Unter dem Beton

Köln hat, was öffentliche Plätze mit historisch bedeutungsschweren Namen betrifft, einiges zu bieten. Chlodwig-, Barbarossa-, Rudolf- und Ebertplatz werden nicht nur durch eine vielbefahrene Ringstraße, sondern auch durch die U-Bahn-Linie verbunden. Wenn man unwissend und nicht-stadtkundig bei Platz an eine begrünte, verkehrsbefreite Fläche denkt, die zum verweilen und hinsetzen einlädt – wie man es von anderen Städten gewohnt ist – wird man in Köln allerdings schnell eines besseren belehrt. Verkehrskreisel, Straßenbahnkreuzung, viele Ampeln, Bushaltestellen und U-Bahneingänge prägen den Gesamteindruck dieser Plätze.

Der Ebertplatz, der zu Ehren Friedrich Eberts seit 1950 diesen Namen trägt, ist gerade zu typisch für die stadtplanerischen Visionen der 1960er und 70er Jahre, als Köln zur autofreundlichen Stadt umgebaut wurde. Als Fußgänger sollte man den Platz unterirdisch überqueren, über heute nicht mehr funktionierende Rolltreppen gelangt man in eine betonierte Fläche, die entweder über Rampen zur U-Bahn oder unter der Kreuzung hindurch wieder hinauf auf Straßenniveau führt. In sechseckigen Betoninseln wachsen vereinzelt Bäume, eine kinetische (heute trockengelegte) Brunnenskulptur bestimmt die Mitte des Platzes. In den 70er Jahren schuf man in der unterirdischen Passage Ladenflächen, in denen sich Boutiquen und Cafés ansiedelten. Bis in die 90er Jahre lief das Geschäft, dann veränderte sich langsam die Klientel, die Läden machten dicht und statt flanierenden Spaziergängern prägten Obdachlose und Drogendealer das Bild. Seit Jahren wird über einen Masterplan diskutiert, der vorsieht, den Platz wieder zuzuschütten und zu begrünen. Schandfleck, Betonwüste, „völlig verpatzter Platz“ (Kölner Stadtanzeiger, 2012) sind einige Bezeichnungen, die der Ebertplatz sich heute von Passanten, Politikern und Journalisten anhören muss. Seit 2009 ist allerdings noch eine andere hinzugekommen: eine der spannendsten Adressen im Kölner Kunstleben (Monopol). In den Ladengeschäften unter der Straße haben sich nach und nach Off-Spaces angesiedelt und ein in Köln einmaliges Konglomerat an unabhängigen Kunsträumen gebildet. Nach den Pionieren Labor (2004) eröffnete 2009 Bruch&Dallas, dann 2011 die BOUTIQUE und zwei Jahre später Gold+Beton. Im Januar 2015 hat die Kuratorin Maria Wildeis die BOUTIQUE übernommen und führt sie jetzt unter dem Namen Tiefgarage fort. Der Name spielt auf einen weiteren Plan für die Umgestaltung des Platzes an, der von der FDP-Fraktion in den Raum geworfen wurde und der vorsieht, an der Stelle Platz für ganze 154 Autostellplätze zu schaffen.

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Aus der Publikation BOUTIQUE. Ebene minus eins

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Aus der Publikation BOUTIQUE. Ebene minus eins

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Aus der Publikation BOUTIQUE. Ebene minus eins

Als erster darf der französische Künstler Djonam Saltani die Tiefgarage bespielen. Aus Pappe und Klebeband hat er eine raumfüllende labyrinthische Installation geschaffen, in deren Zentrum eine Art Tipi als Wohn- und Schlafstätte des Künstlers während der Vorbereitung und Laufzeit der Ausstellung dient. Während gegenüber eine Gruppe von Obdachlosen nahezu permanent lebt und sich eine Ecke des Platzes als vorübergehenden Lebensraum angeeignet hat, baut Saltani sich in der Installation seinen eigenen geschlossenen Kosmos, den er über zwei Monate konsequent weiterentwickelt: Journey to Nowhere Lands as a Response to the Impassable Horizons in Hollow Skulls. Die Reise ins Unbekannte ist dabei Programm – wirklich fertig ist seine Arbeit an der Ausstellung vermutlich erst, wenn sie schon wieder vorbei ist.

Maria Wildeis, die als freie Kuratorin in Köln arbeitet, bezeichnet die Tiefgarage als Konzeptraum, in dem sie einzelne Künstler einlädt, in großgedachten und radikalen Interventionen auf den Platz und die Besonderheit des Ortes einzugehen. Das Prozesshafte steht dabei im Mittelpunkt, das Ende ist so offen wie die Entwicklung ihres Ausstellungsraumes und die des Platzes, an dem er steht. Das Programm der Tiefgarage ist als über einen längeren Zeitraum stattfindende Gruppenausstellung angelegt, in der die Künstler immer in irgendeiner Beziehung zueinander stehen oder aufeinander reagieren werden. Nach Saltani übernimmt der Düsseldorfer Künstler Thomas Trinkl den Raum vom 27.3. – 8.5. Dazu gibt es während allen Ausstellungen ein Rahmenprogramm mit Performances, Gesprächsreihen oder Konzerten und kurze Aktionen zwischen den Ausstellungsphasen.
Eines ist sicher, die Tiefgarage wird kein cleaner White Cube mit minimalistischen Werken an den Wänden. Das ist sie der besonderen Art von Klientel schuldig, die den Ebertplatz passiert, meint Maria Wildeis. Es kommt ständig vor, dass Leute einfach hereinschauen, weil sie sich wundern, was dort passiert, nach dem Weg fragen, weil sie sich verlaufen haben oder auf dem Weg von A nach B von der Kunst überrascht werden und sich darüber die interessantesten Gespräche entwickeln.

Wer mehr über den Ebertplatz, seine historische, städtebauliche und künstlerische Bedeutung und Entwicklung wissen will, dem sei die neu erschiene Publikation BOUTIQUE. Ebene minus eins ans Herz gelegt, die von den drei Machern der Boutique Maximilian Erbacher, Yvonne Klasen und Diane Müller als Rückblick auf 3 Jahre Boutique herausgegeben wurde. Mit Texten von Marc Augé, Klaus Ronneberger, Sofie Mathoi, Stefan Römer und Johannes Stahl und Interviews mit Brigitte Franzen sowie Werner Baecker, Hiltrud Kier und
Christian Schaller. 148 S., ca. 40 farbige Abb., deutsch/englisch, 15.— Euro. www.strzelecki-books.com

Text: Leonie Pfennig

Mehr Infos:
www.tiefgarage.org
www.boutique-koeln.de

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