The Present in Drag – Agnieszka Roguski über die 9. Berlin Biennale

Live ist gestern. Mein Bewusstsein fließt durch die 9. Berlin Biennale, zusammen mit meinem Körper, meiner Identität, meinen Zuschreibungen und dem, was ich befürchte zu sein. Es spiegelt sich in Displays, Screens und, vor allem, einer eigentümlich in all dem wiederhallenden Außenwelt. The Present in Drag!

BB9 – Hybrides Strömen

Mimikry bedeutet ein hohes Maß an Ähnlichkeiten zwischen lebendigen Organismen bezüglich ihrer visuellen Gestalt, von denen angenommen wird, dass sie für Überleben und Vermehrung einer Spezies vorteilhaft verbunden sind. Ein biologisches Tool zur Optimierung in eigener Sache, um im evolutionären Wettlauf vorne mit dabei zu sein.

Kurz nach der Pressekonferenz am Pariser Platz liegt noch ein Pizzakarton zwischen Anna Uddenbergs Skulpturen, die sich zwischen ihren mobilen Apparaturen im Tourismus der Hyperkultur überstrapazieren. Man fotografiert den skulpturalen Selfiestick, der das Objekt subjektiv von hinten nimmt, und ist dabei nur durch eine Glasfront von den Touristen entfernt, die sich vor dem Drehorgelspieler im Trachtenlook oder dem Brandenburger Tor aufnehmen. Klaus Biesenbach trägt Jon Rafmans Oculus-Brille, facing a virtual reality. Ist das der Blick in die Zukunft? Das erste Presse-Echo spricht vom Unbehagen im Digitalen, dem nostalgisch gewordenen Overflow einer bizarren Onlinewelt. Als mir ein Polizist verbietet, mein Rad an einem Laternenmast anzuschließen, da dieser zur Sicherheitszone gehöre und an meinem Schutzblech Sprengstoff versteckt sein könne, und ich solange die pinkfarbene Stretchlimousine der sich verabschiedenden Junggesellinnen beobachte, als ein von Schreien begleitetes Bierbike fast in den Grünstreifen radelt, während auf der anderen Straßenseite eine Gruppe Deutscher für Roma und Sinti demonstriert, wünsche ich mir, mich schnell in den Videos von Lizzie Fitch und Ryan Trecartin entspannen zu können. Das geht gut, denn Teppichböden, Kissen und Sofas sind genauso oft parat wie Steckdose und Sportgerät. Pflanzen wie Smoothies begrünen das von Günter Behnisch entworfene Gebäude der Akademie der Künste, jener stilistisch bekannt für Freiheit, Transparenz und „demokratisches Bauen ohne jede Status- und Machtsymbolik“.

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9th Berlin Biennale for Contemporary Art, 4.6.–18.9.2016, Anna Uddenberg, Installation view; Transit Mode – Abenteuer, 2014–16, Journey of Self Discovery, 2016, Verschiedene Materialien, Mixed media, Courtesy Anna Uddenberg; Sandy Brown, Berlin , Photo: Timo Ohler

Liquid Citizenship ist Luxus im Geiste der Community, geflatrated und buchbar vom Mobiltelefon aus; sei dort zu Hause. In der AdK gibt es Werbefilmästhetik im Wohnzimmerhohlraum, erzeugt von Christopher Kulendran Thomas, eine Wandfläche mit Sitznischen und verpixeltem Home-Simulakrum von åyr ziert die Räume der KW. Calla Henkels und Max Pitegoffs Fotografien hängen an verspiegelten Wänden, zeigen leere Räume des repräsentativen Domizils eines US-Botschafters; Diplomatie in Dahlem, der Schatten der Künstler mit im Bild, Rollen sind dort abwesende Performer im Raum, im Bild, im Abbild und in dessen Aftermath. Raumkonzept der BB9: Wir verschwimmen im performativen Reality-Format; innen–außen, echt–künstlich, das sind Dimensionen, die nicht Messwert, sondern Make-Up sein können, Layering. Bei Katja Novistkova in der European School of Management and Technology passiert es durch die – üblichen – Aufsteller, das Kollektiv GCC führt uns auf der Zielgeraden im Kreis, zurück zu Simon Dennys Bitcoin Messeständen, die er zusammen mit Linda Kantchev hergestellt hat und in denen er an eine bessere Zukunft glaubt. Die findet in den privaten Räumen der Wirtschaftsschmiede statt, so wie sie die High Performance der Start-Up-Tech-Branche im Silicon Valley zitiert. Dort kostet sie Wohnraum oder Existenzsicherung für die, deren bessere Zukunft gerade nicht gemeint war oder deren Profil nicht passt.

