Sophia Domagala

Getanzt wird sowieso

Jetzt, sagt Sophia Domagala, sei ihre Arbeit an einem Punkt angelangt, der ihr gut gefällt und es ist tatsächlich ein Zustand erreicht, der ihre Art zu Malen noch einmal zu präzisieren scheint. Aktuell entstehen ihre Arbeiten in ihrem Atelier in Berlin-Lichtenberg. Dabei konnte Domagala immer wieder ihre Technik vereinfachen. Die Motive wirken im Moment wie spontane Launen. Wie Dinge, die im Jetzt passieren, die beinahe natürlichem Wachstum zu unterliegen scheinen. Nur noch selten werden die Leinwände auf Keilrahmen gespannt. Wenn sie malen will, dann muss es auch losgehen, sagt sie. Keine komplizierten Prozesse, Zwischenschritte oder langwierige Hemmnisse. Wie ein Gedanke, der ungefiltert übertragen wird. Das Einfache, Direkte ist das, was sie an den Betrachter übergibt.

Dieses ‚Prinzip’ existierte bereits an der Kunsthochschule Braunschweig, als ihre Arbeiten noch in der Klasse von Walter Dahn entstanden. So zeigte sie 2009 in der Ausstellung „La Bonne Horse“ im Bonner Kunstverein eine 10-minütige Videoarbeit, in der sie vor einer Zeichnung zu dem Song „Sinnerman“ von Nina Simone tanzt. Einfach, nicht choreografiert, allein für sich ohne die Absicht jemanden damit beeindrucken zu müssen. Eine Inszenierung, die einen kaum auffordert sie anzusehen, getanzt wird sowieso. Auch ihre tagebuchartigen Zeichnungen nahmen bereits während des Studiums ihren Anfang. Aufgezeichnete Sätze, die einen Alltag auf wenige Worte komprimieren. Die Einschränkungen einer Schwangerschaft und das bevorstehende Muttersein waren Quelle einer sich seitdem fortführenden künstlerischen Dokumentation ihrer Umwelt, dem Umgang mit dieser. Eine Auswahl dieser ersten Phase ist gesammelt in dem Heft „My White Gangster“ zu sehen. Erschienen in einer 200er Auflage bei der Edition Taube.

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Die Zeichnungen sind daraufhin immer wieder Ausgangspunkt für größere Arbeiten und raumgreifende Installationen. „Spiele mehr Klavier mit mir“. Dieser Imperativ stand in einer leicht naiven Handschrift an der Wand des Kieler K34 während ihrer Ausstellung „Retrofrost“ (2013). Daneben ein Fahrrad aus MDF sehr reduziert, jedoch gut erkennbar. Kunst als Bedürfnis, eine unüberwindbare Abhängigkeit von Ausdruck. Nicht um sich zu zeigen, sondern um etwas abzubauen, etwa wie Lust. Ein transformativer Prozess, der bei Domagala übersichtlich und nachvollziehbar bleibt. Die simple Sprache, um sich zu kommunizieren, bewegt sich irgendwo auf der Grenze zwischen romantischem Weltschmerz und tatsächlicher, individueller Erfahrung, die einen leicht berührt.

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Sophia Domagala ist real. Deswegen ist es auch viel einfacher, sich zu verlieben. Nur Vorsicht, denn gerade mit ihrer Einfachheit reflektiert sie die Über-Kultiviertheit einer, durch ihren Perfektionismus gelähmten, Gesellschaft. Sie spricht das aus, zeigt ihre Ablehnung und besteht auf einem subjektiven Freiheitsbegriff. Das, was Sophia Domagala anbietet, ist kein verkäufliches Lebenskonzept, auch wenn ihre Sätze fast schon so anleitend klingen, wie die eines Glückskalenders. Wenn sie uns einlädt, sich in ihren Installationen aufzuhalten, dann weil wir uns auch tatsächlich Auseinandersetzen sollten. Zuletzt verteilte sie dafür auf dem Fußboden des sic! Elephanthouse in der Schweiz feine Sägespäne. Nicht überall, der Türbereich blieb frei. Sehr sicherer Auftritt. Genau wie das Konzert des Musikers S S S S zum Abschluss der Ausstellung, welches das Künstlergespräch ersetzte. Auch dass sie alle Malereien gerollt im ICE nach Luzern transportiert hat, ist die Art von Statement, die sie glaubwürdig erscheinen lässt. Sie redet nicht umständlich über Kunst und Ökonomie, sondern hat sich einfache Mittel angeeignet zu praktizieren. Auf den aktuellen Bildern wächst alles schnell, riesige Beeren reihen sich aneinander, es herrschen paradiesische Zustände. Bunte Gewächse auf einer Lichtung, die Luft voll von Laub und frischen Bananen. Reicht das? – Dieser einfache Strich etwa, um sich kurz zu entziehen, ist das legitim? Bei Sophia Domagala lautet die Antwort immer sehr deutlich „Ja“. Ihre Arbeit besitzt seit Langem dieses überraschende Selbstverständnis und ist damit zeitloser, ohne aus der Zeit zu fallen. Es wird also nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sie an diesen Punkt gelangt, an dem ihr die Arbeit gut gefällt, denn es geht überhaupt nicht um diesen Punkt, es geht darum, sofort etwas zu machen.

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Text: Moritz Gramming

An diesem Samstag stellt Sophia Domagala im Kaskl von 16 – 22 Uhr ihr aktuelles Künstlerbuch „THINGS GO PASS. GO THINGS! THINGS GO?“ vor.
Dear friends,

SATURDAY June 04, 2016
4.00 PM – 8.00 PM &
SUNDAY June 05, 2016
3.00 PM – 7.00 PM

KASKL: Kaskelstrasse 28, 10317 Berlin