erfahrung, nicht auf tatsächlich Gesehenem.
Während der Dauer der Ausstellung werden die dahinterliegenden Wände aufgrund von Umbauarbeiten eingerissen und so wird auch die Skulptur in diesen Bauprozess eingebunden sein. Manchmal wird sie mit Staub bedeckt sein, manchmal wird man Arbeiter sehen und am Ende der Ausstellung wird sie entsorgt. Sie ist ebenso flüchtig wie Barlows frühere Arbeiten. Ein Verweis auf die Unmöglichkeit den Moment zu definieren, oder festzuhalten. Genau wie dem Moment selbst wohnt der Skulptur Barlows das absolut Vergängliche inne. Die Beschwingtheit, die den Besucher noch im ersten Teil der Ausstellung erfasste wird auf die Probe gestellt. Man sieht sich konfrontiert mit der logischen Fortsetzung der ersten Skulptur. Hat vorher der Überfluss dominiert wird nun aufgeräumt. So sind Barlows Skulpturen ein spielerischer Verweis auf Zeit und Vergänglichkeit und die Unmöglichkeit den Moment zu konservieren ohne ihn Erstarren zu lassen.

Text: Laura Wurth

 

Bildunterschriften: Installationsansicht Phyllida Barlow, demo, Kunsthalle Zürich, 2016. Foto: Annik Wetter

 

Kunsthalle Zürich
Phyllida Barlow
„Demo“
(29.10.2016 – 19.02.2017)
Limmatstraße 270
8005 Zürich