Tilting at Windmills – Notiz von Carina Bukuts

Von klein auf bekommt man beigebracht, dass es nichts nützt „gegen Windmühlen zu kämpfen“. Was und wen der Kämpfende als vermeintlichen Feind wahrnimmt, existiert nämlich lediglich in seiner Imagination. Vielen mag diese Redewendung vertraut sein, um die Ausweglosigkeit eines Kampfes oder gar einer Bemühung zum Ausdruck zu bringen. Der Ursprung hiervon leitet sich von den Taten des Don Quijote ab: Getrübt durch seine Einbildungskraft rennt der Protagonist in Miguel de Cervantes‘ Roman nicht nur gegen Windmühlen an, sondern allem voran gegen sich selbst. Er sieht sich umgeben von Gefahren und bösen Kräften. Diese waren es, die die Windmühlen in Riesen verzauberten und aus einer staubumwölkten Hammelherde ein mächtigstes Heer machten. Gleichwohl wie sehr Don Quijote gegen diese vorgeht, kommt er letztlich immer selbst zu Schaden und wird in einem Käfig auf einem Ochsenkarren schließlich nach Hause geführt. Wer jedoch stets treu an seiner Seite bleibt, ist sein Gefährte Sancho Panza. Dieser ist sich der Diskrepanz zwischen Don Quijotes Einbildung und der Realität bewusst, doch folgt er ihm in der Hoffnung, eine Insel zu bekommen, die man ihm versprach. Der Roman El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha (1605-1615) zählt zu den wichtigsten in der Literaturgeschichte, wurde vielfach adaptiert und diente auch schon Picasso als Modell.
Es ist die Wechselbeziehung zwischen Fiktion und Faktizität, die diese andauernde Rezeption erklärt und auch im Zusammenhang der jüngsten politischen Ereignisse Inspiration für die Ausstellung Tilting at Windmills bei Roberta war.

Roberta ist weder ein Riese, noch eine Windmühle und doch gibt sie vor etwas zu sein, was sie nicht ist. Sie tarnte sich in den letzten zwei Jahren als Ausstellungsraum im Frankfurter Bahnhofsviertel, aber blieb dabei unter ihrem Unsichtbarkeitsmantel stets eine Wohnung. Zu ihrer letzten Ausstellung ließ Roberta jedoch diesen Mantel fallen und präsentierte sich ebenso als privaten Raum. Ein Turnschuh im Bücherregal, Duschgel auf der Fensterbank, eine Pfanne neben der Couch, Fischsaucen im Schlafzimmer. Diese Eingriffe der Künstlerin Adriana Lara wirken wie befremdliche Gewohnheiten Robertas. Es sind Irritationen, die Fragen nach dem Verhältnis von Wohn- und Ausstellungsraum stellen und Objekte, an denen der Blick haften bleibt. Wie auch die Kleider auf dem Teppichboden, die sich sanft an die Fotografie Loukanikous (2014) von Lena Henke schmiegen. Diese zeigt einen seitlich liegenden Hund, der sich durch die Platzierung auf dem Teppich geradezu an ein Wohnzimmeridyll erinnert – oder auch an Nina Beiers Performance Tragedy, bei der ein Hund auf einem Perserteppich tot spielt. In gleicher Weise, in der bei Beier der Teppich zur Bühne wird, geschieht dies auch bei Tilting at Windmills, indem alle Werke im Raum durch Schinkel Klause Exterior Light (2016) von Calla Henkel & Max Pitegoff angestrahlt werden. Das warme Licht blendet den Betrachter und gibt gleichermaßen eine klare Linie in der Ausstellung vor, die genau wie auch Anna Zacharoffs Wandgemälde Yesterday, Last Night, Tomorrow (2017) bis an die Wand zur Münchner Straße führt. Beginnt das gemalte Aquarium mit großen grünen violetten Fischen, führt es sich fort bis nur noch Farbflecken an der hintersten Wand neben Laure Prouvosts Arbeit sichtbar sind. Zacharoffs Fische scheinen an eine Oberfläche schwimmen zu wollen, doch das Vorbild für Yesterday, Last Night, Tomorrow ist gerade eine Fischart, die so tief am Meeresgrund lebt, dass niemand sie bislang lebendig gesehen hat. Lediglich wenn der seltene Fall eintritt, dass ein solcher Fisch gefangen wird, wird er sichtbar. Doch bis er an der Oberfläche ankommt, ist er längst tot. Solange er lebt ist er unsichtbar. Dies klingt fast wie ein Märchen und ist doch symbolisch für unsere Gegenwart, die geprägt ist von Gesellschaften, die im Dunkeln tappen und Tatsachen, die erst ans Licht kommen, wenn alles zu spät scheint. An welche Oberfläche lohnt es sich da noch zu schwimmen?
Aus diesem Grund glotzen wir lieber. In Romuald Karmakars Video Pferde im Pool (2012) blickt der Betrachter auf eine Nilpferdfamilie im Zoo, doch worauf er eigentlich blickt, ist auf sich selbst. Schon seit Rainer Maria Rilkes Der Panther (1902) ist man sensibilisiert auf das traurige Bild eines wilden Tieres in Gefangenschaft. Während Rilkes Panther sich fühlt, „als ob es tausend Stäbe gebe und hinter tausend Stäben keine Welt“, planschen die Nilpferde bei Karmakar fröhlich herum. Kein Müßiggang der Schritte, stattdessen entlarvt Pferde im Pool den Betrachter als Voyeur, der durch die Gitterstäbe auf die Gefangenschaft der Tiere blickt – in Passivität und Amüsement. Mit einem weiteren berühmten Beispiel aus der Literaturgeschichte konfrontiert uns Laure Prouvost in ihrem Film The Wanderer (2012), der im Deutschen Filmmuseum gezeigt wurde. Dieser basiert auf der Übersetzung von Kafkas Verwandlung (1912) von dem Künstler Rory Macbeth, der die Erzählung ins Englische übertrug ohne jegliche Vorkenntnisse der deutschen Sprache. Diese Komplexität verschiedener Übersetzungsmodi zieht sich durch Tilting at Windmills und macht sich auch in der Arbeit The Pipe. The Flute. (2015) von Simon Dybbroe Møller bemerkbar. Es ist geradezu ein Seitenhieb an Magrittes La trahison des images (1928), indem Møller eine Flöte und eine Pfeife, die exakt die gleiche Länge haben, nebeneinander platziert. Ceci n’est pas une pipe. Mais qu’est-ce que c’est?

