SPACE IN BETWEEN @ Agnes Maybach

Es gibt viele Möglichkeiten einen Raum zu definieren und mit dieser Definition dann weiter umzugehen. Gerade Projekträume haben auf diesem Gebiet die größtmögliche Freiheit, weswegen sie sich am besten eignen, um die Dinge auszuprobieren und Fragenstellungen oder Diskurse anzustoßen. Unter laborartigen Zuständen lassen sich ganz andere Bögen spannen als in Museen oder Kunsthallen.

Agnes Maybach in Köln – von den beiden Künstlerinnen Melike Kara and Şirin Şimşek in diesem Jahr gegründet – zeigt mit SPACE IN BETWEEN erst seine zweite Ausstellung, in der drei Positionen zusammengeführt werden und zeigt damit eine sehr eigentümliche Auswahl. Neben Alexander Tillegreen (*1991) – als junge zeitgenössische Position – werden noch der berühmte Medienkünstler und Fluxus-Pionier Nam June Paik und der deutsche Experimentalfilmer Walter Ruttmann gezeigt.

Tillegreens Arbeit ist eine Klanginstallation, die mit den dazugehörigen abstrakten Prints, über die Länge von knapp 11 Minuten in sechs Kapitel untergliedert ist. Cabin Fever (six chapters) collagiert und strukturiert Samples aus verschiedensten Quellen, die in ihrer Zusammenstellung eine fast überfordernde Hörerfahrung erzeugen. Diese Quellen reichen menschlichen Stimmen und natürliche Geräuschen hin zu elektronisch-synthetischen Klängen, die auch sehr musikalische Momente haben. Präzise verwendet Tillegreen eine Vielzahl von Referenzen, die von Karlheinz Stockhausen zu Pink Floyd reichen. In den kurzen ruhigeren Phasen der einzelnen Kapitel wird der Betrachter direkt auf sich selbst zurückgeworfen, wobei man nie wirklich losgelassen wird. Zwischen dem bewusst arrangierten Durcheinander von Sprachfetzen und üppigen Geräuschen sind diese kontrastierenden Momente sehr nötig. Dieses sich einstellende Gefühl der inneren Unruhe liegt auch daran, dass man das gesamte Arrangement nicht in einen physischen Raum zurück übertragen kann. Was nicht bedeutet, dass der Arbeit keine Struktur zugrunde liegt, sondern sie anstatt eine klaren Geschichte zu erzählen, ein abstrakt bleibendes Narrativ bleibt. Man bekommt wie im Zeitraffer eine Geschichte des Klangs geboten, die die Beschleunigung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem Beginn des 21. Jahrhunderts auf sehr eindrucksvolle Weise spürbar macht.

Diese innere Struktur der Soundarbeit taucht in den Prints wieder auf und jeder repräsentiert jeweils eines der sechs Kapitel. Die transparenten Drucke bewegen sich ästhetisch zwischen Malerei, Zeichnung und Fotografie und legen erzählerische Stränge methodisch ähnlich offen, wie die Zeichnungen von Mathew Barney über seine filmischen Arbeiten.

In der sinnlichen Erfahrung des Sounds liegt ein so großes Irritationspotential, dass das Raumgefühl des Betrachters zwangsläufig mitbestimmt oder beeinflusst wird und sich auch stark auf die Rezeption der durchsichtigen Prints auswirkt. Genau in diesem Verhältnis zwischen technisch-erzeugten Bild und dem akustischen Signal liegt der Zwischenraum, den die Ausstellung auch über die anderen Positionen forcieren möchte.

Walter Ruttmann ist der Begründer des deutschen abstrakten Experimentalfilms. Seine filmische Arbeit begann er mit experimentellen Kurzfilmen (Opus I-IV). Sein filmhistorisch bedeutendstes Werk ist der 1927 entstandene Montagefilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, sich über einen sehr rhythmischen Schnitt einen Tagesverlauf in der Metropole Berlin nähert. Ab 1933 beugte Ruttmann sich dann der Ufa und drehte im selben Jahr den Propagandafilm Blut und Boden. Die filmische Bildabfolge von Opus IV ist geprägt von geometrischen Formelementen, die sich mit dynamischen Bewegungen immer wieder verändern und mit einer sehr sphärischen Komposition untermalt sind. Bild und Sound sind hier im Gegensatz zu Tillegreen und Paik eine verschmolzene Einheit, die gemeinsame Stoßrichtung haben. Aus heutiger Sicht bedarf es vielleicht einiger Vorstellungskraft, aber Ruttmann bewegt sich hier ganz auf Höhe seiner Zeit bzw. ist ihr im avantgardistischen Sinne voraus. Technische Medien und Bilder sind viel stärker in ihrer eigenen Zeitlichkeit gebunden und laufen deswegen auch schneller Gefahr zu altern, aber wer sollte das einer neunzig Jahre alten schon vorwerfen.

Nam June Paik war zunächst Mitglied der Fluxus-Bewegung und trat dann in den frühen 1960er Jahren mit diversen Performances auf , danach gelangte über diesen Weg zur experimentellen Kunst und schließlich zur Arbeit mit Fernsehern als Kunstobjekten. Zunächst arbeitete er nicht mit Video, sondern manipulierte Fernseher, so dass sie das vorhandene Bild verzerrt wiedergaben. Er griff Impulse aus Musik und bildender Kunst sowie technische Innovationen auf und setzte sie in seiner Kunst um. In seiner Videoarbeit Electronic Moon 2 (1966) lässt er eine räumliche Annäherung ins Leere laufen. Man sieht zunächst eine Wasseroberfläche, die in leichter Bewegung ist, und dann von elektronisch-erzeugten Mustern abgelöst wird, die aber die Bewegung aufnehmen. Im weiteren Verlauf verdichten sie sich dann weiter zu einem kolorierten mondähnlichen Gebilde. Der gesamte Verlauf ist mit der Moonlight Serenade von Glenn Miller als Soundspur hinterlegt, aber bildet keine wirkliche Einheit. Das merkwürdige Nebeneinander ist auch Teil von Paiks genereller künstlerischer Haltung, der immer wieder kulturell-, religiös- und kunsthistorisch-aufgeladene Objekte in seinen Installationen verarbeitet.

Der Kuratorin Jana Baumann gelingt mit dieser Präsentation ein sehr harmonischer Dreiklang. Die schlüssige Gegenüberstellung der Positionen zeigt die verschiedenen Facetten, die der Zwischenraum – zwischen Bild und Sound – annehmen kann. Der physische Ausstellungsraum ist also eigentlich vielmehr ein Geflecht von Zwischenräumen, die sich annähern, berühren, dann wieder abstoßen und uns in Erwartung darauf, was als nächstes passiert, zurücklassen.

Text: Jan Tappe

 

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.11.05

Links: Walter Ruttmann, Opus IV,1925 rechts: Nam June Paik, Electric Moon 2, 1966

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.11.17

Nam June Paik, Electric Moon 2, 1966

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.11.27

Nam June Paik, Electric Moon 2, 1966

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.11.35

Nam June Paik, Electric Moon 2, 1966

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.11.44

Nam June Paik, Electric Moon 2, 1966

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.12.16

Walter Ruttmann, Opus IV, 1925

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.12.27

Alexander Tillegreen, Cabin Fever (six chapters), 2015

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.12.37

Alexander Tillegreen, Cabin Fever (six chapters), 2015

Bildschirmfoto 2015-10-02 um 10.12.48

Alexander Tillegreen, Cabin Fever (six chapters), 2015

Alle Fotos: Şirin Şimşek.