SEARCHING FOR DEVICES

SEARCHING FOR DEVICES 20.02. – 19.04.2015

Mikkel Carl
Martijn Hendriks
Angelika Loderer
Harry Sanderson
Daniel Stempfer

kuratiert von Gislind Köhler

Searching for Devices – ein allseits bekanntes Computervokabular für das Warten auf Verbindung zweier Geräte ist titelgebend für die von Gislind Köhler kuratierte Gruppenausstellung in der Produktions- und Ausstellungsplattform basis e.V. in Frankfurt am Main. Der Prozess, der abläuft, während wir entnervt auf den Monitor starren, bleibt unsichtbar – genauso wie die vielschichtigen Arbeitsschritte, die hinter den Werken der fünf gezeigten Künstler und Künstlerinnen stecken. Die Ausstellung befragt die verborgenen Systeme, mit denen sie operieren und die zu dem (zwischenzeitlichen) Resultat führen, das wir als Betrachter/innen im Ausstellungsraum zu sehen bekommen. Wie entwickelt sich eine Arbeit prozessual auch nach ihrer Fertigstellung weiter?

Es raucht, es qualmt, es dampft, es rieselt, es plätschert. Alles ist im Fluss und bietet uns einen flüchtigen Moment der Materialisierung, bevor es sich wieder transformiert oder gar zerfällt. Die Materialien wirken fragil und kurzlebig. Hinter ihrer Instabilität verbirgt sich allerdings ein langwieriger Prozess, ein (digitales) Netzwerk, eine komplexe Struktur.

So fängt Mikkel Carl (geboren 1976 in Kopenhagen/Dänemark, lebt und arbeitet in Kopenhagen) in seinen Metallmalereien die Spuren ein, die Schwefelsäure auf der Titanoberfläche (alte Macbooks, Titanplatten) hinterlässt, wenn sie an einen Stromkreislauf angeschlossen wird. Durch das Variieren der Voltzahl kann die Farbgebung leicht beeinflusst werden, die sich durch das Anodisieren auf dem Metall in einer Oxischicht einschreibt. Das letztendliche Bild kann jedoch nicht geplant werden. Diese Abgabe von Kontrolle gehört für Carl immer auch dazu. Zugleich verleiht er veralteter Technik in Form von ausrangierten Macbooks eine neue Ästhetik, hebt, auf Sockeln präsentiert, ihren Objektcharakter hervor und stilisiert und ironisiert den akzelerierenden Fortschritt der Technologie. Es erweckt den Anschein, als würde die den Geräten immanenten Systemstrukturen in Farbverläufen decodiert werden.

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Mikkel Carl

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Mikkel Carl

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Mikkel Carl

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Mikkel Carl

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Mikkel Carl

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Mikkel Carl

Einen Raum weiter versprüht ein Zerstäuber das nikotinhaltige E-Zigaretten-Liquid. Ab und an werden aus dem entstehenden Dampf mit paffendem Sound perfekt geformte Rauchringe ausgespuckt. An den Wänden finden sich Drucke auf Lack-Partikelfiltern, die Statistiken zum Rauchverhalten blinder Menschen visualisieren. Daniel Stempfer (geboren 1985 in Braunau/Österreich, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main) legt in seiner mehrteiligen Arbeit die Strategien der Tabakindustrie offen und untersucht, inwiefern der visuelle Reiz beim Zigarettengenuss eine Rolle spielt. Stark vergrößert bildet er in Drucken auf Luftfiltern Verfärbungen der Faserstruktur von Filtern der ersten Generation dreier Zigarettenmarken ab und verweist damit auf die Einführung von Filterzigaretten in den 50er Jahren, nachdem durch steigende Krebserkrankungen Misstrauen und Gesundheitsbewusstsein bei Rauchern und Raucherinnen gleichermaßen zunahmen. Die E-Zigarette der letzten Jahre hat die Filterzigarette in ihrer „Ich rauche, aber bewusst!“-Haltung abgelöst.

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Daniel Stempfer

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Daniel Stempfer

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Daniel Stempfer

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Daniel Stempfer

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Daniel Stempfer

Im Zusammenspiel mit einfachen Materialien wie Spültüchern, Gips und Folie lässt Angelika Loderer (geboren 1984 in Feldbach/Österreich, lebt und arbeitet in Wien) zeitlich begrenzte Bilder entstehen. Sie untersucht in ihrer Arbeit, die sowohl den Treppenaufgang als auch einen Teil des Obergeschosses bespielt, die Qualität von Sand und nutzt das Material entgegen seiner ursprünglichen Eigenschaften. So entstehen in einer Art Bodenrelief akkurate Flächen und Formen, die erstaunlich geradlinig angelegt sind. Die zwei Sandskulpturen überraschen durch ihre Stabilität: Im Zick-Zack-Muster ist Öl- und Quarzsand, der beim Gießen von Bronzeskulpturen verwendet wird, in drei unterschiedlichen Farben und Beschaffenheiten zu zwei Objekten aufeinander geschichtet worden. Lediglich die unebene bröckelige oberste Schicht und die losen Sandkörner auf dem Boden verraten ihre Fragilität.