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9th Berlin Biennale for Contemporary Art, 4.6.–18.9.2016, Christopher Kulendran Thomas, Installation view; New Eelam, 2016, mixed media, developed in collaboration with Annika Kuhlmann, production Klein and West, Mark Reynolds, design Manuel Bürger, Jan Gieseking, architecture Martti Kalliala, production design Marcelo Alves, biosphere Matteo Greco, creative director Annika Kuhlmann, Courtesy Christopher Kulendran Thomas; New Galerie, Paris, Photo: Timo Ohler

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9th Berlin Biennale for Contemporary Art, 4.6.–18.9.2016, åyr, Installation view; ARCHITECTURE, 2016, mixed media, Courtesy åyr; Project Native Informant, London, Photo: Timo Ohler

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9th Berlin Biennale for Contemporary Art, 4.6.–18.9.2016, Simon Denny with Linda Kantchev, Installation view; Blockchain Visionaries, 2016, mixed media, Courtesy Simon Denny; Galerie Buchholz, Cologne/Berlin/New York, commissioned and coproduced by Berlin Biennale for Contemporary Art, with the support of Galerie Buchholz, Cologne/Berlin/New York; Creative New Zealand, Photo: Timo Ohler

Inclusive Environments heißen jetzt Willkommen, um Nachhaltigkeit in die Vergangenheit der Zukunft zu bringen. Make the world a better place, Kreativität kann sich in jeder Arbeitslage entfalten, egal ob im Auto, Büro oder zu Hause und unabhängig davon, ob ein Zuhause im Zelt, am Zaun oder per Touch stattfindet. Ankommen heißt aktivieren, navigieren, und wer das nicht kann, bleibt im Stillstand der Straße zurück. Im Video von Halil Altindere wird als erstes meditiert: Einatmen und ganz hier sein in Kombination mit Flucht und Fremdheit. Der Raum, der gezeigt wird, scheint in seiner surrealen Überfülle zurückzublicken auf ein nun freigestelltes Szenario unserer unmittelbaren Umgebung – diesmal versucht Kunst nicht, ihre eigene Position in Arealen jenseits des Ausstellungsraumes zu reflektieren und damit in allerlei Alltagswelten „vorzudringen“, sondern spiegelt deren Produktionsbedingungen so drastisch zurück, dass alles außer der Kunst selbst künstlich zu sein scheint.

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Halil Altindere, Homeland, 2016 , (Lyrics by Mohammad Abu Hajar), video still, HD video, colour, sound (video still), Courtesy Halil Altindere and Pilot Gallery, Istanbul, commissioned and co-produced by Berlin Biennale for Contemporary Art, produced with the support of SAHA, Istanbul

Flow heißt das Gefühl, völlig in einer Tätigkeit aufzugehen. Übereinstimmung: Weder die Zeit, noch wir selbst spielen eine Rolle. Ohne Unterbrechung, so wie zwischen den einzelnen Arbeiten, den Relationen, Rollen und Orten die Unterschiede mal kleiner, mal unsichtbar werden. In Hito Steyerls Arbeit verschmilzt die Projektion zusammen mit mir als Teil einer Gesamtinstallation. Wir sind der Aktivität gewachsen, können uns konzentrieren, fühlen Kontrolle über unser Tun und glauben, dass die Zeit schneller vergeht. Adressiert werden dabei immer wir selbst, die Wandtexte sprechen zu uns per Du, unsere Stimmungen und Handlungen wiedergebend. Wer spricht, ist die Ansprache selbst, im Resonanzkörper einer nie schweigenden Institution.

