Urbane Künste Ruhr

Das Ruhrgebiet hat als eine der ärmsten Regionen in Deutschland mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Industriebrachen und leer stehende Kohlezechen wechseln sich ab mit grauen Stadtlandschaften und trostlosen Fußgängerzonen, auf den schier endlosen Autobahnen reiht sich ein Stau an den nächsten und mit Ausnahme des BVB in den letzten paar Jahren mag man den Eindruck gewinnen, vieles im „Pott“ habe schon bessere Zeiten gesehen, die spätestens seit den Wirtschaftskrisen der 80er Jahre und mit dem Niedergang der Montanindustrie vorbei sind.

In den Innenstädten erinnern gebaute Utopien der Nachkriegsjahrzehnte an die großen Zukunftsvisionen, die man für das Wohnen, Arbeiten, Studieren und Konsumieren in der Region hatte – riesige Hochhausanlagen mitten in der Stadt, betonierte Plätze, für Autos optimierte Verkehrsknoten und die größte Campus-Universität in Deutschland, in der auf jeden Hörsaalstuhl ein Parkplatz kommt, so scheint es.

Wie soll man mit diesem architektonischen Erbe der jungen Bundesrepublik umgehen? Abreißen und begrünen sagen viele; erhalten, erforschen und wertschätzen die anderen, deren Stimmen in den letzten Jahren lauter werden.

Unter dem Titel „gestern die stadt von morgen“ haben die drei RuhrKunstMuseen (link: http://www.ruhrkunstmuseen.com) in Mülheim an der Ruhr, Marl und Bochum sechs Künstler dazu eingeladen, einen aktuellen Blick auf die urbanen Zukunftsentwürfe der 60er und 70er Jahre zu werfen und Arbeiten für den öffentlichen Raum an den drei Orten zu entwickeln. Entstanden sind Soundinstallationen in leerstehenden Schwimmbädern und Fußgängerzonen (Denise Ritter, Michaela Melián), Interventionen in einem Einkaufszentrum (Corinna Schnitt), Wandmalereien an Parkhauswänden (KONSORTIUM), eine temporäre Künstlerresidenz als work in progress (Martin Kaltwasser) und eine Videoarbeit, die in einem Universitätsflur zwischen Gipsabgusssammlung und Seminarräumen auf eine Fensterfront projiziert wird (Nico Joana Weber).

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KONSORTIUM: “ Doom, Void, Hope“, ©: Urbane Künste Ruhr

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Nico Joana Weber, Installationsansicht „Markasit“, Ruhr-Universität Bochum, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Nico Joana Webers Film „Markasit“ spielt an der Ruhruniversität Bochum, jenem absurd riesigen Campus zwischen Autobahn und grünen Kuhweiden, der in den 60er Jahren die erste Universitätsneugründung Deutschlands war. Wie ein Ufo liegt das Audimax umgeben von Betonwegen und –treppen zwischen anonymen Gebäudekomplexen, die sich nur durch ihre unterschiedliche Größe und die Buchstaben, die sie zur Orientierung tragen, von einander abheben. Hat man aber erst den Weg nach draußen gefunden, raus aus Aufzügen und endlosen Fluren an den Rand des Campus-Geländes, eröffnet sich ein gerade zu idyllisches Panorama aus hügeligen Wiesen, Wäldern und alten Fachwerkbauernhäusern.

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Nico Joana Weber, „Markasit“, Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

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Nico Joana Weber, „Markasit“, Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Diesem Kontrast zwischen der einst futuristischen, inzwischen in die Jahre gekommenen Architektur, dem Ideal einer modernen, durchgrünten Bildungsstadt mitten in einer ländlichen, arkadischen Umgebung, geht Nico Joana Weber in ihrem Film nach. Die Kamera folgt einer ätherischen Figur, die wie aus der Zeit gefallen aufmerksam beobachtend durch den verlassenen Campus streift, Hörsäle und Bibliotheken durchkreuzt, Labore, botanische Anlagen und Studiensammlungen besucht. Sorgfältig komponiert setzt Weber die Uni in Szene und lässt die etwas runtergekommene Betonwüste streckenweise als modernistisches Architekturdenkmal erscheinen.

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Nico Joana Weber, „Markasit“, Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Als die Protagonistin die mineralogische Sammlung und dort das titelgebende Gestein Maraksit entdeckt, vollzieht sich nicht nur an ihr eine schleichende Transformation – allmählich bewegt sie sich in den Außenraum, auf eine Exkursion in die  Natur. Dort findet sie statt kostbaren Schätzen, wie einst die Mineralogen in der Umgebung den Markasit, als sie die Sammlung begründeten, verwilderte Gärten, Brunnenanlagen, in denen sogar eine  Wasserschlange durchs Bild kriecht, und gestaltete Landschaften, die nach und nach von der Natur zurückerobert und überwuchert werden. Kaum zu glauben, dass dieser idealtypische Wald, in dem Vögel und Frösche um die Wette lärmen, sich auf demselben Gelände wie die Universität befindet, die ohne weiteres als Kulisse für einen Science-Fiction Film über dystopische Stadtwelten durchgehen könnte.

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Nico Joana Weber, „Markasit“, Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Man wird dazu verleitet, den Film wieder und wieder anzusehen, so geschickt wird man auf der Spur der Protagonistin in ihren Bann gezogen. Bei jeder Runde entdeckt man neue Details, wie zum Beispiel die kleinen Stalaktiten, vom Regenwasser gebildet von einer Betondecke tropfen, entschlüsselt Bezüge zwischen den Orten und Szenen untereinander, findet Anspielungen und Referenzen auf die Kunst- und Architekturgeschichte, wie ein Foto von Andreas Gursky, das einen Säulenbalkon der Universität wie einen antiken Tempel erscheinen lässt. Vor allem aber sieht man die Universität – und davon ausgehend vielleicht auch das eine oder andere scheinbar graue Nachkriegsgebäude – mit anderen Augen.

Nico Joana Weber, "Markasit", Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Nico Joana Weber, „Markasit“, Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

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Nico Joana Weber, „Markasit“, Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Nico Joana Weber, "Markasit", Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Nico Joana Weber, „Markasit“, Videostill, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Nico Joana Weber, Installationsansicht  "Markasit", Ruhr-Universität Bochum, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Nico Joana Weber, Installationsansicht „Markasit“, Ruhr-Universität Bochum, Foto: Nico Joana Weber, © Urbane Künste Ruhr

Ausstellung: gestern die stadt von morgen, im Rahmen von Urbane Künste Ruhr (link: http://www.urbanekuensteruhr.de), 22.6. – 7.9.2014,

Orte im öffentlichen Raum: Stadtzentrum mit Rathaus in Marl, Ruhr-Universität Bochum, Forum City in Mülheim an der Ruhr

Beteiligte Museen: www.skulpturenmuseum-glaskasten-marl.de, www.kusa-rub-moderne.de, www.kunstmuseum-mh.de

Text: Leonie Pfennig