Mit ihrer letzten Ausstellung piekst Roberta nicht nur den Kanon der Kunstgeschichte an, sondern auch den Betrachter. In einer subtilen Weise transportiert Tilting at Windmills die Frage, inwiefern wir heute gegen Windmühlen kämpfen und uns von Illusionen täuschen lassen. Hier ist kein mahnender oder didaktischer Zeigefinger am Werk, sondern eine kuratorische Linie, die sich spielerisch und mühelos dem Betrachter offenbart. Dies mag vor allem daran liegen, dass Anna Goetz, Initiatorin von Roberta, die Ausstellungen in ihrer Wohnung stets in enger Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Künstlern konzipiert hat. Als Ergänzung zu den groß angelegten Ausstellungen, die sie als Kuratorin am MMK – Museum für Moderne Kunst realisiert hat, diente Roberta als ein Ort der Prozesshaftigkeit. Ein Ort, der in den ersten beiden Ausstellungen (What We Know und Poltroneria: Eating Out) zunächst seine Funktion als Wohnraum negierte und diesen nun mit Tilting at Windmills perfekt und geradezu artifiziell inszeniert.
Mit diesem letzten Auftritt verabschiedet sich Roberta aus Frankfurt und legt sowohl ihre Rolle als Wohn- wie auch als Ausstellungsraum nieder, um wieder ganz zum Zweitnamen von Anna Goetz zu werden. Vielen Dank für diese zwei wundervollen Jahre Leihgabe.

Text: Carina Bukuts

 

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Gina Folly, Me you 2, 2015, Installationsansicht „Tilting at Windmills”, Roberta, 2017, Foto: Natalia Rolon, Courtesy die KünstlerInnen

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Installationsansicht „Tilting at Windmills”, Roberta, 2017, Foto: Natalia Rolon, Courtesy die KünstlerInnen

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John Smith, Hotel Diaries, 2001-7, Video still, Courtesy der Künstler und Tanya Leighton, Berlin

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Installationsansicht „Tilting at Windmills“, Roberta, 2017, mit Arbeiten von Anna Zacharoff, Laure Prouvost und Romuald Karmakar, Foto: Natalia Rolon, Courtesy die KünstlerInnen

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Laure Prouvost, The Wanderer, 2012, Video still, Courtesy die Künstlerin und carlier | gebauer, Berlin

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11 Installationsansicht „Tilting at Windmills”, Roberta, 2017, mit Arbeiten von Adriana Lara, Calla Henkel & Max Pitegoff und Gina Folly, Foto: Natalia Rolon, Courtesy die KünstlerInnen

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Installationsansicht „Tilting at Windmills”, Roberta, 2017, mit Arbeiten von Adriana Lara und Adrian Williams, Foto: Natalia Rolon, Courtesy die KünstlerInnen

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Laure Prouvost, THIS SIGN FEELS SO WET AND SWEATY JUST BY LOOKING AT YOU, 2015, Installationsansicht „Tilting at Windmills”, Roberta, 2017, Foto: Natalia Rolon, Courtesy die KünstlerInnen

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Installationsansicht „Tilting at Windmills”, Roberta, 2017, Foto: Natalia Rolon, Courtesy die KünstlerInnen

 

ROBERTA
Tilting at Windmills
6. – 11. März 2017
Rosa Aiello, Simon Dybbroe Møller, Buck Ellison, Gina Folly, Lena Henke, Calla Henkel & Max Pitegoff, Romuald Karmakar, Adriana Lara, Dani Leder, Laure Prouvost, George Rippon, John Smith, Studio for Propositional Cinema, Franziska Von Stenglin, Adrian Williams, Anna Zacharoff
Münchner Straße 32
60329 Frankfurt am Main