Style macht es möglich, völlig aufzugehen im Strom der Bewegungen und identitären Attribute. Dass er dabei gleichförmig wird, gehört zum Konzept des marktfähigen Individuums im Distinktions-Stress; Rollen gibt es als Corporate Identity zu kaufen, „Publikum“-Shirts im Concept Store. Werbung ist Nonchalance, alles andere unsichtbar oder unerträglich. Je mehr ich das Gefühl habe, die Arbeiten werden redundant, desto mehr versinke ich in einer Style-Blase, deren Artikulationsvermögen in der Differenz von Usage liegt, nah am Screen wie in Josephine Prydes Fotoserie mit bunten Fingernägeln und Transmittern unterschiedlicher Natur, an denen man per Miniaturzug vorbeirollt; personalisiertes Entertainment hinter den Betonwänden der Feuerle Collection. Style ist Performance ist Evaluation, und so zirkuliert Alexandra Pirici um Ranking-Algorithmen der Newsfeeds, die sich durch unseren Alltag fressen. Dress Rehearsal, die Arbeit des Centre for Style (in Zusammenarbeit mit Anna-Sophie Berger; Burkhard Beschow & Anne Fellner; Max Brand; Rare Candy with Alden Epp, Spencer Lai, Natasha Madden, Misty Pollen, Ander Rennick & Amber Wright; Susan Cianciolo; Marlie Mul; Liam Osborne; H.B. Peace & Kate Meakin; Joshua Petherick; Lin May Saeed; Eirik Sæther) erleichtert meine verwirrte Wahrnehmung, denn neben den Bildschirmen, Projektionsflächen und appifizierbaren Beinah-Realitäten schlängele ich mich vorsichtig durch einen Parcours von Skulpturen und morbiden Materialien, die den Moment vor dem Auftritt zum fragilen Restbestand einer konstanten Probe-Situation werden lassen. Mein modisches Feedback: Blassblauer Presse-Look am Donnerstag, kunstbürgerlicher Chic am Freitag Nachmittag, abends ein Opening-Publikum, das die grellen Figuren der Videos nachbildet, die sie selbst abbilden sollen. „Die Leute gucken alle nur auf sich, als seien sie Objekte“, klagt eine junge Frau im Designer-Outfit am Eingangsbereich, kurz bevor ich mit dem Kostüm des Center for Style schließlich in die ausgewiesene Rolle der Performerin schlüpfe, die sich vom Gestus des Publikums vorwiegend dadurch unterscheidet, nicht selbst zu schauen, sondern angeschaut zu werden. Leibhaft verständlich finde ich jetzt die Sackgassen-Schilder der Konzeptkunst-Klassikerin Adrian Piper, die den Zugang zu symbolischen Codes paradox und zynisch reglementieren.

AlexandraPirici

9th Berlin Biennale for Contemporary Art, 4.6.–18.9.2016, Alexandra Pirici, Installation view, Signals, 2016, ongoing action, content ranking algorithm, Performers Sandhya Daemgen, Madalina Dan, Martin Hansen, Alice Heyward, Negroma, Jas¬min İhraç, Anna Jarrige, Leah Katz, Jared Marks, Zwoisy Mears-Clarke, Emily Ranford, light design Andrei Dinu, ranking Algorithm Consultancy and Integration Jonas Lund, voice announcements recorded by Aanisa R. Jama, courtesy Alexandra Pirici, photo: Timo Ohler

Wie und ob sich in diesem orchestrierten Stream eines ästhetischen Gesamtverständnisses ein (offenbar) in die Tage gekommenes Konzept wie Kritik verbergen kann, kann ich im Sog der beschleunigten Wiedergabe nur diffus ausmachen. Was eine solche Form der Kritik sein könnte, verschwimmt überdies im Drag einer um sich greifenden Performance, die, wie es in Cécile B. Evans Video heißt, Möglichkeitsräume mit bloßer Realität überbietet: It’s not possible, it’s real!

KW

@ KW Institute for Contemporary Art /Foto: Agnieszka Roguski

Text: Agnieszka Roguski