Übermorgenkünstler – Junge Kunst aus acht Akademien, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Wenn man es einmal geworden ist, dann für immer und über den Tod hinaus. Deshalb funktioniert die Bezeichnung „Künstler“ im Titel der Ausstellung, die als Wettbewerb für Studierende und frischgebackene Absolventen der Kunsthochschulen in Basel, Frankfurt, Karlsruhe, Mainz, Straßburg, Saarbrücken und Stuttgart ausgeschrieben war, am besten als Komposition gemeinsam mit „Übermorgen“. Wobei Künstler ohnehin schon beinhaltet „Wie werde ich einer?“, „Warum will ich überhaupt?“ und „Was habe ich damit für eine Zukunft?“
Der Titel „Übermorgenkünstler“ lässt jedoch ungeklärt, ob es sich um eine Verheißung oder eher eine Herausforderung handelt oder gar als Provokation verstanden werden muss, weil ja die Frage aufkommt: „Warum sind wir in euren Augen noch keine? Obwohl Kunst doch jetzt schon alles für uns ist.“ 430 junge Künstler haben ihre Werke eingereicht, 36 wurden auserwählt.

Nun bewirbt ein Standbild aus einer der gezeigten Videoarbeiten, zufällig herausgepickt aus 25 nahezu identischen pro Sekunde gemäß der europäischen Bildübertragungsrate und somit angepasst an das menschliche Sehvermögen, stellvertretend die gesamte Ausstellung: Vor rosa Grund, der Oberkörper einer weiblichen Bodybuilderin im silbernen Retro-Bikini und tätowiertem Oberarm. Bekennend unangepasst: Transgender, multikulti, dabei vor Kraft strotzend, eben ein wenig von allem und überdeutlich die Absicht versprühend, keinesfalls zu bleiben, als was man zur Welt gekommen ist.

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Lotte Meret Effinger, Supernature, HD-Video, Loop 9 Min., 2014

Derlei Esprit in der Kurstadt wehen zu lassen, ist jedoch alles andere als wiederständig oder aufmüpfig, sondern logische Folge, wo sich doch in Baden-Baden bedingt durch den Luxustourismus mehr als andernorts scheinbar zwischen-weltliche Konsumenten tummeln in Burka oder mit nahezu alterslosem, maskenhaftem Äußeren, von denen man auf den ersten Blick auch nicht recht weiß, was sie darstellen oder wo sie herkommen, die man dort allerdings versucht mit Schildern oder Etiketts in der jeweiligen Landesprache und den Auslagen der Schaufenster untertänig zu machen. Fest steht nur, dass nicht eine Kur in der Trinkhalle oder ein Bad in der Therme deren unikales Aussehen bewirkt haben kann. Vielleicht scheut sich deshalb, gerade ob dieser Gestalten, die Malerei, die man sieht, so sehr davor figurativ zu sein. Es ist eben doch was anders in Baden-Baden, statt in einer Großstadt, Kunst zu gucken, weil das, was man außerhalb der Ausstellungen sieht, so gar nichts mit den Kunstwerken innerhalb zu tun hat, wo Webcam-Fotos und Chatverläufe, Homevideos und Übertragungen aus Überwachungskameras zu Digital-Collagen verarbeitet werden und im Grunde alle Arbeiten diesen Geist versprühen.
Derweil wird im Kunsthalle-Café noch immer wie in Wirtschaftswunderjahren Schwarzwälder-Schinken angeboten und die für Touristen so attraktive Pferdekutsche samt weiblicher Wagenlenkerin mit Zylinderhut macht auch vor den Pforten der Kunsthalle, wohin auch am Eröffnungsabend die Performances verlegt wurden, ehrgebietend halt, weil die Institution ja anscheinend doch die Macht besitzt aus Studenten Künstler zu machen und sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Dennoch sind in der Ausstellung zwei eindeutige Rollenmuster auszumachen: Erstens den Migranten, konträr zu besagtem Luxus-Touristen, deutlich in Arbeiten wie „Singing Kebab“ und „Singing Baba“ oder „Maikal U. und Kerim F. im Altdorfer Wald“ und zweitens den Künstler als Medium, dessen Geist genauso noch wie zu Beuys’ Zeiten genug Strahlkraft besitzt, das er augenscheinliche Nichtigkeiten wie unabsichtlich mitgewaschene Tempos zum Kunstwerk zu erheben vermag, die vom Künstler in der Ausstellung nur noch drapiert werden müssen, der mit dem Kopfhaar eine Leinwand bemalt oder eine mit Acrylfarbe gefüllte Bierflasche gegen die Wand wirft und dort zum Platzen bringt, somit gar keinen tragenden Untergrund mehr braucht zwischen ihm, seinem Erzeugnis und der Wand der Kunsthalle. Erwähnenswert ist auch, wie diese Ausstellung mit der vorangegangen „Nach dem frühen Tod“ korrespondiert, die sich mit der Vermarktung von Künstler nach deren allzu vorzeitigem Ableben beschäftigte und Künstler wie Basquiat, der mit 27, Peter Roehr, der mit 23, oder Francesca Woodman, die mit 22 Jahren das Zeitliche gesegnet haben, ausstellte. Wohingegen die meisten der jetzt beteiligten diese Altersgrenze bereits überschritten haben. Es stellt sich somit die Frage, wer bestimmt denn, wann sie so richtig Künstler und somit endlich an der Reihe sind? Wenn der Tod dabei doch keine Rolle mehr spielt. Der Kunstmarkt oder sie als Ausstellungsbesucher?

Text: Sebastian Späth

3. Paul McCarthy, Maritim Hotel, Frankfurt

Shower: Photo: ìDix 7, ìPaul McCarthy, Maritim Hotel, Frankfurtî, © Andrea …va Gyori.

2 Liebi

CÈline Liebi, ‹berflug, 16mm Film, 3Min. 40Sek., 2013.

1 Tracks_Treiber

Fabian Treiber, Tracks (in-situ), Ausstellunsansicht, Galerie_Klaus-Gerrit-Friese, Walter-Stˆhrer-Preis, 2014.

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Nina Laaf, 1,63 m≤, Stahl, Aluplatte, Baumwolle, in Gips getunkt, 2014.

Bildschirmfoto 2015-08-11 um 19.24.30

Petra-Soder, ich sehe, der Mond fehlte, gestern, Ausschnitt, Pflanzen auf Papier,, 196 x 1000 cm, 2014

 

Ausstellung: 11. Juli – 4. Oktober 2015
Übermorgenkünstler
Junge Kunst aus 8 Akademien
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Lichtentaler Allee 8a
76530 Baden-Baden