Please touch! – Ein Rückblick von Leonie Pfennig

Mary-Audrey Ramirez’ menschliche Tierwesen und wo sie zu finden sind.

Scrolling & Crying heißt die aktuelle Ausstellung von Mary-Audrey Ramirez bei Martinetz in Köln – scrollen und weinen, mit dem iPhone unter der Bettdecke. Etwas, das wahrscheinlich jeder kennt, aber niemand zugeben möchte. Scrollend und weinend liegt auch das Mädchen im Bett, deren Bild sie auf ein weißes Sweatshirt gestickt hat. Mit Laptop und Handy, der Kopf brummt, denn Ramirez hat einen kleinen Handy-Vibrator in den Stoff eingenäht, genau an der Stelle ihres leeren Gesichts. Das Handy ist das letzte, was wir abends sehen und berühren, und das erste beim Aufwachen, da es längst den Wecker ersetzt. Nachts wird es an den Strom gehängt, um wieder neue Energie zu laden, genau wie wir. Und wehe, es funktioniert einmal nicht oder versagt gar den Dienst. „Wir stellen einen enorm hohen Druck an die Technik, versagen ist immer gleich schlecht“, sagt Ramirez, „das gibt es in der Natur nicht.“


Irgendwo zwischen Technik und Natur bewegen sich auch die Tiere, die Mary-Audrey Ramirez zum Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit macht. „Mich interessiert dieser Zwischenraum, in dem wir uns aktuell bewegen“, sagt die Künstlerin. „Nach der industriellen Revolution kam eine Trennung vom Maschinellen und der Natur. Wir können gar nicht mehr zurück zur Natur, in eine vorindustrielle Zeit, aber die Technik ist längst nicht so weit entwickelt, dass wir uns nur dem anpassen könnten“. So konfrontiert sie uns mit lebensgroßen ausgestopften Tieren, die aber nicht fluffig und süß erscheinen mit ihrer farbbesprühten Stoffhaut und den Kleberesten, die aus den Nähten herausquillen und wie Tränen aus den Augen rinnen, sondern ganz normal, im positiven Sinne, wie ebenbürtige Gegenüber. Individuen, die eigene Lebensgeschichten erzählen, wie Jos der Tapir, der alleinerziehende Vater, dem das Junge auf dem Kopf herumtrampelt. Du bist nicht allein, scheint er zu sagen. Manche Tiere möchte man liebhaben und in den Arm nehmen, wie das kleine Lamm, dem die Künstlerin rechts und links einen Handschuh zum reinschlüpfen verpasst hat, damit der bedürftige Großstädter sich ein Stück Nähe abholen kann. Oder die kleine Ameise, der man mit Hilfe eines Federpuschels die Nase putzen kann. Deren Genossin Kylie, deren Körper nur aus weißen Federn besteht, auf denen sie langsam vibrierend über den Boden schwebt, kann – wie ihr Titel verrät – auch gleich als ASMR-Werkzeug verwendet werden (und damit Teil eines Youtube-Phänomens werden: unter dem Stichwort ASMR finden sich Millionen Videos, in denen Menschen flüsternd banale Dinge beschreiben oder Geschichten erzählen und mit weichen Gegenständen wie Federn oder Pinseln über alle mögliche Oberflächen streicheln, das löst anscheinend bei einer großen Zahl an Fans die totale Entspannung und Kopfhaut-Kribbeln aus).

Die Niedlichkeit und Wärme, die von den Tieren im ersten Moment ausgeht, wird immer wieder gebrochen, wie beim tröstenden Specht mit seinen angenähten Tragegurten, der nur darauf wartet, dass ihn sich jemand als Baby-Ersatz vor den Bauch schnallt. Dann allerdings sitzt sein Schnabel direkt auf Höhe des Herzen, also doch besser drauf verzichten? Das Niedliche als Lockmittel entnimmt Mary-Audrey Ramirez den Videospielen, mit denen sie schon immer und immer noch viel Zeit verbringt. In denen haben die weiblichen Protagonistinnen immer eine süße, nette Fassade, doch eigentlich haben sie es faustdick hinter den Ohren, hinter all der Sweetness verbirgt sich stets auch eine düstere Seite. Die Games-Ästhetik packt sie auch in die Sweatshirt-Kollektion, die in der Ausstellung auf Kleiderbügeln wie in einem Shop präsentiert wird. Mit der Nähmaschine „kritzelt“ sie Formen auf den Stoff, bis daraus Muster oder Figuren entstehen, wie wenn man in Wolken Bilder erkennt, ein umgedrehter Vorgang als das Zeichnen also. Das ist zwar wieder so ein niedlicher Vergleich, und dann auch noch auf rosa Jersey, doch die Stickereien, die auf dem Stoff entstehen, sind alles andere als süß – auf einem wird eine Frau, die auf einer Gottesanbeterin sitzt, vom Stromschlag getroffen, auf dem anderen kämpfen zwei nackte Frauenkörper mit Tierköpfen mit mittelalterlichen Fantasiewaffen, auf einem am Boden liegenden Pullover ist nur noch der Kopf eines explodierten Insekts übriggeblieben. Mode oder Kunst, Maschine oder Kleidungsstück? Was ist das und was soll ich damit machen? Diese Erwartungshaltung, die wir automatisch an alles stellen, versucht Mary-Audrey Ramirez bewusst zu enttäuschen. Es muss nicht immer alles funktionieren.

Text: Leonie Pfennig

 

 

 

 

 

Foto: Tamara Lorenz / MARTINETZ

 

MARTINETZ
Mary-Audrey Ramirez
Scrolling and crying
On view through May 6th 2017
Moltkestraße 81
50674 Köln

Upcoming

Kölnischer Kunstverein
Mary-Audrey Ramirez |
Aus- und Vortragen
Performatives Künstlergespräch zwischen Mary-Audrey Ramirez
und Vince Tillotson
17. Mai 2017, 19 Uhr

KAI 10
METAMORPHOSIS
Group show at KAI 10, Düsseldorf
Curated by Zdenek Felix
Exhibition opens: March 3rd
Until: 27th May 2017

CRINGE
Performance by Mary-Audrey Ramirez at Kai 10
May 11th 2017, 7 PM
https://www.facebook.com/events/1265528170232099/