Ralph Schuster – FRIZZANTE

  

bei Linn Lühn

„Bei einem Apéro am Gardasee erzählte mir ein befreundeter Journalist von Peter Sloterdijks Blasentheorie. Es war ein lauer Spätsommerabend, die Stimmung war gedämpft ausgelassen, wir trugen die Hemden halboffen. Kleine schwarze Insekten waren emsig in den Zwischenräumen der Handläufe des Bootes unterwegs. In regelmäßigen Abständen brachte uns ein rumänischer Kellner Crémant, Erdbeerparfait und andere Grüße aus der Küche. Sloterdijk habe eine Anthropologie des vergessenen, durch Technikprothesen ersetzten Sphärischen verfasst. Jeder Mensch lebe ihr zufolge in seiner intimen Blase und die Gesellschaft wäre ein schillernder Schaum, in dem jede Blase die andere bedingt.“

Ralph Schuster interessieren die zirkulierenden Aggregatzustände von Gefühlen im lauwarmen Klima der Moderne – beziehungsweise der Postmoderne, die Sloterdijk am liebsten zurückdrehen möchte. Er sammelt Erinnerungen an menschliche Interaktionen, Icons und Gesprächsfetzen und beobachtet dabei die Wogen, die sie auslösen: das Prickeln, dass sich seiner Natur gemäß verflüchtigen muss; den Schaum, der bleibt nach dem das Wasser zurückweicht, die Essenz im Bodensatz. Kreisend zeichnet er, überlagert Figuren, kondensiert seine Beobachtungen bis ein Motiv in das nächste übertropft – scheinbar aus einer Bewegung eingefroren, an die trägen Formen einer Lavalampe erinnernd. Was außen, was innen, was Hintergrund und Motiv ist, verraten seine Linien und flächigen Kompositionen oft nicht. Jede seiner Farbflächen bedingt gleichermaßen die Schichtungen aus Beizen und dünnen Acrylfarben und ist prinzipiell gleichbedeutend – sich auch immer verändernd mit dem, der schaut. Ohne die eine Fläche nicht die andere, Ying und Yang. 

Mit seinen Malereien auf Holzplatten folgt Schuster den „gefundenen“, assoziativ gewählten Formen der Tafeln – wie er aber auch den Bildraum nach dem Malen durch Abschneiden oder erneutes Ansetzen von Material den Bildern anpasst und überschreitet. Dabei kann der abgesägte Rest eines beschnittenen Bildes zu einem neuen Bild werden. In dieser mäandernden Praxis verschwimmen Positivform und Negativform, Werte sind nicht fest zugeschrieben und dürfen sich immer wieder verändern. Schusters neueste Arbeiten übertragen Zeichnungen aus seinen Büchern in großformatige Malereien auf Leinwand. Durch Reduktion oder Überlagerungen verdichtet und in ihren Dimensionen aufgeblasen halten sie eine diffuse Spannung, getaucht in die verwaschenen Farben des letzten Sommers. Schusters Malereien sind keine Fenster in die Welt, sie zeigen nicht mit großem Gestus. Sie sind Druckkammern, die Eindrücke und Erinnerungen komprimieren und dabei Versatzstücke alltäglichen Pops verquirlen: ein Badeanzug, Autos, Comic-Tiere und arabeske Formen, die aber auch an ein Nike-Logo erinnern können. Immer wieder greifen Hände ein. Die Figuren sind nur auf den ersten Blick niedlich und nett, sie verschließen sich auch hinter ihrer kühl-freundlichen Oberfläche vor dem Betrachter. Gleichermaßen sind sie Behälter für Farbe. Die Malereien lagern zwischen dem Figurativen und der Abstraktion wie Bilder auf der Retina. Sie wollen nichts bewerten, sondern zusehen, nachverfolgen, ein- und auftauchen.

Juliane Duft

@ralphs

Ralph Schuster
Frizzante
2018 September 8 – October 27
@
Linn Lühn
Birkenstrasse 43
40233 Düsseldorf