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Angelika Loderer

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Angelika Loderer

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Angelika Loderer

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Angelika Loderer

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Angelika Loderer

Dass Licht auf ein gewölbtes Objekt (hier: zwei Acrylobjekte) projiziert wird und durch Reflexion und Brechung eine Kaustik, ein helles Bildmuster auf einer zweiten Oberfläche (hier: der Wand), entsteht, ist ersteinmal ein simples Prinzip. Harry Sanderson (geboren 1987 in Oxford/UK, lebt und arbeitet in London) allerdings geht den umgekehrten Weg: er nimmt das Bild, das durch eine Kaustik an die Wand geworfen werden soll, als Ausgangspunkt und berechnet mithilfe von Programmierern/innen und einer Software, die einen Algorithmus ausspuckt, die benötigte Oberflächenbeschaffenheit des Acrylglases, um ein Abbild eines Mitarbeiterprofilfotos der amerikanischen Computerserverfirma Cisco und das eines Filmstills aus Harun Farockis „Nicht löschbares Feuer“ (1969) zu erzeugen. Die Seherfahrung wird durch einen Sound begleitet, der sich im Obergeschoss ausbreitet, welcher durch Elektroden über drei auf Betonfüßen installierten horizontalen Glasscheiben abgespielt wird. Drei Screens, die eine Videocollage aus USB-Miskroskopaufnahmen zeigen, sind Teil der Installation. Immaterial labour ist hier nicht nur die verborgene Computertechnologie, sondern auch das soziale Netzwerk, das zu einem wichtigen Bestandteil von Arbeitsökonomie wird.

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Harry Sanderson

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Harry Sanderson

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Harry Sanderson

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Harry Sanderson

Eine Blüte mit Epoxidharz überzogen, ein Selfie-Stick, Wärmedecken, Fragmente des menschlichen Körpers, Abdrücke in Gips. Martijn Hendriks‘ (geboren 1973 in Eindhoven/Niederlande, lebt und arbeitet in Amsterdam) raumgreifende Installation erinnert zunächst an das dystopische Szenario der Novelle Crystal World (1966) des Science-Fiction Autors J.G.Ballard: alles ist erstarrt, eingefroren, mit verschiedenen Materialien umhüllt oder aus ihnen gegossen. Im nächsten Moment transformiert sich dieser statische Zustand jedoch sogleich: Pumpen und Schläuche verbinden alles miteinander zu einem atmenden Organismus, der sich aus seiner Digitalität in den Raum erweitert zu haben scheint. Die einzelnen Skulpturen funktionieren wie ein zerlegter Körper, der immer wieder zu einem neuen Subjekt zusammengesetzt wird. Private Nachrichten und Statusmeldungen Hendriks‘ Facebook-Accounts werden mittels eines Beamers auf eines der Objekte projiziert. Es entsteht ein materielles und immaterielles Netzwerk, das sich im Prozess von Identitätenbildung eingeschrieben hat und das hybride Selbst bestimmt.

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Martijn Hendriks

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Martijn Hendriks

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Martijn Hendriks

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Martijn Hendriks

Die Künstler und Künstlerinnen bespielen voneinander abgetrennte Räume und sind alle mit neuen mehrteiligen Arbeiten vertreten. Jede der Werkgruppen funktioniert (nicht nur räumlich) als eine in sich geschlossene Einheit, die, einmal in Gang gesetzt, fortlebt. Was alles wie ein unsichtbares Datenkabel miteinander verbindet, ist das (Abhängigkeits-)Verhältnis zwischen Maschinen und Organismen, die sich in Bildern manifestieren. Wenn Donna Haraway vom technologischen Determinismus in der Cyborg-Welt schreibt und feststellen muss, dass unsere Maschinen „auf verwirrende Weise quicklebendig – wir selbst dagegen aber beängstigend träge“ erscheinen, dann wirken die Dichotomien zwischen „Geist und Körper, Tier und Mensch, Organismus und Maschine, öffentlich und privat, Natur und Kultur, Männer und Frauen, primitiv und zivilisiert (…) seit langem ideologisch ausgehöhlt“ (erstmals erschienen unter Haraway, Donna: Manifesto for Cyborgs: Science and Technology, and Socialist Feminism in the 1980’s. In: Socialist Review 80. 1985. S. 65-108.). Materielles und Immaterielles löst sich auf oder verschaltet sich. Am Ende der Ausstellung ist der Prozess nicht abgeschlossen. Es wird noch immer gesucht – nach Geräten und Systemen, die technologische, soziale, mediale, ökonomische und identitätsbildende Vorgänge steuern. No new devices found ensure the device you are searching for is in pairing mode.

Text: Miriam Bettin

Alle Bilder basis e.v.